Gendern in der Schule Darf im Aufsatz gegendert werden?

Gendern entspricht nicht der gängigen Orthographie, aber ist es deshalb in Schulen verboten? Foto: picture alliance //Bildagentur-online/Ohde

Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt – Genderzeichen polarisieren. Aber wie ist das in den Schulen? Dürfen Schülerinnen und Schüler sie verwenden? Oder zählen sie gar als Fehler? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Stuttgart/Köln -

 

Gendern, dass ist doch das, was unser Gemeinschaftskundelehrer immer macht“, sagt Mia. Der spreche etwa von Arbeitnehmer*innen, wobei er das Sternchen mit einer kurzen Sprechpause markiert. „Ich finde gut, dass auch Frauen mitgenannt werden“, sagt die 14-jährige Gymnasiastin aus Stuttgart. Allerdings sei er ihr einziger Lehrer, der das mache. Wie ist es andernorts: Wird dort von Lehrkräften gegendert? Wenn ja: Sollen die das überhaupt? Fragen und Antworten, die die „Stuttgarter Nachrichten“ recherchiert haben.

Was versteht man unter Gendern?

Gendergerechte Sprache ist Teil des so genannten Gender Mainstreamings. Dieses Organisations- und Politikkonzept sieht vor, in allen Lebensbereichen Bedingungen zu schaffen, die es Frauen und Männer ermöglichen, gleichberechtigt miteinander zu leben. Das soll sich auch in der Sprache ausdrücken, etwa indem männliche und weibliche Formen benutzt werden. Manche wählen auch neutrale Bezeichnungen, also Lehrende statt Lehrerinnen und Lehrer. Um auch Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig fühlen, einzubeziehen, gibt es Genderformen wie das Gendersternchen, den Unterstrich oder Doppelpunkt. Inwieweit diese in der schriftlichen Sprache genutzt werden sollten, ist stark umstritten.

Wird in der Schule gegendert?

„Dem Kultusministerium ist es ein Anliegen, dass an den Schulen in Baden-Württemberg eine Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für geschlechtergerechte Sprache erfolgt“, so ein Sprecher der Ministeriums. Maßgeblich für die Schulen sei dabei der Bildungsplan 2016. Im Bildungsplan werden – mit wenigen Ausnahmen – durchgängig weibliche und männliche Formen oder neutrale Ausdrücke wie etwa Lehrkräfte oder Studierende verwendet. Ähnlich verhält es sich bei den Rahmenlehrplänen der Berufsschule und sonstigen Bildungsplänen. Die verschiedenen Genderzeichen werden im Bildungsplan nicht verwendet.

Vorgaben, wie in den Schulen miteinander gesprochen werden soll, gibt es von Seiten des Ministeriums nicht. „Das macht jeder im Kollegium ein bisschen anders“, berichtet eine Gymnasiallehrerin aus Stuttgart. Sie selbst benutze männliche und weibliche Formen. In ihren Klassen stellt sie ein großes Interesse an dem Thema fest. „Manche Jugendliche würden auch gern das Sternchen benutzen“, so die Deutschlehrerin.

Wenig Interesse daran, selbst zu gendern, stellt hingegen Jörg Fröscher fest. „Ich benutze immer auch die weiblichen Formen, wenn ich das Kollegium oder die Schülerschaft anspreche“, erzählt der Leiter einer Gemeinschaftsschule in Ditzingen. Für die Kinder und Jugendlichen an seiner Schule sei Gendern hingegen kein Thema, das sie von sich aus ansprechen. Eher interessierten sie Themen wie Gleichberechtigung im Alltag oder LGBTIQ-Themen, als etwa Homosexualität oder Transgender.

Ralph Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg, hat bislang nicht den Eindruck, dass das Thema Gendersternchen an den Schulen zu Konflikten führt.

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Was gilt in Aufsätzen und Prüfungen?

Die Vermittlung der deutschen Sprache sowie die Korrektur von Aufsätzen erfolge „auf der Grundlage des Amtlichen Regelwerks für die deutsche Orthographie“, heißt es von Seiten des Kultusministeriums. Dessen Urheberinnen und Urheber vom Rat für deutsche Rechtschreibung empfehlen Genderzeichen wie das Sternchen bislang nicht und argumentieren unter anderem mit der Lesbarkeit und Verständlichkeit von Texten. „Das Kultusministerium spricht keine darüber hinausgehenden oder davon abweichenden Empfehlungen aus.“ Allerdings überlasse es das Ministerium den Schulen und Lehrkräften, ob sie es anstreichen oder nicht, wenn Schülerinnen und Schüler in Aufsätzen Sternchen oder ähnliches schreiben. Auch die Beurteilungs- und Korrekturrichtlinien für die Abschlussprüfungen enthielten „keine Aussagen zum Gendern“, so der Sprecher. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) hält es für sinnvoll, dass Lehrkräfte sich mit Schülerinnen und Schülern „auf eine Schreibweise bezüglich der Sonderformen“ einigen.

Spricht man mit Lehrkräften, so berichtet eine Gymnasiallehrerin, dass es in Klausuren durchaus vorkomme, dass Schülerinnen und Schüler ein Genderzeichen benutzten. „Ich habe das aber bislang nie angestrichen.“ Eine Kollegin erzählt: „Kürzlich verwendete eine Schülerin in einer Erörterung ausschließlich die weibliche Pluralform“. Allerdings seien das bislang eher Einzelfälle.

Für Mittelstufenschülerin Mia ist es nicht so wichtig, im Aufsatz gendern zu dürfen. „Das ist umständlich und braucht mehr Zeit.“ Wichtiger findet sie es, in öffentlichen Dokumenten oder Zeitungsartikeln. „Wenn dort zum Beispiel von Forscherinnen, Physikerinnen oder Ingenieurinnen geschrieben wird“, sagt ihre Freundin Hella (14). Und die 15-jährige Nora findet es am besten, wenn man mal die weibliche und mal die männliche Form schreibt. Lina (14) hingegen stört, dass im Spanisch-Unterricht die dritte Person Singular immer mit „el“, also der männlichen Form gebildet wird.

Wie wird in Schulbüchern geschrieben?

Für Schulbücher gilt ebenfalls das Amtliche Regelwerk für die deutsche Orthographie, deshalb enthalten sie bislang keine Genderzeichen. Sie müssen aber laut Schulbuchzulassungsverordnung „dem Prinzip des Gender Mainstreaming Rechnung tragen“. Ein Schulbuch müsse „sowohl Schülerinnen als auch Schülern ausreichende Identifikationsmöglichkeiten bieten“ und „stereotype Rollenzuschreibungen vermeiden“, heißt es vom Kultusministerium. Außerdem sollte es „die Bereitschaft fördern, künftig gleichermaßen in Familie, Beruf und Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen“. Für Ilas Körner-Wellershaus vom Ernst-Klett-Verlag in Stuttgart ist das schon lange eine Selbstverständlichkeit. „Wir schreiben etwa bei Berufsbezeichnungen immer beide Formen“, so Verlagsleiter Körner-Wellershaus , „das generische Maskulinum vermeiden wir“. Je nach Altersstufe sei Gendern aber auch als Thema in Unterrichtsmaterialien sowie Handreichungen für Lehrkräfte präsent. „Wir bilden die Schreibdebatte ab und wollen so die Schülerinnen und Schüler zur Meinungsbildung auffordern.“ Prinzipiell sei man sehr sensibel gegenüber aktuellen sprachlichen Debatten und Entwicklungen und veranstaltet zum Beispiel Workshops für Autorinnen und Autoren zum Thema Diversität. Interessant seien die Zuschriften an den Verlag: „Wir bekommen teilweise Zuschriften von Klassen, die sich Genderzeichen in den Schulbüchern wünschen. Gleichzeitig schreiben uns manchmal Lehrkräfte, die sagen: Bitte nicht!“

Ist das Thema Gendern Unterrichtsinhalt?

Eine vielfältige, gleichberechtigte Gesellschaft ist als Thema im Bildungsplan 2016 verankert und sollte in allen Jahrgangsstufen und verschiedenen Fächern altersentsprechend Unterrichtsinhalt sein. Es gehe darum, das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Nationalitäten, Religionen oder geschlechtlichen und sexuellen Identitäten darzustellen und bei den Heranwachsenden gegenseitige Achtung zu fördern, heißt es von Seiten des Ministeriums. Speziell das Thema Geschlechtergerechtigkeit könne „ an vielerlei Stellen im Fachunterricht verankert werden“. So könnten beispielsweise Mittelstufenschüler in Gemeinschaftskunde die unterschiedliche Aufgabenverteilung in den Familien bewerten und überlegen, wie man festgefahrene Rollen überwinden kann. Außerdem können sich Schülerinnen und Schüler damit auseinandersetzen, welche Rolle Geschlechterstereotype bei der Berufswahl spielen.

Im Fach Deutsch sei Gendern als Thema sehr präsent, sagt die Stuttgarter Gymnasiallehrerin. „Wir sprechen über die Debatte darum, lesen entsprechende Artikel dazu und diskutieren und erörtern das“, so die Pädagogin. Auch im diesjährigen Deutschabitur sei Gendern als Thema zur Wahl gestanden.

Was sagt der Sprachexperte?

„Wir beobachten derzeit eine Sprachentwicklung im Zeitraffer“, sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch in Köln. Er plädiert dafür, auch in den Schulen offen und entspannt mit Gender-Zeichen wie Stern, Doppelpunkt oder Unterstrich umzugehen. „Das ist nichts, was vom Staat geregelt werden sollte. Der Sprachgebrauch entwickelt sich und orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen“, so der Experte für deutsche Sprache und Didaktik. Auch in Aufsätzen sollten Schulen Gender-Formen zulassen. „So etwas zu sanktionieren finde ich nicht angemessen, Sprache entwickelt sich, das lässt sich nicht aufhalten.“ Den Lehrerinnen und Lehrern rät er, auch bei Unterrichtsmaterial, das sie selbst erstellen „experimentierfreudig“ zu sein. Welche Ausdrucksform und Schreibweise sich am Ende durchsetzen werde, sei noch nicht entschieden. Auch aus psychologischer Sicht hält es Becker-Mrotzek für sinnvoll zu gendern. Das jahrelange Credo, dass Frauen in den männlichen Pluralformen mitgedacht würden, stimme nicht: „Wir wissen aus psycholinguistischen Experimenten, dass die Menschen eben nicht an Frauen denken, wenn da Ingenieure steht, sondern eher an Männer.“ Die Verwendung des generischen Maskulinums haben deshalb ganz konkrete Auswirkungen auch auf Rollenbilder.

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