Der baden-württembergische Ministerpräsident will keine gendergerechte Schreibweise an den Schulen. Eine solche politische Bevormundung ist unzeitgemäß, kommentiert Sebastian Jutisz.

Sprache verändert sich dadurch, wie wir sie im Alltag gebrauchen. Diese Entwicklung lässt sich nur bedingt steuern. Heute sind Gendersternchen, Unterstriche und Doppelpunkte zumindest an vielen weiterführenden Schulen eine Selbstverständlichkeit. Einigen Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern ist es wichtig, die gesellschaftliche Vielfalt auch sprachlich abzubilden.

 

Es wäre jedoch ein Fehler, eine einheitliche Regelung durchsetzen zu wollen. Die Kernaufgabe von Lehrern besteht darin, Schüler auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten. Dazu gehört auch, dass Geschlechterrollen und gesellschaftliche Klischees im Unterricht hinterfragt werden. Mit welcher Schreibweise die Gleichstellung der Geschlechter ausgedrückt wird, ist jedoch zweitrangig.

In Frankreich ist gendergerechte Sprache verboten

Ministerpräsident Winfried Kretschmann fordert, die Richtlinien des Rats für deutsche Rechtschreibung an Schulen umzusetzen und auf Gendersternchen oder ähnliche Zeichen zu verzichten. Das erinnert an die Äußerungen des französischen Bildungsministers Jean-Michel Blanquer, der vor einem Jahr gendergerechte Sprache an Schulen und Universitäten verbieten ließ. Doch in der Praxis ließen sich Verwaltung, Lehrpersonal, Studierende sowie Schülerinnen und Schüler davon wenig beeindrucken. In vielen Bildungseinrichtungen blieb die Vorgabe unbeachtet. Laut einer Umfrage befürworten zwei Drittel aller Franzosen eine gendergerechte Sprache.

Früher oder später wird auch den offiziellen Sprachwächtern nichts anderes übrig bleiben, als den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung zu tragen. So musste 2019 die Académie Française zähneknirschend weibliche Berufsbezeichnungen anerkennen, was sie bis dahin abgelehnt hatte. Wahrscheinlich wird auch der Rat für deutsche Rechtschreibung dereinst eine gendergerechte Orthografie akzeptieren müssen. Bis dahin ist die Vielfalt, die bei diesem Thema an den Schulen herrscht, kein wirkliches Problem – im Gegensatz zu vielen anderen Baustellen in der Bildung.