Gelähmter Eishockeyprofi aus Stuttgart So kämpft Mike Glemser um eine lebenswerte Zukunft

Einer der schönen Momente: Lara Lindmayer und Mike Glemser bei einem Besuch in der Innenstadt von Murnau am Staffelsee Foto: red

Der Stuttgarter Eishockeyspieler ist seit einem Unfall im Februar querschnittgelähmt und liegt in der Klinik in Murnau. Weil ihm dort die Decke auf den Kopf fällt, zieht er mit seiner Freundin bald nach Pforzheim. Kann er dort das Leben wieder lieben lernen?

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Das Unfallklinikum im oberbayerischen Murnau besteht aus mehreren Gebäuden, langen Gängen, vielen Abteilungen. Die Orientierung zu behalten ist nicht ganz einfach. Da hilft es, dass auch unter den Türschildern der Krankenzimmer auf der Station 62 im zweiten Stock schmale Plastikstreifen befestigt sind. Darauf stehen die Nachnamen der Patienten. Der Aufkleber unter der Nummer 2.119 ist schon lange nicht mehr gewechselt worden. In diesem Zimmer liegt Mike Glemser.

 

Der Eishockeyprofi aus Stuttgart ist seit einem Unfall im Spiel des damaligen Oberligisten Starbulls Rosenheim beim SC Riessersee am 3. Februar vom Hals abwärts gelähmt. Anfangs war die Versorgung in der Klinik, die auf Verletzungen des Rückenmarks spezialisiert ist, bestens. Mittlerweile aber fühlt sich Mike Glemser (25) nicht mehr gut genug behandelt, eingeschränkt, beinahe schon gefangen. Weshalb er und seine Freundin Lara Lindmayer (24), die sich Tag für Tag intensiv um den Patienten kümmert, aus der Krankenhausroutine ausbrechen werden. Statt wie geplant bis zum Ende des Jahres in Murnau zu bleiben, ziehen sie Mitte September nach Pforzheim um. „Ich muss hier raus, zähle die Tage“, sagt Mike Glemser, „zugleich habe ich Respekt und Angst vor dem, was auf uns zukommt. Denn in meinem Leben wird es nie wieder etwas geben, das einfach ist.“

Der Blick zurück kostet zu viel Kraft

An den Tag, der alles verändert hat, denkt Mike Glemser ungern zurück. Er kann sich zwar daran erinnern, wie er nach einem Check seines Gegenspielers mit dem Kopf voraus in die Bande krachte, sich nicht mehr bewegen konnte und nach Murnau transportiert wurde, wo er zehn Tage im Koma lag, zweimal operiert und lange künstlich beatmet wurde. Doch zu hadern, zu verzweifeln oder sich zu bedauern würde ihn nicht weiterbringen. Es wäre unnötig vergeudete Kraft. „Meine Situation“, sagt er, „ist nicht zu ändern.“ Und auch so schon täglich ein neuer Kampf.

Lara Lindmayer hat versucht, das Krankenzimmer 2.119 ein bisschen heimelig zu gestalten. In einer Nische gibt es vier Regalbretter, dort stehen neben einem Lebkuchenherz („Gute Besserung“), einem Plüschtier und mehreren Grußkarten ein signierter Eishockeyschläger und ein Foto seines Starbulls-Teams. Auch Spardosen mit dem Konterfei von Mike Glemser gibt es. Kurz nach dem Unfall war die Anteilnahme riesig, eine von seinem Verein gestartete Spendenaktion, die immer noch läuft, brachte fast 695 000 Euro ein. „Diese Unterstützung von so vielen Menschen ist absolut außergewöhnlich“, sagt Glemser, „sie hat mich sehr stark berührt.“ Das Geld wird helfen, mittelfristig. Die Probleme des Klinikalltags sind damit nicht zu lösen.

Die Abhängigkeit macht Mike Glemser zu schaffen

Mike Glemser kann schon länger wieder selbstständig atmen, seine Stimme ist zurückgekehrt und der Kreislauf meist so stabil, dass er im E-Rollstuhl sitzen und unterwegs sein kann. Zu schaffen machen ihm nach wie vor große Nervenschmerzen. Bewegen kann er nur seinen Kopf und über die Schultern sowie die Bizepsmuskeln eingeschränkt die Arme. Das reicht, um den Rollstuhl steuern zu können. Doch ohne funktionierende Handgelenke und Finger kann Mike Glemser nichts halten, kein Glas, keine Lebensmittel, kein Handy. Er ist von der Hilfe anderer abhängig, was ihm schwer zu schaffen macht: „Nichts alleine tun zu können, ist enorm schwierig zu akzeptieren.“

Weil er lange unter Appetitlosigkeit litt, 25 Kilogramm abgenommen hat und ihm das Essen im Krankenhaus immer noch nicht richtig schmeckt, hat ihm seine Freundin an diesem Tag ein Brötchen mit Fleischkäse besorgt. Geduldig führt Lara Lindmayer ihm den Snack an den Mund, Bissen für Bissen, sie gibt ihm zu trinken, holt eine Decke, hievt ihn später mit dem Deckenlift ins Bett. Die junge Frau, die nach Garmisch-Partenkirchen gezogen ist und von dort aus ihrem Job bei der Deutschen Funkturm (eine Telekom-Tochter) nachgeht, ist seit dem Unfall jeden Tag im Krankenhaus gewesen. Oft bis in die Abendstunden hinein. Lara Lindmayer ist Glemsers Psychologin und Physiotherapeutin, seine Krankenschwester und beste Pflegekraft. „Sie ist immer für mich da, ohne sie wäre ich verloren. Ich weiß nicht, wie ich ohne sie zurechtkommen würde, das wäre eine Katastrophe“, sagt Mike Glemser und schenkt seiner Freundin ein Lächeln, „sie ist eine riesengroße Unterstützung. Ich bin ihr sehr, sehr dankbar.“

Die starke Frau an seiner Seite

Selbstverständlich ist nicht, dass Lara Lindmayer ihr Leben voll auf die Bedürfnisse ihres Freundes ausrichtet. In Murnau werden etliche Querschnittgelähmte therapiert, jeder hat seine eigene Geschichte. Einige haben nicht nur ihre Bewegungsfreiheit verloren, sondern auch ihren Partner. Weil nicht alle die Stärke aufbringen können, die Lara Lindmayer auszeichnet. „Ich habe keine Sekunde darüber gedacht, nicht an seiner Seite zu sein“, sagt sie, „mir war von Anfang an klar, dass wir das gemeinsam durchstehen.“ Das gilt auch für den nächsten großen Schritt.

In seinem Krankenzimmer in Murnau fällt Mike Glemser die Decke auf den Kopf. Er ist zwar mittlerweile in der Lage, mit seiner Freundin am Wochenende einen Ausflug in die Innenstadt zu machen und mal eine Pizza oder ein Eis zu essen. Doch diese Abwechslung ändert nichts an seiner Unzufriedenheit, die mit der Betreuung in der Klinik zu tun hat. Er spüre die Kürzungen an den Budgets. Dies habe seiner Ansicht nach auch Auswirkungen auf die Behandlung. „Ich hatte das Gefühl, dass am Anfang alles emphatischer war“, sagt Glemser. Deshalb brauche er auch dringend einen Tapetenwechsel. Schon alleine, damit die Hoffnung weiterleben kann.

Die Wohnung in Pforzheim liegt günstig

Die körperlichen Verbesserungen kamen bisher sehr langsam, und trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Funktionen zurückkehren. Klar ist aber auch: Je mehr Zeit vergeht, umso geringer ist die Chance. „Ich muss mich jeden Tag pushen, um das Beste herauszuholen“, sagt Mike Glemser. Optimale Bedingungen für die Therapie sind unabdingbar – diese hofft er nun in Pforzheim vorzufinden.

Das dortige Zentrum für Rehabilitation ist spezialisiert auf neurologische Intensivbehandlungen, er hat sich die Einrichtung nach einer anstrengenden Anreise selbst schon angeschaut. 600 Meter entfernt hat das Paar eine 125 Quadratmeter große, gut geschnittene Wohnung gefunden. „Wir wollten wieder zurück in die Nähe unserer Heimat, hatten bei der Suche großes Glück“, sagt Lara Lindmayer, die aus Schwieberdingen stammt und sich vom Umzug nicht nur eine neue Normalität verspricht: „Mike braucht eine umfangreiche Therapie. Und zugleich hoffe ich, dass er das Leben wieder neu zu lieben lernt.“ Einfach wird das nicht.

Der Traum vom Eigenheim

Auf das Duo kommen zum Beispiel wichtige finanzielle Entscheidungen zu. Drei Monate Intensivtherapie kosten 70 000 Euro, wie viel davon die Berufsgenossenschaft übernimmt, darüber wird derzeit noch verhandelt. Und zugleich träumen Lara Lindmayer und Mike Glemser von einem an den Bedürfnissen eines Querschnittgelähmten ausgerichteten Eigenheim. „Das würde mir einen kleinen Teil meiner Selbstständigkeit zurückbringen“, sagt Mike Glemser. Und ihm dabei helfen, seine Situation zu akzeptieren. In diesem Prozess, das ist ihm bewusst, steht er erst ganz am Anfang. Weil es für einen 25-Jährigen alles andere als einfach ist, hinzunehmen, dass nichts mehr ist, wie es bisher war: „Natürlich hatte ich Ziele – beruflich, in der Gestaltung meiner Freizeit, für Urlaube und Reisen. Nun ist alles infrage gestellt. Mir fehlt komplett die Vorstellung, ob und, wenn ja, wie das funktionieren soll.“

Nachdem Mike Glemser diesen letzten Gedanken formuliert hat, sinkt sein Kopf zurück ins Kissen. Er ist erschöpft. Und doch fest gewillt weiterzukämpfen. Tag für Tag.

Unterstützung für Mike Glemser

Spendenkonto
Der Eishockeyverein Starbulls Rosenheim hat eine Spendenaktion zugunsten seines querschnittgelähmten (Ex-)Stürmers initiiert. Alle weiteren Informationen gibt es im Internet unter der Adresse starbulls.de/de/97bestrong-spendenaktion-fuer-mike-glemser/

Spendensumme
Bisher kamen 694 311 zusammen.

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