Stuttgart - Text Meistens ist es so, aus der Decke hängt ein Kabel. Und da klemmt man irgendetwas dran – eine Ikea-Leuchte für sieben Euro oder ein interessant gewundenes Exemplar vom Designer für ein paar Hundert Euro oder mehr. Was nicht wirklich teuer ist, denn gute Leuchten aus mundgeblasenem Glas zum Beispiel herzustellen, ist harte Arbeit.
Und bedenkt man, dass man früher sowieso und heute als um Nachhaltigkeit bemühter Mensch erst recht Leuchten länger behält als einen Anzug oder ein Kleid, relativiert sich der Preis. So eine Anschaffung wird zur lohnenden Investition, wenn es Designklassiker sind – etwa von Verner Panton, Poul Henningsen, Ingo Maurer oder Richard Sapper, die auch noch von den Enkelkindern über dem Esstisch aufgehängt werden.
Die Hoffnung, allein mit einer feinen Leuchte eine irgendwie gemütliche Stimmung kreieren zu können, erfüllt sich nicht immer. Mal, weil das Licht zu schwach oder kalt wirkt oder an genau der Stelle fehlt, wo es sein sollte. In der Küche beim Gemüseschnippeln, im Salon auf dem Esstisch, im Badezimmer am Spiegel.
Lichtinseln schaffen
Es kann auch sein, man hat irgendwo gelesen, es sei wichtig, Zonen, Lichtinseln zu schaffen, weil doch schon die Höhlenmenschen gern um eine cosy Feuerstelle herumsaßen. Also stellt man in einer Ecke auf dem Boden und auf einem Fensterbrett Leuchten auf. Die schaffen heimelige Kerzenlichtgemütlichkeit.
Sie helfen aber nicht dabei, wenn man auf dem Sofa eine Zeitung lesen möchte, ohne zusätzlich eine Stirnleuchte umzuschnallen. Oder wenn man im Wohnzimmer arbeiten muss, weil der Schreibtisch im Arbeitszimmer schon besetzt ist und mehrere Menschen daheim Homeoffice haben.
Die gute Stube hat – und das war schon vor der Pandemie so – schon länger nicht mehr nur Repräsentationszwecke zu erfüllen. Wohnräume müssen flexibel nutzbar sein, im offenen Küchen- und Essbereich wird auch gearbeitet, auf dem Sofa gegessen, im Schlafzimmer turnt man auf der Yogamatte und braucht für Achtsamkeitsübungen Schummerlicht. Mit Kronleuchtern oder mit Stoff bezogenen Lämpchen allein kommt man da nicht weit.
Beim Bauen früh an Lichtplanung denken
Also: Ohne Licht kein gescheites Leben, trotzdem denken viele Menschen ans Licht zuletzt – oder wollen dafür möglichst wenig Geld ausgeben, wenn sie sich ein Haus oder eine Wohnung einrichten. Glücklich, wer baut oder saniert und wem die Architektin oder der Architekt sagt, liebe Bauherrin, lieber Bauherr, denk an die Lichtplanung!
Und zwar möglichst früh, damit die Stromanschlüsse und Steckdosen da sind, wo sie sein sollen und man nicht über Verlängerungskabel stolpert und sogenannte Affenschaukeln vermeidet, wenn das Kabel in der Mitte des Raumes aus der Decke hängt, der Esstisch aber in einer Ecke steht.
Michele A. Rami, der sich 1995 als Lichtplaner selbstständig gemacht hat und mit seiner Firma Candela in Stuttgart öffentliche und private Bauherren, Architekten wie Blocher Partners fürs Emilu Hotel in Stuttgart oder Thilo Holzer für ein Einfamilienhaus in Gerlingen begleitet (und jüngst zweimal in Folge den Deutschen Lichtdesign-Preis erhalten hat), erklärt es so: „Ich spreche mit den Kunden, frage, wie leben Sie, wie gestalten Sie Ihren Abend? Arbeiten Sie daheim? Welchen Geschmack hat ein Kunde, wie offen ist er für Design? Und dann müssen Planung und Ausführungsplan exakt sein. Denn die Schönheit liegt im Verborgenen.“
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Es geht nicht so sehr um Hilfe für schönen Leuchten – das Internet bietet gestaltungsaffinen Menschen schon genügend Hinweise darauf –, sondern um Stimmung. Lichtplaner Michele A. Rami: „Wenn ich es warm haben will, rede ich erst über die Heizung und die Art der Wärme. Die Form des Heizkörpers interessiert mich zum Schluss. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen. Die Wahl der Leuchten folgt später.“ Bei der Wahl der Leuchte sei es durchaus wichtig, auf Qualität zu achten. Michele A. Rami: „Eine gute Leuchte hingegen begleitet einen ein Leben lang.“
Diese Reihenfolge in der Beratung ist überdies ratsam, weil es einen Unterschied macht, ob Licht auf Beton- oder Holzböden trifft, in welcher Himmelsrichtung der Raum gelegen ist. Und zum jeweiligen Einrichtungsstil sollten die Leuchten dann ja auch noch passen.
Mit Licht eine gemütliche Atmosphäre schaffen
Heikel indes ist bei der Planung die Interpretation des Wortes gemütlich. Der eine fühlt sich in grellem Neonlicht wohl, der andere mag es schummrig. „Das ist in der Tat ein sehr subjektives Gefühl“, sagt Michele A. Rami. „Und da hilft Smart Licht. Wir können Lichtszenen für den Mann, die Frau, das Kind im Haus kreieren, die digital einstellbar sind.“ Gut, wenn jeder einen Raum für sich hat – sollten alle sich im selben Zimmer aufhalten, muss geknobelt werden.
Licht und Wohlbefinden
Jeder Mensch hat das Recht auf gutes Licht, darauf insistiert auch der Stuttgarter Lichtplaner und Leuchtendesigner Frank Nowicki. Er hat darüber ein gleichnamiges Buch geschrieben, das in vielen Praxisbeispielen zeigt, wie gutes Licht Lebensqualität erhöht. Licht wirke auf unser Wohlbefinden, sagt der Experte im Gespräch über Licht.
Dass man sich zum Beispiel in den Ferien oft fitter fühle, hänge auch damit zusammen, dass man mehr Licht hat: „Sie gehen in den Urlaub und bekommen viel Licht ab, wenn sie viel draußen sind. Dann sind Sie innerhalb weniger Tage in einer anderen Stimmung. Und das nicht nur, weil sie keine Arbeit und keinen Stress haben, sondern weil Sie wieder in ein natürliches Biorhythmus-Gleichgewicht kommen, welches durch ausreichende Lichtmengen gesteuert wird.“
Natürliches Licht simulieren
Was aber, wenn man nicht Ferien für immer machen kann? Nowicki rät dazu, sich erst einmal über Licht beraten zu lassen und nicht nach dem Design einer Leuchte zu schauen. „Es geht darum zu spüren, wann fühle ich mich in einem Raum wohl? Je mehr man in Innenräumen durch künstliches Licht Verhältnisse schafft, die das natürliche Licht simulieren, desto wohler fühlt man sich. Man muss auch bedenken, was ist die Funktion des Raumes und wie bekomme ich viel Licht ins Haus, wie kann ich den Sonnenverlauf simulieren? Wie kann ich mit indirektem Licht an den Wänden spielen, um mehr Raumtiefe zu bekommen.“
Grundsätzlich gibt Licht dem Körper Signale, was an der Zeit ist – wachen, schlafen. Nowicki: „Licht ist ein besserer Wachmacher als Kaffee.“ Und wenn in den Abendstunden das Tageslicht schwindet, darf das Kunstlicht gedimmt und wärmer werden.
Wichtig ist passendes Licht jetzt auch im verstärkt genutzten Homeoffice. „Je mehr natürliches Licht Sie haben, desto besser. Abgesehen davon ist fokussiertes Licht am Arbeitsplatz wichtig, hohe Leistung, unbedingt blendfrei und mit der richtigen Farbtemperatur. Bei genügend Licht mit einer hohen Qualität sind wir einfach aufnahmefähiger.“
Gedimmtes Licht – besserer Schlaf
Beleuchtung ist auch im Bad ein Thema. Es lässt sich via Smart App so einstellen, dass man sich morgens möglichst gut sieht – beim Rasieren wie beim Cremeauftagen. Nowicki: „Abends ist es von Vorteil, im Bad Licht wegzunehmen, damit ich vor dem Schlafengehen nicht mehr durch Helligkeit aktiviert werde.“ Da reicht also ein leichtes Feuerlicht. „Die Zahnbürste sollte ich noch finden, aber mehr braucht man nicht. So lässt es sich optimal auf den Schlaf vorbereiten.“
Licht darf neben seinen dienenden Funktionen im Wach- und Schlafgeschäft aber auch ganz generell die Schönheit der Architektur, die Linienführung betonen. Lichtplaner Michele A. Rami: „Wenn du Licht machst, musst du Schatten machen. Licht soll die Kubatur, die Textur eines Raumes betonen.“ So wie bei einer Villa in Nagold, entworfen von Michael Grüninger Architecture, für die Candela die Lichtplanung übernommen hat.
Der Mond leuchtet zum Fenster hinein
Ein Lichtband kann eine räumliche Wirkung verstärken, etwa bei einer Sitzbank am Fenster, wenn dieses Band das Fenster rahmt. Wenn die Bewohner es sich da bequem machen, brauchen sie ja auch Licht, falls sie nicht nur die Aussicht bewundern, sondern ein Buch lesen mögen.
Und stellt man dann noch eine poetische Effektleuchte dazu, etwa „Moon“ von dem von Michele A. Rami geschätzten Leuchtendesigner Davide Groppi, leuchtet ein Mond aus dem Fenster heraus. Das ist der Vorteil, den Leute von heute gegenüber Höhlenmenschen von damals haben: Mit Licht kann man spielen, mit Feuer nicht.
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