Gemeinschaftsschule Weil der Stadt Hausaufgaben haben sie hier nie auf

Von Florian Mader 

Seit drei Jahren gibt es die Gemeinschaftsschule in Weil der Stadt. Wie läuft’s? Ein Rundgang.

„Lernzeit“: Die Schüler arbeiten selbstständig, bei Fragen kommt der Lehrer Philipp Wohlleben (hinten) dazu. Foto: factum/Bach
„Lernzeit“: Die Schüler arbeiten selbstständig, bei Fragen kommt der Lehrer Philipp Wohlleben (hinten) dazu. Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Fatima hakt schon wieder ’was ab. „Das ist unser Wochenplan“, erklärt sie. „Den müssen wir bis Freitag fertig haben.“ Die Zwölfjährige sitzt an einem Schreibtisch mit Überbau, zwischen Ordnern, Heften, kichernden Mitschülerinnen. Denn auch wenn kaum etwas danach aussieht, das hier ist in der Tat eine Schule.

Im September 2015 ist die Gemeinschaftsschule in Weil der Stadt an den Start gegangen, seitdem ist in den alten Gebäuden am Festplatz vieles anders. Klassen sind hier Lerngruppen, und im Unterricht arbeiten die Schüler selbstständig, jedenfalls jeden Vormittag von 9.30 bis 11 Uhr während der sogenannten „Lernzeit“.

„Wir spüren die wachsende Akzeptanz“

Fatima hat die Auswahl zwischen verschiedenen Levels und Schwierigkeitsstufen. Das einfache Niveau entspricht der Hauptschule und das mittlere der Realschule. „Ich nehm’ immer Level 3, in allen Fächern“, erklärt die Schülerin und strahlt. „Ich bin generell gut.“ Fatima ist erst seit drei Jahren in Deutschland, sie sei aus ­Syrien geflüchtet, erzählt sie in perfektem Deutsch. Die Gemeinschaftsschule kam ihr da entgegen. „Ich war mir nicht sicher, ob ich das Gymnasium wirklich schaffen würde.“ Jetzt arbeitet sie eben an der Gemeinschaftsschule auf gymnasialem Niveau.

48 Schüler gehen in die derzeitige fünfte Klasse – ein deutlich stärkerer Jahrgang, als noch vor vier Jahren. Für die Konrektorin Sascha Annette Sauter ist das ein Beleg dafür, dass die Schulart angekommen ist. „Wir sind sehr zufrieden“, berichtet sie. „Wir spüren die wachsende Akzeptanz.“ Denn einmütig war es keineswegs, damals Anfang 2014, als der Gemeinderat zu entscheiden hatte, ob ­diese neue Schulart nach Weil der Stadt kommen solle. Ein Drittel der Stadträte war damals dagegen. Man befürchtete unter anderem, den anderen Schularten das Wasser abzugraben. Ein umfangreiches pädagogisches Konzept hatte der damalige Rektor Jochen Holzwarth mit seinem Team erarbeitet und den Befürchtungen gegenübergestellt, umfangreiches Material erarbeitet, die Lerntagebücher und ­Wochenpläne konzipiert.

Lehrer: „Ich bin richtig stolz“

Davon profitiert die Schule bis heute. „Wenn ich sehe, wo wir jetzt sind und was wir geschafft haben – dann bin ich richtig stolz darauf“, sagt Philipp Wohlleben, einer der Lehrer, die von Anfang an dabei sind. Mit großen Augen hat da auch Doro Moritz zugehört, die Landesvor­sitzende der Lehrergewerkschaft GEW, als sie jüngst in der Heinrich-Steinhöwel-Gemeinschaftsschule zu Gast war. „Wenn Sie das so erzählen, Herr Wohlleben, dann kribbelt es richtig bei mir“, sagt die Heimsheimerin. „Wie lange habe ich von einem Lehrer nicht mehr den Satz gehört: Ich bin stolz.“

Fatima ist mittlerweile mit ihren Aufgaben fertig. Sie stellt ein kleines Fähnchen auf ihren Tisch. Damit weiß ihr Lehrer, dass er zu ihr kommen und über die Aufgabe drübersehen kann. Denn frei hat er natürlich nicht, während die Schüler selbstständig arbeiten. „Ich beantworte Fragen und sehe nach den Aufgaben“, erklärt Wohlleben. Genau darin liege auch einer der großen Vorteile der Schulart. Hausaufgaben gibt es nämlich nicht, die Schüler erledigen alles während der Lernzeit in der Schule. „Und hier sind wir Fachleute und betreuen sie“, sagt er. „Damit bleibt es nicht bei den Eltern hängen.“




Unsere Empfehlung für Sie