Gelbwesten-Krawalle Ausschreitungen in Frankreich eskalieren

Rund um die Champs Élysées kam es zu heftigen Krawallen. Foto: Getty Images Europe
Rund um die Champs Élysées kam es zu heftigen Krawallen. Foto: Getty Images Europe

Bei Protesten gab es laut Polizei allein in Paris 133 Verletzte. In Arles kam es zu einem tödlichen Unfall. Nach der neuen Krawallnacht denkt die französischen Regierung über die Ausrufung des Ausnahmezustandes nach. Doch die protestierenden Gelbwesten bleiben genau so unnachgiebig wie Präsident Macron.

Koresspondenten: Stefan Brändle (brä)
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Paris - Das sei ja „wie im Bürgerkrieg“, sagte ein englischsprachiger Passant, der sich am Sonntagmorgen bei der Avenue Kléber einen Weg zwischen herausgerissenen Pflastersteinen bahnte. Überall lagen Trümmer einer langen Nacht – geplünderte Läden, eine in Brand gesteckte Bankagentur, dazu ausgebrannte Autowracks und verkohlte Barrikaden. Die Polizei hatte im Viertel zwischen Champs-Élysées und Boulevard Haussmann 412 Randalierer festgenommen. 133 Menschen wurden nach Angaben der Pariser Polizei verletzt, mehrere davon schwer. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagte, ein solche Ausschreitungen habe Paris „seit Mai 68 nicht mehr erlebt“.

Präsident Macron suchte am Sonntagmorgen den Schauplatz auf, kaum war sein Rückflug vom G20-Gipfel in Argentinien gelandet. Er suchte eine verwüstete Brasserie auf, sprach mit Feuerwehrleuten und Polizisten. Einige Zaungäste buhten ihn aus und forderten seinen Rücktritt: „Macron, démission“; andere riefen dagegen „Tenez bon!“ – halten Sie durch! Das Staatsoberhaupt ließ sich nicht beirren und suchte zu Fuß den Triumphbogen auf, dessen Eingangshalle für Touristen mit Hämmern zerstört worden war.

Ein Polizeivertreter sprach von einer „Stadtguerilla“

Einzelne Vermummte, die der Ultrarechten oder -linken zugerechnet werden, hatten es sogar geschafft, das Dach des 50 Meter hohen Monuments zu besteigen. Ein Polizeivertreter sprach von einer „Stadtguerilla“. Ihr waren die gut ausgerüsteten, in Gruppen operierenden Spezialeinheiten, nicht gewachsen, obwohl sie über Wasserwerfer verfügten und insgesamt 10 000 Tränengaspatronen verschossen haben sollen. Millionen von Franzosen verfolgten die Szenen live im Fernsehen, als handle es sich um einen Actionfilm.

Macron weiß auch, dass solche Bilder über den Ausgang des überaus harten Sozialkonfliktes entscheiden werden – und dass es die Franzosen nicht mögen, wenn ein nationales Symbol wie der Arc de Triomphe beschädigt wird. „Ich werde diese Gewalt nie akzeptieren“, erklärte der Präsident. In einer schwarzen Renault-Limousine fuhr er sodann zu einer Krisensitzung in den Élysée-Palast. Innenminister Christophe Castaner schloss die Ausrufung des Notstandes nicht aus. Später hieß es allerdings, diese Maßnahme sei nicht diskutiert worden. Die Gewalt weitet sich langsam jedoch auf das ganze Land aus und richtet sich immer direkter gegen Macron. Erstmals kam es auch in Provinzstädten wie Toulouse, Bordeaux, Marseille sowie im frankophonen Belgien zu Krawallen mit großen Materialschäden. In Arles starb ein Autofahrer, als er in ein Stauende vor einer der zahllosen Autosperren fuhr. „Dieser Unfall steht in direktem Zusammenhang mit einer Blockade der „Gelben Westen“, die einen gigantischen Stau von zehn Kilometern verursacht hatte“, sagte der Staatsanwalt. Es ist das dritte Todesopfer seit Beginn der Proteste.

Macron muss eine politische Antwort auf den Konflikt finden

Ein Komitee von Gelbwesten publizierte in einer Sonntagszeitung einen Aufruf zur Mäßigung. Es zeigt sich bereit, mit der Regierung zu diskutieren – aber nur, wenn die umstrittene Steuererhöhung auf Benzin und Diesel zurückgenommen werde. Auch ein anderer Sprecher der Gelbwesten, Alain Bouché, nannte die Bedingung, dass Macron die Benzinsteuererhöhung zurücknehmen müsse. Der Staatschef hat unterdessen zwar kleinere Konzessionen gemacht, will aber in der Hauptsache hart bleiben – wohl wissend, dass sein gesamter Reformkurs auf dem Spiel steht. Und damit auch seine eigene politische Zukunft.

Der Vorsteher der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez, verlangte am Sonntag ein Referendum über die Steuer- und Umweltpolitik Macrons. Eine solche Volksabstimmung würde sich bei der zunehmenden Unpopularität unweigerlich in ein Plebiszit über den Präsidenten verwandeln – und der kommt derzeit nur auf 26 Prozent Zustimmung. Die Gelbwesten werden hingegen in Umfragen von 84 Prozent der Franzosen gestützt. Die Gewaltexzesse in Paris könnten sie allerdings etliche Sympathien kosten. Wauquiez wirft Macron deshalb vor, er habe am Samstagabend bewusst „nur“ knapp 4500 Polizisten aufgeboten, damit die Lage in Paris eskaliere. Linkenchef Jean-Luc Mélenchon und die Rechtspopulistin Marine Le Pen erhoben am Sonntag nicht zum ersten Mal die gleiche Forderung: Sie verlangen die Auflösung der Nationalversammlung und die Ansetzung von Neuwahlen. Macron kann angesichts des krassen Verlustes seiner Popularität nicht daran denken. Eine politische Antwort auf den Konflikt muss er dennoch finden. Premierminister Edouard Philippe sagte wegen der Krawalle eine Reise zum Klimagipfel in Polen ab.




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