Von Geislingen ins Freilichtmuseum nach Beuren Ein Haus geht auf Wanderschaft

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Der 125 Jahre alte Tanz-und Festsaal des Gasthauses Wilhelmshöhe in Geislingen wird in seine Einzelteile zerlegt und im Freilichtmuseum Beuren wieder aufgebaut. Dort winkt ihm ein zweites Leben als Erlebnis- und Genusszentrum.

Der Tanzschuppen des Gasthauses Wilhelmshöhe hat die längste Zeit die Geislinger Talaue    überblickt. Das Gebäude wird nun  ins Freilichtmuseum Beuren versetzt. Foto: Horst Rudel 6 Bilder
Der Tanzschuppen des Gasthauses Wilhelmshöhe hat die längste Zeit die Geislinger Talaue überblickt. Das Gebäude wird nun ins Freilichtmuseum Beuren versetzt. Foto: Horst Rudel

Geislingen/Beuren - Noch steht der Tanzschuppen des ehemaligen Gasthauses Wilhelmshöhe an seinem seit 125 Jahren angestammten Platz in Geislingen an der Steige (Kreis Göppingen). Die Außenhülle ist, wenn auch schon vollständig eingerüstet, immer noch intakt. Im Innern dagegen löst sich das Holzgebäude langsam in seine Einzelteile auf. „Ich habe vorsichtshalber mal 2000 Nummern eingepackt“, sagt Philipp Schäle von der Firma Jako Baudenkmalpflege, einem auf den Umzug von Gebäuden spezialisierten Unternehmen aus Rot an der Rot (Kreis Biberach). 2000 Nummern stehen für 2000 Einzelteile, in die die Jako-Fachleute den Tanzsaal in den nächsten Wochen zerlegen werden – um ihn im Freilichtmuseum des Landkreises Esslingen in Beuren später originalgetreu wieder aufzubauen.

„Diele für Diele, Leuchte für Leuchte – so, wie der Schuppen Jahrzehnte lang der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Geislingen gewesen ist“, erklärt Carl-Heinz Mosch, der im Hochbauamt des Landratsamts Esslingen für Sonderbauten zuständig ist. Seitens des Bauherren, des Landkreises Esslingen, begleitet er als verantwortlicher Projektleiter die gesamte Translozierung, so lautet der gängige Fachbegriff für den aufwändigen Umsetzungsvorgang. Ist der Gartensaal dann im Beurener Museumsdorf wieder aufgebaut – wenn alles nach Plan verläuft, könnte das im August 2019 sein – wird dort nicht mehr das Tanzbein, sondern der Kochlöffel geschwungen. Der ehemalige Tanzschuppen ist als Mittelpunkt eines Erlebnis- und Genusszentrum für alten Sorten vorgesehen.

Statt des Tanzbeins wird künftig der Kochlöffel geschwungen

„Wir werden zentral einen Glaskäfig mit einer integrierten Schauküche einbauen. Dazu kommt eine Dauerausstellung über alte Getreide-, Gemüse-, und Obstsorten“, sagt Mosch. Auf einer Leinwand kann man den Köchen bei der Arbeit über die Schulter schauen. In dem Aktionsbereich sollen dann Landfrauenvereine, Obst- und Gartenbauvereine, Brenner, Verarbeiter oder Anbauorganisationen ihre Produkte aus alten Sorten vorstellen und verkosten. Mit den vorhandenen Anbauflächen und Verarbeitungsangeboten, den Museumsgärten, dem Produktverkauf im Tante-Helene-Lädle und der Museumsgastronomie wird so ein Gesamtpaket geschnürt, das die schon vorhandenen Erlebnisbereiche im Freilichtmuseum ergänzt. Finanziert wird das rund 1,63 Millionen teure Bauvorhaben vom Landkreis Esslingen als Museumsträger, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und dem Förderverein Freilichtmuseum Beuren.

In den Zustand von 1956 zurückversetzt

Bis aus der Vision Wirklichkeit wird, ist erst einmal Handarbeit angesagt. Von dem Tanzschuppen wird ein dreidimensionaler Aufriss gemacht, jedes Teil erfasst, nummeriert und von Hand in den Plan eingetragen. In seine Einzelteilen zerlegt, macht das Gebäude auf dem Weg von Geislingen ins Freilichtmuseum dann einen längeren Umweg über Rot an der Rot. Dort, in der Jako-Restaurierungshalle, wird der Tanz- und Festsaal wieder zusammengebaut, im Ganzen restauriert und in den von den Museumsmachern gewünschten Zustand von 1956 versetzt. Danach kehrt er, erneut in seine Einzelteile zerlegt, wieder an den Albtrauf zurück.

Dem Zeitschnitt von 1956 fällt eine Nutzung zum Opfer, die es Mosch besonders angetan hat. Im Jahr 1978 hat der Geislinger Kunstkraftsportler Albert Küst in dem Gebäude ein Fitness-Studio eröffnet, das wahrscheinlich erste in Deutschland überhaupt. Von dem Vorläufer aller Mucki-Buden zeugen nur noch stilisierte Darstellungen von Gewichthebern und Turnern an der Rückwand des Saales.




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