Generalabrechnung des Bundestrainers Das steckt hinter den Botschaften von Joachim Löw

Geht unbeirrt seinen Weg: Bundestrainer Joachim Löw Foto: imago//Marc Schueler
Geht unbeirrt seinen Weg: Bundestrainer Joachim Löw Foto: imago//Marc Schueler

Warum der Bundestrainer Joachim Löw seinen grundsätzlichen Kurs nach dem 2:1-Sieg der DFB-Elf am Samstagabend in Kiew gegen die Ukraine vehement verteidigt.

Sport: Marco Seliger (sem)
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Stuttgart/Kiew - Die ukrainische Dolmetscherin hatte schon leichtere Übungen zu bewältigen als jene am Samstagabend im Olympiastadion in Kiew. Es ist Usus bei Pressekonferenzen nach Länderspielen, dass die Aussagen der Trainer in die jeweilige Landessprache der Gastgeber übersetzt werden. Nun gab es die wohl längste Antwort, die der Dame bisher unterkam. Vier Minuten und 25 Sekunden lang, so stoppten es Beobachter, dauerte der Monolog des Joachim Löw nach dem mühsamen 2:1-Sieg in der Nations League gegen die Ukraine. Und, nun ja, nicht nur lang war die Ausführung Löws – sie hatte es inhaltlich auch in sich.

Denn Löw hatte etwas loszuwerden, er hatte etwas auf dem Herzen. Es ging um nicht weniger als den Kurs, den der Coach in diesen Monaten mit Blick auf die EM im nächsten Sommer fährt: Es ging um Grundsätzliches. Ob Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der frühere Bundestrainer Berti Vogts oder der Rio-Weltmeister Bastian Schweinsteiger, der inzwischen als TV-Experte tätig ist – sie alle wunderten sich ja zuletzt über Löws Personalauswahl mit der zweiten Garnitur in Testspielen und seine Taktik. Schweinsteiger ging am Samstag in der ARD so weit zu behaupten, dass die Öffentlichkeit sich derzeit „nicht mehr so 100-prozentig identifizieren“ könne mit der Nationalmannschaft.

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Jeder könne Kritik äußern, sagte Löw nun in seinem Monolog – und gab dann einen Löw in Reinform: „Aber ich stehe über den Dingen. Dass es unterschiedliche Meinungen gibt, das erlebe ich seit 16 Jahren.“ Zigmal fiel beim Bundestrainer das Wort „Kritik“, die sich beim Stotterstart nach dem monatelangen Corona-Lockdown mit drei Remis öffentlich entlud. „Kritik ist okay“, sagt Löw, „aber wir haben unsere Linie, wir haben unseren Plan.“ Seine Kernbotschaft lautete: „Ich weiß, wann ich was tue. Ich sehe das große Ganze. Ich sehe nicht immer nur ein einzelnes Testspiel. Ich sehe einfach den Weg zur EM.“ Im Klartext soll das heißen: Im Sommer 2021, bei der EM, wird abgerechnet, aber bitte schön nicht jetzt im Herbst.

Schweinsteiger kritisiert

Bei Löws Generalabrechnung ging es auch um den übergeordneten Umbruch, den der Bundestrainer nach der WM-Blamage 2018 mit einiger Verspätung eingeleitet hatte – und der vor dem Corona-Lockdown ja auch erste Früchte trug mit teils erfrischenden Auftritten der Serge Gnabrys, Leroy Sanés und Joshua Kimmichs. „Ich vertraue meinen Spielern“, sagt Löw nun. Und weiter: „Wir haben eine sehr gute Mannschaft. Warum soll man jetzt unsere Linie aufgeben?“

Löws Kurs auf dem Weg zur EM aber bleibt gewagt. Bastian Schweinsteiger, sein einstiger Chef im Mittelfeld, ging als TV-Experte ins Detail und äußerte, genau: Kritik. Mit Verweis auf den bei der Nationalelf ausgebooteten Abwehrroutinier Jérôme Boateng vom FC Bayern verwies Schweinsteiger auf das Leistungsprinzip.

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Löw ficht das nicht an, er blickte am Wochenende lieber auf den Zustand zurück, als die inzwischen aussortierten Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller noch dabei waren in seinem Kreis. „Im November 2018 nach der WM und nach der Nations League, da waren wir unten, ganz weit unten“, sagte der Coach. Dass Löw dafür die Hauptverantwortung hatte, das sagte er nicht.

Aktuell jedenfalls leidet die deutsche Elf oft an einer fehlenden Durchschlagskraft im Spiel nach vorne und Unsicherheiten in der Defensive – was zumindest am Samstag vielleicht daran lag, dass Löw trotz des allenfalls mittelmäßigen Gegners auf eine Dreier- bzw. Fünferkette in der Abwehr setzte. Auch dazu hatte Schweinsteiger eine klare Meinung: „Wir hätten nicht immer fünf Verteidiger und drei Innenverteidiger gebraucht.“

Ergebnis und Erlebnis zählen

Auch bei diesen Punkten, klar, gab Löw den Löw – und blieb gelassen. Denn von öffentlicher Kritik oder gar Hysterie hat er sich nach mehr als 14 Jahren im Amt innerlich längst gelöst. „Es ist normal, dass es unterschiedliche Meinungen gibt über Systeme, über Taktiken, über Spieler und übers Personal“, sagte Löw trocken. Die sinkenden Zuschauerzahlen in den Stadien schon vor Corona und teils unbefriedigende TV-Quoten wiederum sind wohl auch für Löw ein Alarmsignal, ebenso wie die offenbar stetig sinkende Akzeptanz beim Volke.

Fakt ist: Über Löw wird in diesen Tagen mal wieder latent diskutiert, von vielen Experten und von vielen Fans. Umso wichtiger aber ist es jetzt für den Coach, dass nach der jüngsten Remis-Serie und dem schmucklosen 2:1 von Kiew Ergebnis und Erlebnis in den verbleibenden vier Länderspielen des Jahres (eines an diesem Dienstag gegen die Schweiz und drei weitere im November) stimmen. Ansonsten werden die Debatten um Joachim Löw zumindest nicht leiser.

Der Bundestrainer aber, das ist klar, sitzt beim DFB, bei dem er nach wie vor eine Art Hausmacht besitzt, fest im Sattel, auch wenn der Präsident Fritz Keller jüngst den Ergebnisdruck erhöhte. Falls Löw mit seinem Team allerdings eine schwache EM im nächsten Sommer hinlegt, dürfte es zumindest ungemütlich werden für den Coach.




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