Gemeinderat Ostfildern Werner Schmidt verabschiedet sich nach 53 Jahren
Mit 82 Jahren hat Werner Schmidt nicht mehr für den Gemeinderat in Ostfildern kandidiert. Der Abschied von der Kommunalpolitik fällt dem Sozialdemokraten schwer.
Mit 82 Jahren hat Werner Schmidt nicht mehr für den Gemeinderat in Ostfildern kandidiert. Der Abschied von der Kommunalpolitik fällt dem Sozialdemokraten schwer.
Die Reformstadt Ostfildern als Kommunalpolitiker mitzugestalten, hat den Pädagogen Werner Schmidt immer gereizt. Am kommenden Mittwoch sagt der langjährige Fraktionschef der SPD nach 53 Jahren dem Gemeinderat der Stadt Ostfildern nun aber Lebewohl. Mit seinen kritischen Fragen und seinen profunden Kenntnissen der Kommunalpolitik hat er mehr als fünf Jahrzehnte lang zukunftsweisende Projekte mit auf den Weg gebracht. Jetzt freut sich der Sozialdemokrat, dass jüngere Stadträtinnen und -räte in seiner Fraktion nachrücken.
Was hat den 82-Jährigen dazu bewogen, sich so lange für die Allgemeinheit einzusetzen? Da zitiert Schmidt ein afrikanisches Sprichwort: „Der Mensch soll da blühen, wo Gott ihn ausgesät hat.“ Seine Wahlheimat wurde 1970 der heutige Ostfilderner Stadtteil Kemnat. „Ich habe mich nie nach einem Amt gedrängt. Aber ich wurde gefragt und ermutigt, Verantwortung zu übernehmen.“ Als er nach Kemnat zog, wurde er nicht nur Konrektor der Pfingstweideschule. Er schaffte auch den Sprung in den Gemeinderat und wurde Kirchengemeinderat.
Den Weg der heutigen Stadtteile Kemnat, Nellingen, Parksiedlung, Scharnhausen und Ruit zur Stadt Ostfildern hat er als sehr spannungsreich erlebt. Er sei froh, „dass wir Kemnater nicht von Stuttgart einverleibt wurden“. Durch die Kooperation der einstigen Filderdörfer sei eine Große Kreisstadt mit großen Entwicklungsmöglichkeiten entstanden. „Neuhausen wollte unabhängig bleiben“, erzählt Schmidt. Dass die katholisch geprägte Fildergemeinde selbstständig blieb, habe der ehemalige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Alfons Frick erkämpft.
Im Jahr 1974 wurde Schmidt Schulleiter der Pfingstweideschule, die damals eine Grund- und Hauptschule war. „Jungen Leuten den Weg in den Beruf zu ebnen, hat mich herausgefordert.“ Gerne denkt er an einen ehemaligen Schüler aus der Türkei zurück, der zunächst nicht mit der deutschen Kultur zurechtkam. Mit viel Geduld und Aufmerksamkeit schaffte es Schmidt, dem jungen Mann den Weg ins Berufsleben zu ebnen.
Dass er Menschen begeistern und mitreißen kann, war bei seinen Redebeiträgen im Gemeinderat zu spüren. Dabei scheute sich der Pädagoge nicht, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Bei der Großbaustelle in der Kemnater Ortsmitte etwa ging er kritisch mit der Stadtverwaltung und mit den Bauverantwortlichen ins Gericht. Doch blieb er immer sachlich. Auch seine Kenntnis der Stadtgeschichte bereicherte viele Debatten. Er hat die Landesgartenschau, die Entwicklung des neuen Stadtteils Scharnhauser Park und die Verlängerung der Stadtbahn nach Ostfildern mit kritischen Anregungen begleitet. 40 Jahre lang blickte er zudem als Mitglied des Kreistags über den Tellerrand. Da hat ihn das Nachdenken über die Schulpolitik des Landkreises gereizt.
Seine kommunalpolitische Philosophie bringt er auf den Punkt: Ihm geht es darum, „die Probleme der Menschen anzuhören, Verständnis zu zeigen und Lösungen zu suchen“. Dass man da „auch mal aneckt“, gehört für den 82-Jährigen zum politischen Diskurs. Mehr als 40 Haushaltsreden hat der Sozialdemokrat im Gemeinderat gehalten. Das ist für ihn „die Königsdisziplin“.
Die konstruktive Arbeitsatmosphäre im Gemeinderat hat Schmidt immer geschätzt. Um die besten Lösungen für die Bürgerinnen und Bürger zu finden, setzt der Gemeinderat immer wieder auf interfraktionelle Anträge. Deshalb freute sich Schmidt besonders über den Kommentar seiner Freie-Wähler-Kollegin Corina Raisch: Sie sagte ihm, dass sie sich das Gremium ohne ihn schwer vorstellen könne – und sprach damit wohl vielen aus der Seele. Ganz will Schmidt sich indes nicht aus der Kommunalpolitik zurückziehen. Er wird sein Fachwissen auch künftig im Gutachterausschuss der Stadt einbringen.
Dass ihn seine Frau Heidi über so viele Jahre unterstützt hat, macht Werner Schmidt glücklich. Das Ehepaar teilt unter anderem die Leidenschaft für den Fußball. Werner Schmidt spielte in der Mannschaft des TV Kemnat. Weil seine Frau nicht nur am Spielfeldrand sitzen wollte, stieg sie ins neu gegründete Frauenteam des Kemnater Vereins ein – als Mittelstürmerin. „Das war eine schöne Zeit“, erzählt Schmidt. Samstags schaute ihm seine Frau mit den Töchtern im Kinderwagen zu; sonntags stand er mit den Kleinen am Spielfeldrand. „Wir haben auch kritisch über die Kommunalpolitik diskutiert“, verrät Heidi Schmidt. Vor allem aber war es ihr wichtig, ihrem Mann „den Rücken freizuhalten für die vielen wichtigen Aufgaben in der Gesellschaft“.
Gab es in all den Jahren auch Projekte, die sich nicht verwirklichen ließen? Da fällt Schmidt nicht viel ein. Im Gegenteil: Dass er die Sanierung und Erweiterung der Pfingstweideschule noch mit auf den Weg bringen konnte, freut den ehemaligen Rektor. Auf die Schulpolitik hatte er immer ein besonderes Augenmerk: „Den jungen Menschen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, das ist die Basis für unsere Demokratie.“ Dennoch sei ihm da manches nicht schnell genug gegangen. Aber Kommunalpolitik müsse sich nach den finanziellen Möglichkeiten richten. Da seien Grenzen gesetzt.
Kommunalpolitik
Zum ersten Mal wurde Werner Schmidt 1970 in den Gemeinderat gewählt, zunächst für Kemnat, dann für Ostfildern. Zudem saß der Sozialdemokrat von 1979 an für 40 Jahre im Esslinger Kreistag. 1997 erhielt er für sein politisches und ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz.
Engagement
Im selben Jahr wie die kommunalpolitische Tätigkeit begann auch Werner Schmidts Engagement als evangelischer Gemeinderat. Zudem ging er regelmäßig zum Blutspenden – 108 Mal.
Pädagoge
1970 kam Werner Schmidt als Konrektor an die Kemnater Pfingstweideschule, 1974 übernahm der Grund- und Hauptschulpädagoge die Schulleitung. Im Jahr 1986 wurde er geschäftsführender Schulleiter für die Stadt Ostfildern. Er gestaltete den Wandel der Pfingstweideschule von der Grund- und Hauptschule zur Grundschule mit. Dort werden derzeit 220 Kinder unterrichtet.