Etwa 38 Prozent der Kornwestheimer Bevölkerung hat nach offiziellen Angaben der Stadtverwaltung einen Migrationshintergrund, im 26 Mitglieder zählenden Gemeinderat trifft das aber nicht einmal auf 20 Prozent zu. Das könnte sich nach der Wahl am 9. Juni aber ändern, denn das Bündnis der Vielfalt tritt mit einer eigenen Liste in Kornwestheim an. „Uns auf das Migrantenthema zu reduzieren, ist falsch“, sagt Zennure Funke-Ulusoy. Die 40-jährige Lehrerin führt die Liste an. In der Tat stehen auf der Liste zwar überwiegend Menschen, deren Namen auf einen Migrationshintergrund hindeuten, aber auch solche ohne.
Für Funke-Ulusoy geht es bei der Wahl um eine Fortsetzung ihrer Arbeit, die mit der Kandidatur zur Oberbürgermeisterin 2023 begonnen hat. „Für mich war das ein Erfolg, auch wenn ich nicht gewählt wurde“, sagt die zweifache Mutter, die auf gut sechs Prozent der Stimmen gekommen war. Wegen ihrer Bewerbung um das höchste Amt im Rathaus hätten sich viele mit Kommunalpolitik befasst, die dies bis dahin nicht getan hätten.
Identifizieren mit Programm
Das sei nun auch wieder so: Die Kandidaten auf ihrer Liste fühlten sich bisher nicht im Gemeinderat gehört oder gar vertreten, aus den unterschiedlichsten Gründen. „Für viele bieten die etablierten Parteien und Fraktionen keine politische Heimat, weil sie sich häufig nur partiell mit dem Programm identifizieren können“, sagt Funke-Ulusoy. Für Vertreter der bisher schon im Gemeinderat vertretenen Parteien und Wählervereinigungen ist die neue Liste zunächst einmal ein schlechtes Zeichen, denn sie kommen für einen Teil der Bürger nicht als politische Heimat infrage. Auch wenn sich die meisten – ähnlich wie CDU-Fraktionschef Hans Bartholomä – offen zeigen und sich über engagierte Menschen freuen, täuscht das nicht über ein Defizit der Parteien in bestimmten Bevölkerungsschichten hinweg.
Listen des Bündnisses für Vielfalt treten in Ludwigsburg, Möglingen, Hemmingen und Pleidelsheim an. In Bietigheim-Bissingen gibt es eine komplette Liste nur mit türkischstämmigen Kandidaten und Kandidatinnen. Funke-Ulusoy hat nach eigenem Bekunden zunächst überlegt, auf einer der etablierten Listen zu kandidieren und dazu auch Gespräche geführt. „Ganz klar, die Chancen gewählt zu werden, wären auf diesen Listen für mich besser. Aber ich konnte mich eben nicht mit allem identifizieren.“ Eine eigene Liste erschien ihr zu aufwendig. Deshalb habe sie sich dafür entschieden, es mit dem Bündnis für Vielfalt zu versuchen. Zumal dieses vor fünf Jahren in Ludwigsburg bereits in den Gemeinderat eingezogen sei, und eine gewisse Struktur dahinter stecke.
Für Kommunalpolitik interessieren
Viele Bürger hätten beim Wahlkampf weniger Berührungsängste mit der Liste, weil sie unbelastet sei. Ein großer Erfolg wäre der Einzug in Fraktionsstärke, sagt Funke-Ulusoy. Aber auch wenn nur eine Person in den Gemeinderat komme, sei schon viel erreicht. Die Arbeit mit den nun für die Kommunalpolitik engagierten Kandidaten und Kandidatinnen soll aber in jedem Fall weitergehen, egal wie der 9. Juni läuft: „Wichtig ist vor allem, dass sich mehr Leute für Kommunalpolitik interessieren und dann auch wählen gehen“, sagt Funke-Ulusoy.