Gemeinde Dietramszell und Hindenburg Trachtler unterm Hakenkreuz

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)

Wer ein paar Seiten weiterblättert, bekommt von den damaligen Ausstellungsmachern „900 Jahre Dietramszell“ allerdings auch braunen Basso-Continuo geliefert: gut recherchiert wird historisch klargestellt, dass Dietramszell schon in der Weimarer Republik eine Hochburg der Hitler-Bewegung war. Trachtler unterm Hakenkreuz. 1930 stimmen 41 Prozent, 1932 über 55 Prozent bei den Reichstagswahlen für Adolf Hitler. Das berüchtigte Parteimitglied Hermann Esser, nach der Neugründung der NSDAP „Mitgliedsnummer 2“, einer der wenigen Duzbrüder des „Führers“ und als „Schriftleiter“ ein bornierter Judenhasser beim „Völkischen Beobachter“, wohnt – wie der Wirtschaftsminister Walter Funk – vor Ort. Esser organisiert – und darauf gehen nun die Vorkommnisse der letzten Wochen in Dietramszell ursprünglich zurück – dann eine Woche, bevor Deutschland 1939 Polen angreift, eine Feier vor der Klostermauer. SA marschiert. Enthüllt wird eine Büste des ehemaligen, 1934 gestorbenen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der seit 1921 nach Dietramszell und in die umliegenden Wälder zum Jagen gekommen war als Gast der Großgrundbesitzerfamilie von Schilcher.

Der letzte Besuch. . . Foto: Tölz

Josef Thorak, neben Arno Breker Hitlers Favorit unter den Bildhauern, entwirft und stiftet den Schädel mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart. Von einer kurzen Zeit nach dem Krieg abgesehen, bleibt Hindenburgs Haupt, wo es ist – bis heute.

Hindenburg begleitet Sebastian Lindmeyr seit Jahrzehnten. An der Büste vorbei ist er als Dietramszeller Bauernbub in den siebziger Jahren in die Kirche gegangen. „Gedacht hab‘ ich mir da nichts dabei“, sagt er, später schon. Lindmeyr hat in München Bayerische

. . . des Reichspräsidenten 1931 Foto: Tölz
Geschichte studiert. Dann kam 1998, zur Hälfte von Lindmeyr verfasst, das erwähnte, kritische Begleitbuch zu den Dietramszeller Feierlichkeiten heraus. Lindmeyr erinnert sich: „Da hat sich, außer einer alten Frau, die ihre Erinnerungen keimfrei halten wollte, keiner beschwert, nicht über das Buch und nicht über die Ausstellung im Kloster.“ Lindmeyr arbeitet heute im Stadtarchiv Bad Tölz. Seine erste Arbeitsadresse in der Kreisstadt hinterm Dietramszeller Wald lautete: Hindenburgstraße. Das Archiv ist umgezogen. Aber bei Hindenburg bleibt es.




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