In Zeiten, in denen der Weltschmerz oft groß ist, sehnen sich viele Menschen nach Gemeinschaft. Doch wie erschafft man die? Eine Kleinstadt im Norden Englands hat die Antwort darauf gefunden.
Luisa Rombach
25.04.2025 - 17:00 Uhr
Es ist Sonntagvormittag im nordenglischen Todmorden. Etwa vierzig Menschen, gekleidet in Funktionsjacken, abgenutzte Stiefel und Gartenhandschuhe stehen im Gemeindehaus. Gruppen werden gebildet, die mit Gartenwerkzeug ausgestattet in unterschiedliche Richtungen losstiefeln. Der jüngste Teilnehmer kann erst seit kurzem laufen, der älteste ist bereits in Rente. Was die Leute vereint, ist das Ziel, durch Gärtnern die Gemeinschaft in ihrer Kleinstadt zu stärken.
Gemeinsam gärtnern und essen
„Incredible Edible“ nennen sie das, was 2008 hier, tief im abgelegenen Yorkshire, von einigen Bewohnern Todmordens gestartet wurde und sich seitdem zu einer Bewegung entwickelt hat, deren Nachahmer bis nach Japan reichen. Die Idee dahinter ist simpel: Stärkerer gemeinschaftlicher Zusammenhalt durch das Anbauen von Lebensmitteln.
In Beeten, die an bislang ungenutzten Stellen in der Stadt verteilt stehen, bauen die Freiwilligen Gemüse an, das anschließend von allen geerntet und gegessen werden dürfen. Zweimal im Monat treffen sie sich sonntagvormittags, um gemeinsam zu gärtnern und die Beete in Schuss zu halten. Danach gibt es ein gemeinsames Mittagessen, zu dem alle eingeladen sind, egal, ob man zuvor beim Gärtnern mitgeholfen hat oder nicht. Zubereitet wird das Essen von weiteren Freiwilligen.
Aktive Annahme des Angebots
„Das Gärtnern ist dabei das Mittel zum Zweck, um die Gemeinschaft zu stärken und zusammenzukommen“, erklärt Catherine Moore, die Vorsitzende von Incredible Edible Todmorden. Das Angebot wird hervorragend angenommen, nicht nur von Alteingesessenen. „Diese Gegend Englands erlebte vor einigen Jahrzehnten einen wirtschaftlichen Abschwung, weshalb viele Menschen weggezogen sind“, erklärt Paul Bowker, der seit mehr als sieben Jahren bei Incredible Edible mithilft. „Mit der Zeit sind neue Menschen hergezogen, die häufig ein großes Interesse daran haben, ihre neue Heimat, aktiv mitzugestalten“, sinniert er über die Gründe für die große Motivation der Freiwilligen.
Laufen sie durch Todmorden, brauchen die Freizeitgärtner dafür länger, als es die Größe der Kleinstadt vermuten ließe. An jeder Ecke werden sie von Anwohnern angehalten, kommen mit ihnen ins Gespräch, über Incredible Edible, das heutige Livemusik-Angebot im lokalen Pub, den nächsten Gottesdienst für Menschen aus der LGBTQI+-Community. Um zu merken, dass die Einwohner sich hier umeinander kümmern, muss man nicht viel Zeit in Todmorden verbringen. Selbst Fremde werden auf der Straße freundlich gegrüßt, als wären sie alte Bekannte.
Und auch wenn die Blumen- und Gemüsebeete im März noch nicht sonderlich farbenfroh daherkommen, lässt sich auch in der kalten Jahreszeit erahnen, welchen Mehrwert Incredible Edible für die rund 15 000 Einwohner des Städtchens hat. An vielen Ecken kommt man an „Little Libraries“ vorbei, liebevollen Tauschbüchereien, die als Ableger von Incredible Edible entstanden sind. Das Wort „Kindness“, also Herzlichkeit, taucht in großen Lettern an Abhängen und Häuserwänden auf.
All das wäre ohne die proaktive Einstellung der Freiwilligen wahrscheinlich kaum möglich. Haben sie eine Idee, setzen sie diese zügig um. „Es ist besser, um Verzeihung zu bitten als um Erlaubnis“, sagt Adrien Thompson, der Kommunikationsleiter der Gruppe, auf die Frage, ob sie für ihre Projekte vorher bei der Stadt eine Genehmigung einholen. Was im bürokratischen Deutschland kaum vorstellbar scheint, ist in Todmorden längst bewährte Praxis.
Auch in Großstädten funktioniert das Konzept
Dies funktioniert aber nicht nur in der nordenglischen Kleinstadt, sondern in Hunderten Orten verschiedener Größe weltweit. Zum Beispiel in Leeds, einer Großstadt rund 60 Kilometer nördlich von Todmorden. Dort steht die 62-jährige Joy inmitten eines großen, wilden Gartens, den ihre Ortsgruppe in Garforth geschaffen hat. Sie haben einen kleinen Teich angelegt, gerade wird ein Baumhaus gebaut, Insektenhotels und Igelstationen sind bereits fertig. Etwa zwanzig Stunden in der Woche verbringt Joy als Projektleiterin mit ihrem Ehrenamt. Bevor sie sich der Gruppe anschloss, hatte sie noch nie in ihrem Leben etwas gepflanzt. Nun spricht sie über Brokkolisorten, Kompost und Bestäubung, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht.
Joy kümmert sich in Garforth unter anderem um die frei zugänglichen Hochbeete. Foto: Luisa Rombach
Die freiwilligen Helfer entwickeln die Konzepte ständig weiter oder passen sie den örtlichen Bedürfnissen an. So besucht Joy mit ihren Kollegen regelmäßig Schulen, um den Kindern beizubringen, wie man Gemüse anbaut. „Zu sehen, wie begeistert die Kinder mitmachen, ist toll“, sagt sie über ihre Vormittage mit den Schülern. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, verteilt das Team außerdem Saatgut im lokalen Supermarkt. „Wenn du lokale Unternehmen dazu bekommen kannst, deine Sache zu unterstützen, macht es das sehr viel leichter“, sagt Joy.
Auch in Deutschland gibt es inzwischen Nachahmer, auch wenn sie nicht offiziell zum Netzwerk von Incredible Edible gehören. Als Juliane Ranck und Laura Setzer 2019 den Film „Tomorrow“, in dem Incredible Edible vorgestellt wird, sehen, möchten sie etwas Ähnliches bei sich in Frankfurt aufbauen. Sie nehmen Kontakt mit den Menschen in Todmorden auf und gründen Gemüseheldinnen mit dem Ziel, ganz Frankfurt essbar zu machen. „Was für uns das Wichtigste ist, zu zeigen, dass etwas Schönes entsteht und dass wir uns aktiv um die Stadt kümmern“, sagt Philina Schmidt, die sich ehrenamtlich für Gemüseheldinnen engagiert. Inzwischen gibt es 18 Stadtgärten und eine Stadtfarm in Frankfurt, etwa 350 Menschen engagieren sich dort regelmäßig. „Die Motivation vieler unserer Mitglieder ist es, Teil einer Gemeinschaft zu sein“, sagt Schmidt.
Der unbedingte Wille, die eigene Gemeinschaft voranzubringen und ihren Mitmenschen mit Verständnis zu begegnen, treibt alle Gruppen im Netzwerk von Incredible Edible an. Eine spezifische Agenda, wie das viele Freiwilligengruppen haben, gibt es bei Incredible Edible ansonsten nicht. Das einzige Ziel ist, den örtlichen Zusammenhalt zu stärken. Auch das könnte ein Grund sein, warum das Projekt so erfolgreich ist.
„In Todmorden herrscht eine Art Akzeptanz von Eigenheiten“, sagt Paul Bowker über die Stadt. Jeder dürfe so sein, wie er wolle und seine individuellen Stärken einbringen. Wer nicht gerne gärtnert, könne beim Abwasch helfen, Kuchen für die Veranstaltungen backen oder Fotos für die Website des Projekts machen. Oder eben auch gar nichts, und nur zum gemeinsamen Mittagessen kommen. Das die Lebenshaltungskosten immer stärker steigen ist ein kostenloses Mittagessen für viele Menschen eine große Hilfe. Die Einwohner Todmordens bedanken sich dafür, indem sie ihre Zeit und Begeisterung in das Projekt stecken und es somit zu dem machen, was es ist.
Wenn sie nach zwei Stunden gärtnern im kalten und grauen März zurück in die Gemeindehalle kommen, wo es schon nach selbst gebackenem Fladenbrot mit Reis und Kichererbsen duftet, ist nicht schwer zu erkennen, warum.
Das alles lässt sich zudem als zwischenmenschlicher Fortschritt in der Zeitleiste des Ortes verbuchen: 1980 war Todmorden wegen zweier mysteriöser UFO-Fälle landesweit im Gespräch, in den ein Bürger angeblich von Aliens entführt und ein anderer sogar getötet wurde.