Gemeinderat zu Stuttgart 21 Mehrheit wendet sich gegen S-21-Ergänzungshalt

Auf der Baustelle des Tiefbahnhofs entstehen die Dachstützen, die dem Bauwerk seine typische Form geben. Foto: Lichtgut//Max Kovalenko

Die Zusatzstation in der City würde einen Teil des Wohnungsbaus verzögern. Das wollen viele Stadträte nicht. Sie setzen dagegen auf eine andere Lösung.

Stuttgart - Die Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat hält nichts vom Bau eines unterirdischen, bis zu sechsgleisigen Kopfbahnhofs in der Stadtmitte, mit dem der Stuttgart-21-Tiefbahnhof nach 2030 ergänzt werden könnte. CDU, SPD, Freie Wähler, FDP und AfD wandten sich am Dienstag in der Sitzung des S-21-Ausschusses nach der Vorstellung einer vergleichenden Untersuchung gegen die Ergänzungsstation. Grundlage der Untersuchung ist, dass es nach der von Bahn, Bund und Land bereits geplanten Verdoppelung des Angebots auf der Schiene nach 2030 einen weiteren Verkehrsbedarf gibt. Dabei spielen auch Klimaschutzvorgaben eine Rolle.

 

Plädyoyer für Tagentialstrecken

Die Fraktionen plädieren gegen den Zusatzhalt und für den Bau von Tangentialen, zum Beispiel von Bad Cannstatt nach Feuerbach (sogenannte T-Spange) und dem Nordkreuz (Anschluss Gäubahn nach Feuerbach und Cannstatt). Das bringt laut Untersuchung des Verkehrswissenschaftlichen Instituts (VWI GmbH, Stuttgart) eine vergleichbare Kapazität bei ähnlichen Kosten (750 bis 800 Millionen Euro). Die Züge würden auf den Tangentialen allerdings an Stuttgart vorbeifahren. „Wenn alle Regionalzüge am Hauptbahnhof halten sollen, bleibt nur die Ergänzungsstation“, bilanzierte VWI-Geschäftsführer Stefan Tritschler. Das Land will den perspektivischen Bedarf, den volkswirtschaftlichen Nutzen und die Finanzierung der Station darstellen. Grüne und Christdemokraten haben sie unter dem Stichpunkt „Eisenbahnknoten 2040“ im Koalitionsvertrag stehen.

CDU will sofortiges Ende der Debatte

„Dieses Thema muss beendet werden, das ist in dieser Stadt nicht machbar, es sind keine weiteren Untersuchungen notwendig“, forderte CDU-Fraktionschef Alexander Kotz in der Sitzung ein Ende der gerade erst begonnenen Debatte. Die Grünen wollten „Straßen zurückbauen, aber bei der Schiene zubauen, das ist nicht stringent“, so Kotz.

Aus Sicht der Grünen ist das Vorgehen sehr wohl logisch. „Das Bundesverfassungsgericht hat uns aufgegeben, über 2030 hinaus zu denken, das heißt Kapazitätsausbau“, so Gerd Hickmann, der Abteilungsleiter Öffentlicher Verkehr im Landes-Verkehrsministerium. „Wir legen Wert darauf, dass der Regionalverkehr nicht an Stuttgart vorbeiführt“, so Hickmann. Vorläufige Daten des „Verkehrswende“-Szenarios zeigten, dass es perspektivisch Bedarf für weitere Infrastruktur im Schienenknoten Stuttgart gebe. Der Ergänzungshalt biete „viel Flexibilität für den Nahverkehr und die S-Bahn, auch bei Störfällen“. Hickmanns Appell: „Ich wünsche mir einen konstruktiven Austausch mit der Stadt.“ Den vom VWI zur Lösung des Kapazitätsproblems ins Spiel gebrachten Einsatz von 320 statt 210 Meter lagen Doppelstockzügen sieht Hickmann kritisch, denn eine Doppelbelegung der Gleise im S-21-Bahnhof wäre dann nicht mehr möglich. Und außerhalb müssten Bahnsteige verlängert werden.

Stadt fürchtet um Bebauung

Die neue Station und ihre Zuläufe würden den von der Stadt auf dem heutigen Gleisfeld geplanten Wohnungsbau teils verzögern, teils erschweren und, so die weitere Befürchtung der Verwaltung, teils verteuern. Um die Mineralquellen zu schützen, wären Infiltrationsbrunnen für Grundwasser wie bei S 21 nötig. Auf die früher erwogene Überbauung des alten und bei Stuttgart 21 entstandenen neuen S-Bahn-Tunnels verzichte man inzwischen bewusst, um „Konfliktpotenzial zu reduzieren“, ließ Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) durch einen Mitarbeiter erklären. Diese Konflikte würden man sich mit der Ergänzungsstation „wieder einkaufen“. Pätzold selbst äußerte sich nicht zur Ergänzungsstation.

Wenn man an die Bahninfrastruktur für die nächsten 100 Jahre denke, sei ein um fünf Jahre verzögerter Wohnungsbau „das kleinste Thema“, so Gabriele Munk für die Grünen. Nachträglich wäre die Station nicht mehr baubar. Digitale Signaltechnik (mit der sich Zugabstände verkürzen) werde „nicht alle Probleme lösen“, eine zweite Stammstrecke für die S-Bahn werde es nicht geben, die Ergänzungsstation sei daher die Lösung, so Munk. Der Gemeinderat habe beschlossen, dass der Wohnungsbau nicht verzögert werden dürfe, sagte SPD-Fraktionschef Martin Körner. Er wolle kein „Stuttgart 22 bis 2034“.

Linksbündnis: S 21 zu klein

Die Untersuchung zeige, dass Stuttgart 21 zu klein und „nicht zukunftsfähig“ sei, so Hannes Rockenbauch, der Sprecher des Linksbündnisses. Anstatt den Kopfbahnhof zu erhalten, erwäge die Mehrheit nun die Umfahrung Stuttgarts, das sei „eine erstaunliche Qualitätsverschlechterung“. Wenn es darum gehe, den Bahnknoten, der für ganz Baden-Württemberg Bedeutung habe, zukunftsfähig zu machen, sei „eine Verzögerung des Städtebaus gerechtfertigt“. Die will auch das Land kurz halten. Es rechnet mit sechs Jahren Planung und bis zu sieben Jahren Bauzeit. Je schneller man mit den Untersuchungen vorankomme, „desto geringer würden die Auswirkungen auf den Städtebau sein“, so Hickmann.

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