Gender Health Gap Medizinerin: „Menstruationsblut wird seit 2007 erforscht – das ist absurd“

Die Medizinerin Sriusdiga Manivannan klärt auf sozialen Netzwerken über Gesundheit auf, vor allem über den weiblichen Körper. Foto: Sebastian Ruckaberle

Die Medizinerin und Influencerin Sriusdiga Manivannan hat sich auf die Suche gemacht, warum viele Frauenkrankheiten bis heute unerforscht sind.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Viele Frauenkrankheiten sind kaum erforscht, auch ist der weibliche Körper weniger gut untersucht als der männliche. Medikamente werden häufig ausschließlich an Männern getestet. Das Fehlen einer geschlechtsspezifischen Forschung und Gesundheitsversorgung wird als „Gender Health Gap“ bezeichnet. Die Medizinerin Sriusdiga Manivannan (31) macht auf Wissenslücken in der Frauengesundheit aufmerksam. Im Interview spricht sie über verpasste Chancen in der Forschung und warum Beschwerden von Frauen auch heute noch weniger ernst genommen werden.

 

Frau Manivannan, in Ihrem Buch „Die unerforschte Frau“ prangern Sie an, dass der Körper der Frau jahrzehntelang gar nicht erforscht wurde. Welche Studien haben Sie am meisten überrascht oder Ihre eigene Perspektive verändert?

Mich hat weniger eine einzelne Studie überrascht, sondern eher das Gesamtbild. Je tiefer man in diese Frauengesundheitsnische einsteigt, desto klarer sieht man, wie viele Lücken es noch gibt. Ich finde zum Beispiel die Forschung zur Endometriose besonders spannend – vor allem, wie große Fortschritte gemacht wurden, seit sich die Wissenschaft intensiver mit der Krankheit beschäftigt. Lange mussten die Patientinnen für eine gesicherte Diagnose eine Bauchspiegelung machen, nur so konnte man herauszufinden, ob sie wirklich Endometriose haben. Aber es gab bei meiner Recherche auch eine Sache, die mich richtig wütend gemacht hat.

Welche war das?

Menstruationsblut wird erst seit 2007 ernsthaft erforscht – das finde ich absurd. Dabei hat man inzwischen herausgefunden, dass darin sogar Stammzellen enthalten sind. Gerade wird auch erforscht, ob Menstruationsblut bei der Wundheilung helfen oder sogar die Diagnose von Endometriose erleichtern könnte, weil man darin bestimmte Entzündungsmarker erkennen kann.

Das Frauen beim Arzt oft nicht ernst genommen werden, hat die Medizinerin Sriusdiga Manivannan schon als Kind bei ihrer Mutter geärgert. Foto: Elena Peters Fotografie

Warum wurde der weibliche Körper historisch in der medizinischen Forschung vernachlässigt?

Ich glaube zum einen, dass das politisch und gesellschaftlich lange nicht gewollt war, dass Frauen so viel Wissen über ihren eigenen Körper haben. Außerdem wurde der Männerkörper als allgemeingültiges Ideal angesehen, dadurch blieb vieles rund um den weiblichen Körper unerforscht.

Wie stark beeinflusst die männlich dominierte Studienlage heutige Diagnosen und Therapien?

Wenn wir die Lebensrealität von 50 Prozent der Bevölkerung nicht ignoriert hätten, wären wir heute vielleicht schon deutlich weiter. Und hätten vielleicht Lösungen gefunden, die am Ende vielleicht allen zugutekommen könnten. Genau deshalb brauchen wir nach wie vor noch bessere Daten zu Frauen.

Welche konkreten Forschungslücken bestehen heute noch – besonders in Bereichen wie Schmerz, Hormone oder Stoffwechsel?

Das ist vor allem bei Endometriose der Fall, besonders bei der Diagnostik und nicht-invasiven Ansätzen. Gleichzeitig finde ich es wichtig zu vermitteln, dass im weiblichen Körper nicht einfach „Chaos“ herrscht, wie manche oft annehmen. Tatsächlich handelt es sich um ein fein abgestimmtes System. Die beiden wichtigsten Hormone sind Prostaglandin und Östrogen, die unseren Schlaf, unsere Lust, unsere Energie – also eigentlich unser gesamtes Leben – beeinflussen.

Wo werden Frauen in der Medizin benachteiligt – auch heute noch?

Bei mir haben ganz viele Erfahrungen dazu geführt, dass ich irgendwann frustriert war. Ich verstehe heute auch selbst die Ohnmacht, von der viele Frauen berichten, wenn sie sagen, dass sie medizinisch nicht ernst genommen werden. Bei mir war es zum Beispiel mit Regelschmerzen so. Als Teenagerin habe ich die Pille verschrieben bekommen, weil ich starke Schmerzen hatte. Die Schmerzen wurden zwar besser, aber gleichzeitig hatte ich plötzlich dunkle Gedanken. Ich habe damals meinen Arzt gefragt, ob das mit der Pille zusammenhängen kann. Da hat er gesagt: „Nein, die Pille macht keine Depression.“ Drei Jahre später kam dann der Rote-Hand-Brief von 2019, in dem Ärzt:innen und Apotheker:innen darüber informiert wurden, dass Studien ein erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten bei Frauen festgestellt haben, die hormonell verhüten.

Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Damals habe ich mir natürlich gedacht: Wieso nimmt er das nicht ernst? Und später im Studium habe ich gemerkt: Es lag nicht nur an einzelnen Ärzten. Da erlebt man erst die bittere Wahrheit und merkt, wie Ärztinnen und Ärzte unter enormem Druck arbeiten – mit überfüllten Wartezimmern, Personalmangel und Routinen, die selbst nie richtig hinterfragt wurden. Dieses System schränkt einen enorm ein.

Was müsste man ändern?

Wir brauchen vor allem mehr Zeit für Patientinnen. Der weibliche Körper ist durch den Zyklus dynamischer und viele Beschwerden lassen sich nicht in wenigen Minuten erklären. Die Realität ist aber, dass bei Arztbesuchen oft keine 15 Minuten bleiben, sondern vielleicht nur fünf. Wie soll man sich in dieser Zeit sortieren und alles erzählen? Dabei geht es aus meiner Sicht gar nicht darum, einzelnen Ärztinnen oder Ärzten die Schuld zu geben – das Problem liegt vielmehr im System. Es braucht strukturelle Veränderungen. Und das Wichtigste ist für mich eigentlich Empathie und ernst genommen werden. Medizinisches Wissen kann weitervermittelt werden. Aber wenn man sich nicht ernst genommen fühlt, verliert man irgendwann das Vertrauen in den eigenen Körper.

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Tabus bei der mangelnden Erforschung des weiblichen Körpers?

Gesellschaftliche Tabus spielen eine riesige Rolle. Über Generationen hinweg wurde Frauen eingetrichtert, dass wir über bestimmte Themen nicht reden sollen: Menstruationsblut, Wechseljahre, Periodenschmerzen. Wenn etwas nicht bei der Gesellschaft ankommt, dann wird es auch nicht erforscht. Die einzige Möglichkeit ist wirklich, dass man wütend wird, nach vorne geht und darüber redet. Ich glaube, Aufklärung muss viel früher anfangen – innerhalb von Familien schon. Viele Frauen wissen gar nicht, welche Beschwerden ihre Mütter oder Großmütter hatten, weil darüber nie gesprochen wurde. Und wahrscheinlich wird es lange dauern, bis solche Themen vollständig enttabuisiert sind. Aber irgendjemand muss anfangen, die ersten Schritte zu gehen – und ich glaube, das passiert gerade in unserer Generation.

Wie wirken sich kulturelle Vorstellungen von „Weiblichkeit“ auf wissenschaftliche Fragestellungen aus?

Frauen wurde über lange Zeit vermittelt, wie sie zu sein haben: fürsorglich, angepasst, nicht zu laut und vor allem nicht „kompliziert“. Viele dieser Vorstellungen wirken bis heute nach und beeinflussen auch, wie Frauen medizinisch wahrgenommen werden. Ich habe das auch bei meiner Mutter erlebt. Sie ist eine PoC-Frau und wurde bei Arztbesuchen häufig nicht ernstgenommen, wegen ihrer Hautfarbe, weil sie eine Frau ist und zusätzlich wegen sprachlicher Hürden. Damals war ich noch eine Teenagerin und hatte selbst nicht das Wissen, das einzuordnen. Heute bin ich die mit dem Wissen – und weiß, dass man sich eine Zweitmeinung holen kann. Genau das versuche ich Frauen mitzugeben: nicht Selbstdiagnosen, sondern das Bewusstsein dafür, dass man für den eigenen Körper einstehen muss.

Sehen Sie Fortschritte – oder reproduziert sich der Bias heute nur subtiler?

Ich würde schon sagen, dass es Fortschritte gibt. Ich finde zum Beispiel, Social Media schafft heute eine Aufmerksamkeit, die es früher so nicht gab. Dadurch werden viel mehr Frauen überhaupt auf Krankheiten wie Endometriose aufmerksam. Und sobald Krankheiten mehr Öffentlichkeit bekommen, dann werden sie auch politisch relevanter – und es fließen mehr Forschungsgelder.

Haben Sie da ein Beispiel?

Ein gutes Beispiel ist die Diskussion rund um die Spirale. In Amerika haben Frauen ihre Erfahrungen beim Einsetzen der Spirale auf Social Media geteilt und gezeigt, wie schmerzhaft das für sie war. Die Videos sind viral gegangen. Daraufhin wurde in die Leitlinien aufgenommen, dass man unbedingt über Schmerzmanagement und mögliche Optionen aufklären soll. Das wurde tatsächlich erst 2025 ergänzt. Vorher wurde das kaum thematisiert. Das hätte natürlich viel früher passieren müssen, aber es ist trotzdem ein Fortschritt und zeigt, was Social Media bewirken kann. Das heißt ganz konkret: Eure Stimme zählt.

„Die unerforschte Frau“ – Warum Frauen oft anders krank sind

Gender Health Gap
Dieser beschreibt das Phänomen, dass sich sowohl die Entstehung als auch der Verlauf und die Symptome von Krankheiten je nach Geschlecht unterscheiden können, ebenso die Behandlung und optimale Dosierung von Medikamenten. So wurden beispielsweise viele Medikamente über lange Zeit nur oder vorwiegend an Männern getestet, viele typische Frauenkrankheiten sind schlecht erforscht. Auch die Symptomatik vieler Krankheiten zeigt sich bei Frauen häufig anders wie zum Beispiel ein beginnender Herzinfarkt oder auch ADHS.

Leben
Sriusdiga Manivannan hat an der Universität Hamburg Medizin studiert. Nach ihrem Staatsexamen entschied sich die Medizinerin für Aufklärungsarbeit, besonders zu Frauengesundheit. In sozialen Netzwerken (@medsri) spricht sie offen über den weiblichen Körper und über Forschungslücken in der weiblichen Medizin. Sie ist zudem Autorin und als Speakerin tätig. (nay)

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