Geldpolitik der EZB Folgenschwere Zinssenkung? Was Anleger und Sparer wissen müssen
Wie es nach dem Zinsschritt weitergeht, und wie er sich auf Festgeld, Aktien, Gold und am Immobilienmarkt auswirkt. Wichtige Fragen und Antworten.
Wie es nach dem Zinsschritt weitergeht, und wie er sich auf Festgeld, Aktien, Gold und am Immobilienmarkt auswirkt. Wichtige Fragen und Antworten.
Zum dritten Mal im laufenden Jahr hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen im Euroraum gesenkt. Am Immobilienmarkt und bei Tages- und Festgeldkonten macht sich die gelockerte Geldpolitik bereits deutlich bemerkbar. Auch an den Börsen zeigen die Maßnahmen der Währungshüter starke Wirkung.
Was will die EZB mit niedrigeren Zinsen bezwecken?
Die Notenbank hat offiziell nur das Mandat, für Preisstabilität im Währungsraum zu sorgen, doch dabei spielt auch die wirtschaftliche Entwicklung eine wichtige Rolle. Während die Inflation zuletzt deutlich nachließ – im September fiel die Jahresrate in der Eurozone auf 1,7 Prozent und damit unter den EZB-Zielwert von 2,0 Prozent – schwächelt die Konjunktur zunehmend. Das liegt auch daran, dass die größte Eurovolkswirtschaft Deutschland mit ihrer Wachstumsschwäche das gesamte Währungsgebiet herunterzieht. Niedrigere Zinsen sorgen für billigere Kredite und können die Konjunktur ankurbeln.
Was sagen Experten?
Anders als bei vorherigen Entscheidungen in diesem Jahr war der Zinsschritt nicht umstritten. Zwar gibt es durch Lohnanstiege und Preisauftrieb im Servicesektor weiter Inflationsrisiken, doch Fachleute stimmen weitgehend überein, dass die EZB sich zurecht gegen einen drohenden Wirtschaftsabschwung stemmt. „Diese Zinssenkung ist geldpolitisch gut begründet“, sagt Ökonom Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW. „Der Zinsschritt wird der schwachen Nachfrageentwicklung zumindest einen kleinen Impuls geben und kann als vorbeugende Maßnahme gegen Rezessionsrisiken gesehen werden“, erläutert Chefvolkswirt Michael Heise vom Vermögensverwalter HQ Trust.
Wie reagieren die Finanzmärkte?
An den Börsen kommen niedrigere Zinsen in der Regel gut an, da sie zu erhöhter Liquidität im Finanzsektor und zu günstigeren Finanzierungskosten führen. Besonders Firmen, die auf viel Fremdkapital angewiesen sind, profitieren davon und können ihre Attraktivität für Investoren steigern. Der deutsche Aktienmarkt erreichte nach der EZB-Entscheidung ein Allzeithoch, Börsianer setzen wegen der gesunkenen Inflation auf weitere Zinssenkungen im Jahresverlauf. Nicht nur der Dax setzte zum Höhenflug an, auch der Goldpreis knackte einen neuen Rekordstand. Aktien und Edelmetalle haben auf den ersten Blick nicht viel gemein, doch sie steigen in der Gunst der Anleger, da festverzinsliche Alternativen wie Anleihen oder Festgeldkonten weniger abwerfen und an den Finanzmärkten Geld umgeschichtet wird.
Was müssen Sparer jetzt beachten?
Wer auf Festgeld setzt, muss sich auf weitere Abstriche einstellen. „Wir rechnen im Laufe des Jahres mit mindestens einer weiteren Leitzinssenkung – damit dürften die Sparzinsen weiter sinken“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox. Laut einer Auswertung des Finanzvergleichsportals hatten mindestens 346 Banken und Sparkassen und damit rund 69 Prozent der Anbieter ihre Festgeldzinsen bereits nach dem EZB-Zinsschritt im September gesenkt. Es sei der stärkste Rückgang seit Jahresbeginn.
Bei überregionalen Banken bringen Festgelder mit zwei Jahren Laufzeit der Marktanalyse nach aktuell durchschnittlich 2,51 Prozent Zinsen und damit 0,20 Prozentpunkte weniger als im Vormonat September. „Wer sein Erspartes heute für zwei Jahre fest anlegen möchte, findet derzeit ein Zinsniveau wie im Frühsommer 2023“, so Maier.
Allerdings weist der Experte darauf hin, dass die niedrigere Inflation die Realzinsen hochhalte. „Sparer profitieren davon, dass die Teuerungsraten wesentlich schneller und stärker gesunken sind als die Zinsen für klassische Sparanlagen wie Tages- und Festgeld. Dadurch fallen die Zinseinnahmen höher aus als der gleichzeitige Wertverlust durch die Inflation“, sagt Maier.
Wie sieht es beim Baugeld aus?
Niedrigere Zinsen treiben grundsätzlich auch die Aktivität bei Immobilienfinanzierungen an. Allerdings ist der Zusammenhang eher indirekt, da mögliche Zinsschritte der Notenbank vorab eingepreist werden. „Am Hypothekenmarkt wurde die Zeitenwende in den vergangenen Monaten längst vollzogen“, erklärt Experte Oliver Kohnen vom Finanzierungsvermittler Baufi24. Die Bauzinsen seien mit aktuell im Schnitt rund 3,10 Prozent bereits auf den tiefsten Stand des Jahres gefallen.
Bei erstklassiger Finanzierung seien momentan sogar Zinsen von 2,90 Prozent möglich. „Gegenüber den Hochzeiten in den Jahren 2022 und 2023, als die Bauzinsen Spitzenwerte von über vier Prozent erreichten, hat sich die Situation für Kreditnehmer damit spürbar verbessert.“ In Verbindung mit den teilweise deutlichen Preisrückgängen am Immobilienmarkt eröffne sich für Kaufinteressenten ein günstiges Zeitfenster, meint Marktkenner Kohnen.