General a.D. Harald Kujat „Dem Ansturm der Taliban nicht gewachsen“

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Der frühere Generalinspekteur Harald Kujat sieht für Afghanistan ein Schicksal voraus, wie es der Irak erleidet. Selbst bei einer Verlängerung der Ausbildungsmission seien die afghanischen Sicherheitskräfte dem Ansturm der Taliban nicht gewachsen, sagt er.

Harald Kujat war  von 2000 bis 2002 der 13. Generalinspekteur der Bundeswehr. Foto: dpa
Harald Kujat war von 2000 bis 2002 der 13. Generalinspekteur der Bundeswehr. Foto: dpa
Herr Kujat, dass die Taliban jetzt Kundus überrennen, kommt nicht überraschend. Was bedeutet dieser Erfolg der Islamisten?
Zum einen stand die Bevölkerung ohnehin wankelmütig zum Abzug der Nato-Truppen und war nicht sicher, ob die Taliban zu den Verhältnissen von vor 2001 zurückkehren würden. Jetzt wird sie in großen Teilen wieder auf die Seite der Taliban einschwenken. Zum anderen werden wir mit einer stärkeren Flüchtlingswelle aus Afghanistan rechnen müssen.
Selbst wenn den afghanischen Streitkräften mit US-Unterstützung eine wirkungsvolle Gegenoffensive gelingen sollte, dürfte diese nicht von Dauer sein?
Als für den Abzug der internationalen Truppen seinerzeit ein Datum gesetzt wurde, war den Taliban klar: Wir brauchen nur abzuwarten, um verstärkt und ohne großen Widerstand vorzugehen – dann werden wir irgendwann die Macht übernehmen. Mit der Ausbildung der afghanischen Streitkräfte wird nun nach wie vor darauf gesetzt, dass wir mit einer hohen Zahl an Soldaten die Afghanen in die Lage versetzen, ihre eigene Sicherheit zu garantieren. Aber die Zahlen selbst sind nicht entscheidend, sondern die militärische Professionalität, die Kampfkraft, die Zuverlässigkeit, die Loyalität und der Zusammenhalt der Soldaten. Da gibt es seit Jahren eine Menge Anlass für Bedenken. Was wir als Kampfmoral bezeichnen, ist ein Riesenmanko in den afghanischen Streitkräften. Zudem ist der Rückhalt für die Sicherheitskräfte allgemein, also auch für die Polizei, in der Bevölkerung äußerst gering. Das heißt, selbst wenn die Situation in Kundus jetzt noch einmal bereinigt werden sollte – was schwer genug ist bei einer Stadt mit 300 000 Einwohnern –, wird sich die Situation auf lange Sicht sicher nicht zum Besseren wenden.
Welche militärischen Fehler wurden gemacht?
Die Entwicklung hat sich seit Längerem abgezeichnet. Wir haben militärische Fehler gemacht, das lässt sich nicht leugnen. Kurz gesagt, braucht man überlegene Kräfte, ein klares strategisches Ziel sowie die Unterstützung der eigenen Bevölkerung und muss den Einsatz so kurz wie möglich halten. Das alles ist uns nicht gelungen. Auch konnte den Taliban nicht ihr Rückzugsraum in Pakistan verwehrt werden.
Und welche politischen Fehler?
Die entscheidenden Defizite sind auf der politischen Seite entstanden. So ist es uns nicht gelungen, die regionalen Mächte in einen Friedensprozess einzubeziehen und die afghanische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es nach dem Abzug der internationalen Truppen keine Rückkehr für die Taliban geben wird. Das hat uns niemand geglaubt. Vor allem ist es nicht gelungen, ein stabiles, demokratisches Regierungssystem zu etablieren, das die Kontrolle über das ganze Land hat. Und nicht zuletzt konnten wir kein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem ohne die alles überwuchernde Korruption sowie kein funktionierendes Rechts- und Justizsystem mit einer gesetzestreuen Polizei etablieren. All dies führt dazu, dass das Land in sich instabil ist – schon ein leichter Stoß genügt, um es aus der Bahn zu werfen. Das Schicksal ist auf lange Sicht vorgezeichnet…
… ein Schicksal, wie es der Irak erleidet?
Auch im Irak haben wir diese Situation. Und wir sehen in Afghanistan, dass nicht nur die Taliban, sondern auch der Islamische Staat im Osten des Landes aktiv ist. Da gibt es schon Kämpfe untereinander. Möglicherweise entstehen auch andere terroristische Gruppen dort. Umgeben von mehreren Nuklearmächten an der Kreuzung zwischen Ost und West ist Afghanistan in einer ganz zentralen Lage – zudem ein Nachbarstaat des Iran, was für die amerikanische Präsenz wichtig ist. Afghanistan wird also auch in Zukunft aufgrund der geostrategischen Position große Bedeutung haben, doch all dies ist in Gefahr.