Gender-Debatte Ist, wer nicht ins Schema passt, einfach „falsch“?

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Es gibt Menschen, die sich überhaupt nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren. Sie können heute den langen Weg der „Transition“ und einer geschlechtsangleichenden Operation gehen, aber auch danach gelten sie oft nicht als „richtige“ Frau oder „richtiger“ Mann.

Das bekommen sie wie intergeschlechtliche Menschen und oft auch Homosexuelle an einem Ort besonders deutlich zu spüren: der öffentlichen Toilette. Welche sie auch benutzen, stets müssen sie sich anhören „Sie sind hier falsch!“ Ein Satz, der im Grunde auf die gesamte Gesellschaft übertragen werden kann: Wer nicht reinpasst, ist falsch.

Es beginnt bei der Geburtsurkunde

In einigen Berliner Bezirken gibt es inzwischen eine dritte Unisex-Toilette. Der Ethikrat hat auch eine Gesetzesänderung initiiert: Seit einem Jahr können Eltern in Deutschland ein „X“ in der Geburtsurkunde eintragen, wenn das Geschlecht ihres Kindes nicht eindeutig ist. Aber so wird das Kind doch wieder stigmatisiert, keines von beidem und damit nicht richtig zu sein. Auch aus rechtlicher Sicht ergeben sich neue Probleme, denn in Deutschland dürfen nur Mann und Frau heiraten. Wären Menschen mit einem X in der Urkunde also von der Ehe ausgeschlossen?

Der Ethikrat hatte übrigens empfohlen, über die völlige Abschaffung eines solchen Eintrags nachzudenken. Wohlgemerkt: es würde um die Abschaffung des Eintrags im Geburtsregister gehen und nicht um die Abschaffung von Mann und Frau, wie konservative Geister bei solchen Vorstößen oft reflexhaft fürchten. Aber ein Signal wäre es sehr wohl, wenn zumindest an dieser Stelle nicht explizit darauf hingewiesen würde, welches Geschlecht ein Mensch hat. Denn ist es wirklich so wichtig, das zu betonen?

Trans- und intergeschlechtliche Menschen werden um weitere Rechte kämpfen. Parallel zu dieser Liberalisierung werden sich die konservativen Bestrebungen vermutlich verstärken, denn wer sich an traditionellen Rollenbildern orientiert, braucht sich womöglich schmerzhafte Fragen zur eigenen Identität nicht stellen.

Sollten wir uns nicht mehr Freiheit gönnen?

Aber wer weiß, vielleicht wäre es ja auch eine Entlastung, nicht ständig sich und der Gesellschaft beweisen zu müssen, dass man zweifellos zu dieser oder jener Kategorie gehört – sondern einfach sein könnte, wie man ist. Im modernen Arbeitsleben werden längst von allen vielfältige Qualifikationen gefordert, vermeintlich männliche wie weibliche. Da wirkt eine so extrem geschlechterfixierte Gesellschaft letztlich anachronistisch.

Flexibilität ist gefragt – hier nicht

Übrigens ist sie auch keineswegs so frei, wie man vielleicht glauben mag. Nicht alle Mädchen würden sich aus freien Stücken für einen rosafarbenen Schulranzen und lange Haare entscheiden, und nicht alle Jungen finden Piraten toll. Hier wirkt der Druck des Kollektivs enorm.

Uta Schirmer würde sich in jedem Fall wünschen, dass Geschlecht „weniger gewaltvoll, rigide und nicht auf zwei beschränkt wäre“, wie sie sagt. „Ich möchte niemandem absprechen, dass er oder sie sich wohlfühlt als Mann oder als Frau“, meint sie, „aber es würde mich wirklich interessieren, wie man in einer Welt lebt, in der es nicht von Anbeginn unserer Tage eine Forderung ist, eines von zwei Geschlechtern zu sein.“