KommentarGender und Sprachideologie Die totalitäre Sprachpolizei von Hannover

Von Götz Aly 

Gender-Wahn im Stadrat Hannover: Mitarbeiter dürfen nur noch geschlechtsneutrale Formulierungen verwenden. Dabei handelt es sich um autoritäre Barbarei, meint unser Kolumnist Götz Aly.

Ab wann geht das Gendern zu weit? Foto: dpa
Ab wann geht das Gendern zu weit? Foto: dpa

Hannover - Von der Mehrheit im Stadtrat gewollt, gilt in Hannover neuerdings ein hochgradig ideologisierter Sprach-Ukas. Der Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) und die Gleichstellungsbeauftragte Friederike Kämpfe (Grüne) ordneten für die elftausend städtischen Mitarbeiter an, dass diese künftig nicht „meine Damen und Herren“ sagen, sondern geschlechtsneutral auf „liebe Gäste“, „verehrte Anwesende“ oder „liebe alle“ ausweichen sollen. Statt jeder/jede hat man in Hannover jetzt alle zu sagen. Der ausdrücklich dem Individuum geltende Satz „Jeder Mensch ist vor dem Gesetz gleich“ wird abgeschafft. Die Anrede mit Herr und Frau ist im brieflichen und persönlichen Verkehr zu meiden. Stattdessen ist zu schreiben: „Sehr geehrte Anita und Konrad Schulz“. Die Bediensteten des Jugendamts haben in Zukunft Frau Schulz mit „Hallo, Anita Schulz!“ zu begrüßen. Diese hat zwar ein Kind (nicht Sohn!) namens Dagobert – aber möglicherweise fühlt sich Mutter Schulz nicht als Frau. Und Dagobertchen?

Aus dem Wählerverzeichnis wird das Wählendenverzeichnis

Statt von Personalvertretern soll nur noch von „der Personalvertretung“ die Rede sein – eine kafkaeske, tendenziell totalitäre Entpersönlichung. Aus dem Mitarbeiter wird – wie zu erwarten – der Mitarbeitende. Nun besagt die Erfahrung, dass nicht alle Mitarbeiter einer Stadtverwaltung Mitarbeitende sind. Gibt es doch inkompetente Vielschwätzer, ewig Krankgeschriebene, begabungsfern Eingesetzte, Faulenzer usw. Aus dem Wählerverzeichnis wird in Hannover nun das Wählendenverzeichnis. Dieses für die Genderwelt so typische Sprachungetüm ist – grammatikalisch betrachtet – das substantivierte Partizip Präsens des Verbs wählen. Aber offenbar kennen die Stadträte, pardon: die Stadtratenden von Hannover nicht den Gehalt dieser Form. Deshalb sei versucht, ihnen in Einfacher Sprache nahezubringen, worum es geht. Spielende Kinder sind solche, die in einem bestimmten Moment spielen. Folglich schreitet der Wählende am Wahltag tatsächlich zur Urne. Das Wählerverzeichnis listet jedoch nicht die Wählenden auf, sondern die deutlich größere Gesamtheit der Wahlberechtigten. Kapiert?

Klar ist, dass sich hinter dem Decknamen „Geschlechtsumfassende Formulierungen“ nicht Sprachkenntnis, sondern autoritäre Barbarei verbirgt. Betrieben wird sie von vielen Sozialdemokraten, Grünen und Linken, die sich fortschrittlich dünken und sich gern in ihren Luxusproblemchen aalen. Simple Wörter wie Obdachloser, Schwerbeschädigter oder U-Bahnfahrer fallen ihnen für ihre Beispiele nicht ein, wohl aber die Wörter Fraktionsvorsitzende, Personalvertreter, Rednerpult, Bauleiterin etc.

Im Brandenburgischen Landtag herrscht nun Parität

Faktisch geht es bei all dem nicht um Gleichberechtigung, sondern um die Stabilisierung der Vormacht jener Männer, die sich an diesem inhaltsleeren Getöse opportunistisch beteiligen. Glasklar erkannten das die weiblichen Abgeordneten im Brandenburgischen Landtag. Vom westdeutschen Gendergetue unverbildet, brachten sie jetzt ein revolutionäres Gesetz durch: Es gilt von 2022 an und schreibt vor, dass die Hälfte der Abgeordneten dann Frauen sein müssen. Im Potsdamer Landtag hatten die Damen der SPD, der Linken und der Grünen jahrelang an einer substantiellen Reform gearbeitet. Eine Reform, die engagiert gegen vorgestrige Machtmännchen jeder sexuellen Orientierung verteidigt werden muss.

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