Gender-Debatte Überraschungseier „nur für Mädchen“

Von  

Man muss keine Genderforschung betreiben, um festzustellen, dass sich die Geschlechtsstereotype in den vergangenen Jahren verfestigt haben. Ob es um Kosmetik, Medizin oder Sport geht – auf immer mehr Feldern wird klar zwischen den Geschlechtern getrennt. Arbeitskleidung ist zunehmend geschlechtsspezifisch. Lange Haare und Ohrringe sind bei Männern wieder verschwunden, stattdessen setzen sich Bärte durch. Und Mädchen und junge Frauen mit Kurzhaarfrisuren sind kaum mehr denkbar.

Es gab immer Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, aber in früheren Generationen trugen Kinder die Kleider der Älteren auf und übernahmen Roller und Rad von den Großen. Inzwischen wird von Geburt an unterschieden bei Farben, Lego-Steinen, Bällen, Rädern, Schultüten oder Ranzen. Womit Kinder auch in Berührung kommen, stets wird markiert: Junge oder Mädchen. Sogar Überraschungseier sind inzwischen „nur für Mädchen“.

In einer Kultur, die so darauf fixiert ist, ständig die Geschlechterrollen zu zementieren und verstetigen, muss jemand wie Lann Hornscheidt als schiere Provokation wirken. „Wenn das Hornscheidt Probleme mit der Existenz zweier Geschlechter hat, soll es das für sich regeln und nicht andere damit belästigen. So!“, hat jemand in Facebook kommentiert. Hornscheidt lehrt am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien. In einem offenen Brief an die Berliner Wissenschaftssenatorin forderten siebzig Unterzeichner, Hornscheidt „mit sofortiger Wirkung von der Universität zu entfernen“.

Wenn Operateure das Geschlecht zuteilen

Als würden Fakten verschwinden, wenn man nicht über sie spricht, wird auch seit Monaten dagegen protestiert, Kindern an baden-württembergischen Schulen zu erklären, dass es verschiedene sexuelle Identitäten gibt. Dabei ist unsere Gesellschaft in vielen Bereichen durchaus tolerant. Schwule Politiker sind akzeptiert – aber eben nur, wenn sie sich wie Wowereit oder Westerwelle eindeutig als Männer zu erkennen geben. Conchita Wurst wäre in der Politik undenkbar. Sie ist spaßig und nicht bedrohlich, weil ihre Travestie auf dem Parkett des Entertainments stattfindet.

Im ernsten Leben soll aber offensichtlich nicht an den Kategorien gerüttelt werden. Das bekommen vor allem jene Menschen bitter zu spüren, die ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale auf die Welt kommen. Es gibt keine Zahlen, wie viele das betrifft, aber es ist eine noch verbreitete Meinung, dass diese Existenz „dazwischen“ nicht lebbar ist. Deshalb tut die Medizin alles, um die Kinder so schnell als möglich zu „vereindeutigen“. Genital­beschneidungen aus religiösen oder kulturellen Gründen gelten als Menschensrechtsverletzung. Bei Interkindern ist die geschlechtszuweisende Operation dagegen Standard. Sie werden zwangsdefiniert – ohne ihre Einwilligung und ohne zu wissen, ob sie später tatsächlich in dem ihnen zugewiesenen Geschlecht werden leben wollen.