Geizig oder protzig Wie viel Trinkgeld soll es sein?

Zu viel? Zu wenig? Geizig will der Gast nicht rüberkommen. Aber protzen gilt auch nicht als angemessen. Foto:  

Fürs Trinkgeld gibt es keine klaren Vorgaben. Das macht die Sache bisweilen schwierig. Man kann sich leicht blamieren. Und warum geben wir überhaupt Trinkgeld?

„Geiz ist geil“ – dieser berühmte einstige Slogan einer Elektronikhandelskette gilt nach wie vor für manche Menschen als Credo; und zwar nicht nur für jene, die Fernseher, Küchenmaschinen oder Videospiele möglichst günstig erstehen möchten. Knauserei zeigt sich beispielsweise auch beim Geben von Trinkgeld. Wer im Restaurant eine Rechnung von 99,20 Euro mit zwei Fuffis begleicht und ein großspuriges „Stimmt so“ hinzufügt, ist getrost in die Schublade „Geizhals“ zu stecken.

 

Doch zugegebenermaßen herrscht oft eine große Unsicherheit ob der Höhe des Trinkgeldes. Es gebe in Deutschland keine Vorgabe oder gar Vorschrift, beruhigt Stefanie Heckel vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. „Der Gast entscheidet stets individuell, ob und in welcher Höhe er Service und Küche mit einem Trinkgeld belohnt.“

Mit fünf bis zehn Prozent ist man hierzulande auf der sicheren Seite, wobei man es nicht allzu dogmatisch handhaben sollte: Selbst Mathe-Experten dürfen bei 17,90 gern großzügig aufrunden, anstatt exakt 1,79 Euro extra springen zu lassen.

So mancher findet das japanische System übersichtlicher: In dem asiatischen Land gilt, ebenso wie in China, die Gabe von Trinkgeld als Beleidigung, zumindest aber als extrem unhöflich – jedenfalls fernab von internationalen Hotels.

In Europa freuen sich Bedienstete bereits seit dem 14. Jahrhundert über ein Trink-, Trank- oder Trunkgeld. Manchmal hieß es auch Badegeld, wenn es an Helfer in Badestuben ging, oder Botengeld, erzählt Charlotte Jung, Benimmexpertin aus Königstein und Trainerin in Sachen Etikette. Diener, Kutscher oder Laufburschen haben das Trunkgeld – wie der Name schon sagt – ganz offiziell versoffen; bestenfalls außerhalb des Dienstes.

Mehrere Milliarden Euro jährlich

Der berühmte Freiherr von Knigge empfahl 1788 in seiner Benimmfibel ein „gutes Trinkgeld“. Einen Popularitätsschub erfuhr es während der industriellen Revolution. „Die Städte wuchsen, und das Freizeitgewerbe ließ immer neue Berufsgruppen wie Kellner oder Träger entstehen“, berichtet Jung. „Im Rahmen des sich verbreitenden Wirtschaftsliberalismus waren diese sehr schlecht bezahlt, weshalb von den Kunden ein finanzieller Beitrag erwartet wurde.“

Heute gibt man fast selbstverständlich dieses freiwillige Zubrot, wenn man besonders zufrieden war: dem Servicepersonal in der Gastronomie, Handwerkern, Friseuren, Taxifahrern oder Zimmermädchen. Mehrere Milliarden Euro wechseln jährlich auf diesem Wege steuerfrei den Besitzer.

Genau könne man es nicht zählen, weil nie ganz offen über diese Art von Einnahmen gesprochen werde, sagt Christian Stegbauer, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt und Buchautor („Superschwache Beziehungen: Was unsere Gesellschaft kulturell zusammenhält“). Mit einer Gruppe von Studenten hat er sich bereits eingehend mit dem Thema Trinkgeld beschäftigt und vor allem das soziale System dahinter beobachtet; sowohl das der Geber als auch das der Nehmer.

Ist der Schnaps aufs Haus Bestechung?

Ihn hat die These der Wirtschaftswissenschaften geärgert, dass man nur etwas gebe, um beim nächsten Besuch besser behandelt zu werden. „Das wäre das Reziprozitätsprinzip. Man verschenkt etwas und möchte eigentlich sich selbst etwas Gutes tun“, so Stegbauer zu diesem individuellen Kosten-Nutzen-Kalkül.

Die Gabe als eine Form des Wirtschaftens – da sträuben sich dem Soziologen jedoch die Nackenhaare, denn er sieht meist ganz andere Motivationen wie die Belohnung für Freundlichkeit, gute Arbeit oder Zuvorkommenheit.

Dennoch konnte das Team um Stegbauer auch beobachten, dass in einigen Fällen das Drumherum beim Trinkgeld einen leichten Beigeschmack von „Geschäft“ erzeugen könne. Der Schnaps aufs Haus, der Glückskeks beim Chinesen oder die Pralinenauswahl im Sternerestaurant – all das kann das Trinkgeld etwas größer ausfallen lassen.

„Das darf aber nicht sofort geschehen, sonst riecht es doch arg nach Handel. Der bessere Eindruck ist eindeutig, ein paar Minuten zu warten, bis auf das ‚Geschenk‘ die Rechnung folgt“, sagt Stegbauer. Tatsächlich fühlen sich viele Gäste nach diesen Aufmerksamkeiten animiert, sich zu revanchieren.

Erfahrenes Personal kann Einfluss nehmen

Des Weiteren kann erfahrenes Personal durch die Zuteilung der Tische Einfluss auf den Extra-Verdienst nehmen. „Je nachdem wie die Trinkgelderwartung auf den ersten Blick ist, lenkt man die Gäste in den eigenen Bereich oder in den eines Kollegen“, erläutert Stegbauer. Dumm nur, wenn dann der Gast in zerfetzten Klamotten schließlich doch großzügiger ist als der schicke Anzugträger.

Nicht zuletzt kann – besonders bei weiblichem Personal – ein zufälliges Berühren am Arm ebenfalls für höhere Trinkgelder sorgen. Aber Achtung: „Es gibt auch unangemessen hohe Tips. Die können unangenehm sein, weil man die Absicht, die eventuell dahintersteht – vielleicht eine unlautere –, nicht deuten kann“, erwähnt Stegbauer.

Ein Zuwenig ist selbstredend auch irgendwie peinlich, vor allem, wenn andere zugucken. In größeren Gruppen wird häufig das getrennte Bezahlen praktiziert. „Da orientiert man sich entweder am Vorgänger, der schon gezahlt hat, oder man gibt sogar mehr, als man das normal tun würde, weil jemand zuvor zu geizig war und man das Ansehen der Gruppe retten will.“

Was gilt beim ersten Rendez-vous?

Bei ersten Dates ist man übrigens meist spendabler, als man das üblicherweise ist, damit die neue Bekanntschaft einen guten Eindruck bekommt. Denn Knauserigkeit in einer sich anbahnenden, noch zarten Liebe stößt meist nicht auf ein bewunderndes „Oh, der kann aber gut mit Geld umgehen“, sondern weist hin auf eine knickerige Erbsenzähler-Mentalität.

Im Laufe einer Beziehung kann das Thema eine eigene Dynamik entwickeln. Soziologe Stegbauer erinnert an seine Studie: „Eine Frau erzählte uns, dass sie ihren Partner inzwischen immer unter dem Tisch tritt, wenn der zu wenig Trinkgeld gibt.“

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