Geliebte Kuscheltiere Wenn Erwachsene ihren Teddy brauchen

Von Steve Przybilla 

Kinder und ihre Kuscheltiere sind oft unzertrennlich. Doch nicht nur sie: Auch viele Erwachsene besitzen einen Seelentröster aus Plüsch. Aber nur die wenigsten geben es zu.

Dieser Freund von Teddybären hat schon selbst fast was von seinem Kuscheltier. Foto: Adobe Stock/be free
Dieser Freund von Teddybären hat schon selbst fast was von seinem Kuscheltier. Foto: Adobe Stock/be free

Bochum - Lukas hat ein Geheimnis. Seine Freunde wissen nichts davon, seine Eltern auch nicht und seine Arbeitskollegen schon gar nicht. Lukas kann ohne sein Kuscheltier nicht einschlafen. Der kleine braune Teddybär, genannt Racco, liegt jeden Abend neben ihm auf dem Kopfkissen, immer in Griffweite mit seinem flauschigen, an manchen Stellen schon ziemlich abgegriffenen Fell. Für Lukas ist das ganz normal, aber ein bisschen peinlich ist es ihm schon. Lukas ist nämlich 35 Jahre alt.

Der junge Mann aus dem Rheinland steht mitten im Leben. Beruflich laufe es gut, sagt er, und auch sonst könne er nicht klagen: „Eigentlich bin ich ganz normal. Ich bin viel unter Leuten, mache gerne Party und führe eine glückliche Ehe.“ Nur diese Sache mit dem Kuscheltier, die solle bloß keiner erfahren. „Im Freundeskreis bin ich eher der coole Typ“, sagt Lukas, „ich glaube, die würden sich über mich schlapp lachen.“ Sein Name ist in diesem Text deshalb verändert. Erzählen möchte er von seiner Liebe zu Racco trotzdem. „Weil es garantiert nicht nur mir so geht“, sagt er. „Ist ja auch gar nichts Schlimmes dabei.“

Nach einem stressigen Tag spricht Lukas mit seinem Teddy

Der Teddybär, der für Lukas so wichtig ist, hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Geschenkt bekam er ihn von seinen Eltern im Alter von vier oder fünf Jahren – ganz sicher ist er sich da nicht mehr. „Wir waren einfach unzertrennlich“, sagt er, und zählt auf, wohin er Racco damals mitgenommen hat: auf den Spielplatz, zum Kindergarten, zu den Großeltern und zur Tante ins Sauerland. So geht es vielen Kindern. Doch während bei den meisten spätestens in der Pubertät der Teddy in den Keller wandert, war es bei Lukas anders: „Natürlich habe ich ihn irgendwann nicht mehr mit nach draußen genommen“, sagt er. „Aber wenn ich nach Hause komme, ist er immer noch da – so wie früher.“

Nach einem stressigen Arbeitstag spricht Lukas mit seinem Kuscheltier. Er nimmt es in den Arm, streichelt ihm übers Fell und setzt es danach wieder aufs Kopfkissen. „Andere haben eine Katze, ich habe Racco“, sagt Lukas. Er findet das selbst ein wenig lustig und kann darüber lachen. Ist der Teddybär für ihn so etwas wie ein Kinderersatz? „Gute Frage“, entgegnet er. „Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht. Ich würde es aber gar nicht so hoch hängen. Ich mag einfach meinen Teddy, das ist alles.“ Nur weil man eine besondere Hinwendung zu etwas habe, müsse man damit ja nicht gleich etwas kompensieren.

Viele trauen sich nicht, offen darüber zu sprechen

Dass viele Menschen sich nicht trauen, offen über ihre kuschligen Freunde zu sprechen, könnte auch mit der Populärkultur zusammenhängen. Wenn Erwachsene mit Kuscheltieren in Filmen zu sehen sind, ist die Handlung meist so absurd, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann. Aktuell dürfte am bekanntesten die „Ted“-Kinoreihe sein, bei der ein Teddybär lebendig wird, um mit seinem Besitzer Bier zu trinken, zu kiffen und Frauen anzubaggern. Schon in den 90er Jahren verließ „Mr. Bean“, der schräge Typ aus der gleichnamigen britischen Comedy-Serie, nie ohne seinen Teddy das Haus.

Die meisten Erwachsenen aber hängen einfach an ihren Kindheitsteddys. „Da steckt ganz viel Liebe und Erinnerung drin“, sagt Marianne Reinhardt, die sich auf die Reparatur kaputter Kuscheltiere spezialisiert hat. In ihrem Ladenlokal „Teddymanien“ in Bochum sieht es aus wie in einer Werkstatt: Stoffballen, Puppengelenke, Glasaugen, Garn und Füllwatte stapeln sich in den Regalen. 200 bis 300 verschiedene Fälle hat die Expertin immer auf Lager. „Manche Teddys sind so abgeliebt, dass sich der Stoff richtig auflöst“, sagt Reinhardt. „Manchmal kann ich die Stellen stopfen, aber oft hilft es nur noch, Fell zu transplantieren.“ Die Stofftierreparateurin ist sich sicher: „Fast alle Erwachsenen kuscheln. Aber nur die Wenigsten geben es zu.“

Auch Lukas’ Frau liebt Kuscheltiere

So sieht es auch Lukas, der seinen Racco ebenfalls auf fast alle Reisen mitnimmt. Das sieht man dem braunen Teddybären inzwischen auch an. „An den Armen und am Hals ist er schon ziemlich dünn“, sagt Lukas und lacht. „Wird wohl Zeit, dass er allmählich in den Ruhestand geht.“

Trost spenden, Geborgenheit erfahren, Erinnerungen wecken: Wer als Erwachsener ein Kuscheltier besitzt, hat oft die gleichen Gründe wie ein Kind. Und dennoch scheint es für viele ein Tabu zu sein, fast schon ein größeres, als über Geld oder Sex zu sprechen. „Wenn ich beruflich unterwegs bin, verstecke ich Racco im Koffer, bevor das Hotelzimmer geputzt wird“, gesteht Lukas. Seine Frau beklage sich oft darüber, dass er beruflich zu viel unterwegs sei, erzählt der junge Mann. Zum Glück ist sie nicht komplett einsam, wenn er nicht zu Hause ist: Auch sie besitzt ein Kuscheltier – wie so viele.




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