Geislinger Siechenkapelle saniert Einst Zufluchtsort, dann Lager, nun Kleinod

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Aussätzige beteten dort im Mittelalter für ihr Seelenheil: Am Sonntag wurde die neu restaurierte Siechenkapelle in Geislingen wieder eröffnet. Obwohl sie eine der beiden letzten ihrer Art in der Region Stuttgart ist, wäre sie fast abgerissen worden.

Die Wiedereröffnung der Kapelle hat viele Bürger angelockt, die sich ein Bild vom Ergebnis der Sanierung machen wollen. Foto: Horst Rudel
Die Wiedereröffnung der Kapelle hat viele Bürger angelockt, die sich ein Bild vom Ergebnis der Sanierung machen wollen. Foto: Horst Rudel

Geislingen - Ob es tatsächlich der Standort war, wie der Geislinger Oberbürgermeister Frank Dehmer vermutet? „Man hätte der Kapelle eine schönere Lage gewünscht, im Stadtpark zum Beispiel. Vielleicht wurde das Kleinod auch wegen seines Standorts lange Zeit nicht angemessen gewürdigt“, mutmaßte Dehmer bei der Wiedereröffnung der Geislinger Siechenkapelle am Sonntag. Tatsächlich befindet sich die winzige Kirche aus dem 14. Jahrhundert, in der einst Leprakranke für ihr Seelenheil beteten, nicht gerade an einem Ort, wo man auf die Suche nach Kulturschätzen gehen würde: auf dem Hof der Geislinger Straßenmeisterei, neben der Bundesstraße 10, auf der tägliche tausende Autos und Lastwagen vorbeirauschen.

In den 90er Jahren wäre die Kapelle beinahe abgerissen worden. Sie war die Jahrzehnte zuvor so vernachlässigt worden, dass sie als baufällig galt. Dabei ist sie in der Region Stuttgart – neben der Siechenkapelle in Waiblingen – das letzte Zeugnis der vielen Siechenhäuser, die es im Mittelalter in der Nähe jeder größeren Stadt gab.

Leprakranke bettelten auf der Straße

Der Standortnachteil von heute sicherte den Aussätzigen von einst das Überleben: Die Kapelle gehörte zu einem Siechenhaus, in das die Leprakranken zum Schutz der gesunden Bevölkerung vor Ansteckung in eine lebenslängliche Quarantäne gezwungen wurden. Das Siechenhaus musste außerhalb der Stadtmauern liegen. Weil die Kranken keine Einkünfte hatten, waren sie auf die Nähe zu belebten Straßen angewiesen. Dort erbettelten sie sich einen Teil ihres Lebensunterhaltes.

Dass die Kapelle nicht wie die meisten anderen ihrer Art abgerissen wurde, nachdem sich die Lepra dank besserer Hygiene aus Deutschland zurückgezogen hatte, ist dem damaligen Wirt des Gasthofs Adler zu verdanken. Er ersteigerte das Siechenhaus 1806 samt dem Kirchlein und dem zugehörigen Hof. Das Hauptgebäude ließ er abbrechen, nur die Kapelle durfte stehen bleiben – sie diente ihm fortan als Lager.

Die erste Sanierung ging zum Teil schief

In den 40er Jahren ging das Gebäude schließlich in die Hand des Bunds über. Auch die Straßenbauverwaltung nutzte die Kapelle als Lager. Doch als sie Ende der 80er Jahre beseitigt werden sollte, gingen die Geislinger, allen voran der Kunst- und Geschichtsverein, auf die Barrikaden. Am Ende übernahm die Stadt das Gebäude für den symbolischen Preis von einer D-Mark.

„Und sobald das Gebäude im Besitz der Stadt war – so wurde mir erzählt – kam das Denkmalamt und verlangte eine Sanierung“, sagte Dehmer, der erst viele Jahre später sein Amt antrat. Doch es blieb nicht bei einer Sanierung. Denn vor vier Jahren stellte sich heraus, dass beim ersten Mal Fehler gemacht worden waren, etwa durch die Verwendung ungeeigneter Baustoffe. In den vergangenen beiden Jahren haben Experten nun die Außenhaut des Gebäudes von Schäden durch ausblühendes Salz befreit und als künftigen Schutz einen Putz aufgebracht, der sich an den Materialien orientiert, die im Mittelalter verwendet wurden. Im Inneren der Kirche wurden die Reste der Malereien konserviert, damit sie nicht von den Wänden bröckeln.

Informationen für Besucher

Die Siechenkapelle ist von Mai bis Oktober jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet, das nächste Mal also am Sonntag, 5. Mai. Bei Führungen und Ausstellungen gelten teils andere Zeiten.