Gemeinschaftliche Wohnformen in Plochingen Gedankenspiele für ein Wohnprojekt in einer Industriebrache

Leben in einer größeren Gemeinschaft statt abgekapselt in der eigenen Wohnung – das wünschen sich auch Menschen in Plochingen. (Symbolfoto) Foto: dpa/Felix Kästle

Auch in Plochingen (Kreis Esslingen) gibt es Menschen, die lieber in einer größeren Gemeinschaft, statt allein wohnen möchten. Im Rahmen eines Fachvortrags wurde klar, wie stark der Wunsch bei manchen ist. Ein Ehepaar will eine Initiative für ein Projekt in einem früheren Brauereigebäude gründen.

Edda Eichhorn hat eine Wohnung, die ihr eigentlich zu groß ist. Zudem wünscht sich die Plochingerin, in einem Haus mit Gemeinschaft zu leben. Sie hat deshalb eine Veranstaltung zum Thema Generationenwohnen angestoßen: Bei dieser berichtete der Gerontologe Ulrich Otto von Projekten, die Gemeinschaft schaffen und manchmal auch Gemeinden verändern. Dass so etwas vielleicht sogar auf dem Plochinger Waldhorn-Areal stattfinden könnte, war zwar eher eine Fußnote des Abends, aber eine, die viele aufhorchen ließ.

 

Edda Eichhorn hatte Otto schon bei einer anderen Veranstaltung gesehen und stieß mit ihrem Vorschlag, ihn einzuladen, auf offene Ohren beim Stadtseniorenrat und bei der Offenen Grünen Liste. Die Fraktionen von SPD und CDU im Gemeinderat schlossen sich ebenfalls an.

Ulrich Otto Foto: Karin Ait Atmane

Otto beschäftigt sich nicht nur theoretisch im Rahmen seiner Professur mit gemeinschaftlichem Wohnen, sondern berät auch interessierte Initiativen und hat als Vorstandsmitglied der Nestbau AG schon eine Reihe von Projekten bei der Umsetzung begleitet. Die Bandbreite ist groß, wie schnell deutlich wurde: Oft sind die Wohnprojekte in der Stadt angesiedelt – „Dichte kann so toll sein“, so Otto – zuweilen auch auf dem Land. Mal sind nur eine Handvoll Parteien beteiligt, mal geht es um „Gehäuse“, wie Otto sie nennt, mit 90 oder mehr Wohnungen. Mal wird neu gebaut, mal ein Altbau umgebaut.

Finanzierung auch in Gemeinschaft schwieriger

Auch bei der Rechtsform und der Finanzierung unterscheiden sich die Initiativen. Wobei die Finanzierung derzeit ein riesiges Problem ist, insbesondere, wenn man bezahlbaren Wohnraum schaffen will. „Vor vier Jahren war die Welt noch eine andere“, sagte der Professor, inzwischen hätten gestiegene Baupreise, vor allem aber gestiegene Zinsen, die Umsetzung ungleich schwerer gemacht. Eine sinnvolle öffentliche Förderung dafür fehle ebenfalls: „Gute Projekte werden von der Bundesregierung, von der Landesregierung, systematisch im Stich gelassen.“

Otto riet, mit Ausdauer nach Möglichkeiten zu suchen. Man könne sich zum Beispiel mit einer großen Genossenschaft mit entsprechendem Profil zusammentun, oder mit einem Verein wie Alwo in Esslingen. Und da man bei einem Gemeinschaftsprojekt neben vielem anderen auch die Kosten teile, sei manches immer noch erschwinglicher als allein für sich selbst zu bauen. Er riet aber auch, zunächst eine Beratung in Anspruch zu nehmen.

Gekennzeichnet sind die Projekte dadurch, dass zwar jeder einen privaten Raum hat, dieser aber relativ klein gehalten ist. Gleichzeitig werden Gemeinschaftsflächen vorgehalten: Sozialräume, manchmal Küchen, Dachterrassen oder Gärten, Nähzimmer oder Werkstätten – alles ist denkbar und oft in einer hohen Qualität. Wie viel Privatheit und wie viel Gemeinschaft sie möchten, handeln die Projektteilnehmer selbst aus. Bei diesem oft mühsamen Prozess springen manche auch wieder ab: „Es ist nicht jedermanns Sache“, stellte Otto klar. Aber diejenigen, die sich dafür entschieden, seien in der Regel ausnehmend zufrieden.

Ist Wohnen in der früheren Waldhorn-Brauerei möglich?

Vom Cluster-Wohnen bis zur Pflege-WG reichte der Streifzug durch die verschiedenen Projektformen. Für die Interessierten im Alten Rathaus wurde es noch spannender, als Tobias Hahn die „Initiative Brauhaus“ vorstellte. Dabei geht es um die ehemalige Waldhorn-Brauerei, die schon seit Jahren zu großen Teilen, bis auf einen Getränkehandel, leer steht und vom Verfall bedroht ist. Das bedauern viele Plochinger. Das charakteristische Backsteingebäude gehört einem Immobilienunternehmen, das es aktuell zum Verkauf ausgeschrieben hat – als Grundstück für ein Neubauprojekt.

Blick auf die frühere Waldhorn-Brauerei (Archivfoto) Foto: Karin Ait Atmane

Tobias Hahn, selbst aus Plochingen, und seine Frau haben den Altbau schon länger ausgeguckt und möchten „einen Ort schaffen, den man gemeinsam gestalten kann“. Bislang sind sie sich nicht mit dem Eigentümer einig geworden, wollen nun aber einen neuen Anlauf nehmen. Ob sie das Gebäude kaufen können, zu welchem Preis, von welchem Geld und wie es dann letztlich gestaltet wird – all das ist noch offen. Hahn möchte aber demnächst an die Öffentlichkeit gehen, um Mitstreiter zu suchen. Wer Interesse hat, kann sich auch direkt an tobias@initiative-brauhaus.de wenden.

Viele verschiedene Facetten

Ausreichend Wohnfläche
Laut dem Sozialbericht der Bundeszentrale für politische Bildung kamen 2022 auf jede Person in Deutschland durchschnittlich 55,4 Quadratmeter Wohnfläche. Die Wohnfläche pro Kopf steigt schon seit Jahren an, im Westen Deutschlands ist sie größer als im Osten, auf dem Land größer als in der Stadt. Viele ältere Menschen hätten zwar gern eine kleinere Wohnung, möchten aber nicht umziehen, um ihr Umfeld und ihre Kontakte nicht zu verlieren, sagt Professor Otto.

Gemeinschaftliches Wohnen
Cluster-Wohnen, Mehrgenartionenwohnen, Pflege-WG, Demenz-Dorf, Wohnungstausch, Wohnen für Hilfe – es gibt zahlreiche Modelle für unterschiedliche Bedürfnisse. Wer ein Projekt gründen will, kann sich beraten lassen, zum Beispiel beim Forum gemeinschaftliches Wohnen (verein.fgw-ev.de), auf dessen Internetseiten man auch nach Projekten suchen kann. Auch die Nestbau AG berät und begleitet Projekte (www.nestbau-ag.de). Der Stadtseniorenrat Plochingen, stadtseniorenrat@plochingen.de ist ebenfalls eine Anlaufstelle.

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