Generalistische Ausbildung in der Kritik Heimträger fordern Korrekturen an neuer Pflegeausbildung

Auch für viele junge Migranten, die eine Altenpflegeausbildung machen, sind die gestiegenen Anforderung nicht immer einfach. Foto: dpa/Angelika Warmuth

Kritik gab es lange bevor die neue generalistische Pflegeausbildung eingeführt wurde. Durch Praxiserfahrungen sehen sich die Gegner der Zusammenlegung von Altenpflege und Krankenpflege auch in Stuttgart nun bestätigt. Sie wollen Änderungen für Azubis.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Die neue generalistische Pflegeausbildung ist von Anfang an umstritten gewesen. Inzwischen gibt es erste Erfahrungen mit der Zusammenlegung von Altenpflege und Krankenpflege in der Ausbildung seit dem Jahr 2020. Das Urteil darüber fällt gemischt aus. Unter den Stuttgarter Heimträgern überwiegt aber die Kritik.

 

Zuallererst ist die recht hohe Zahl von Abbrechern der Ausbildung zu nennen. Und ziemlich viele Anwärter sind vor allem am Anfang auch durch die Prüfung gefallen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband im Land erklärt, laut dem Statistischen Bundesamt sind dies in Baden-Württemberg immerhin rund zehn Prozent gewesen der insgesamt rund 18 100 Pflege-Azubis.

Schwieriger Start in der Corona-Zeit

Eine Umfrage bei Stuttgarter Pflegeheimträgern erbringt zumindest für die Anfangszeit noch höhere Werte. So seien im ersten generalistischen Kurs beim Stuttgarter Caritasverband vier von zehn Pflegeazubis durch die Prüfung gerasselt, sagt Uta Metzdorf, die Bereichsleiterin Altenhilfe bei der Caritas Stuttgart. Dieser hohe Anteil sei aber noch zu einem guten Teil auf die „Coronabedingungen“ zurückzuführen. Schließlich sei man in die neue Ausbildung mit „viel Onlineunterricht“ gestartet. Beim jüngsten Abschluss sei das Verhältnis schon deutlich besser gewesen: Nur noch einer von acht Prüflingen habe die Prüfung nicht geschafft, also nur noch gut 12 Prozent. Mittlerweile hat die Caritas die Begleitung und Anleitung der Azubis verstärkt.

Beim städtischen Eigenbetrieb Leben und Wohnen (ELW) sieht es ähnlich aus. Von den 138 Azubis, die seit dem Start der Generalistik die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft begannen, haben 20 vor Abschluss der Ausbildung gekündigt, von vieren hat sich der ELW getrennt, drei haben in die Helferausbildung gewechselt, fünf die Lehrzeit verlängert, weil sie die Prüfung nicht bestanden haben, sieben pausieren wegen Schwangerschaft, Elternzeit oder sonstigen Gründen. Damit haben von den Azubis „rund 20 Prozent die Ausbildung verlassen“, sagt der ELW-Geschäftsführer Marc Bischoff. Er gibt zu bedenken, dass Kündigungen oft Gründe haben, die nicht in Problemen mit der Ausbildung, sondern im Privaten liegen. Seit dem Jahr 2023 habe sich die Lage in der Ausbildung auch „massiv verbessert“.

„Die Prüfungsanforderungen sind sehr viel höher“, sagt Uta Metzdorf. Foto: Caritas Stuttgart

Allerdings investiert der ELW inzwischen sehr viel mehr in seine Azubis. So habe man zu deren Unterstützung drei neue Praxisanleiter im Einsatz. Auch Uta Metzdorf erklärt, „die ganze Ausbildung ist für uns heute mit sehr viel mehr Arbeit verbunden“. Der ELW-Geschäftsführer räumt ein, dass etwa ein Drittel der Azubis in den Altenpflegeheimen mit den Anforderungen der neuen Ausbildung „nicht zurechtkommen“. Auch mit dieser Einschätzung steht Bischoff nicht alleine. „Die Prüfungsanforderungen sind sehr viel höher“, sagt Uta Metzdorf über die Generalistik im Vergleich zur vorigen Altenpflegeausbildung.

Diese Entwicklung ist nach Ansicht von Florian Bommas, dem Geschäftsführer der Diak Altenhilfe, nicht verwunderlich. Auf der einen Seite sei die Ausbildung schwieriger, auf der anderen nehme aber die Zahl der Azubis weiter zu, die weniger gute Voraussetzungen dafür mitbringen. Dazu gehöre eine wachsende Zahl von Migranten, die teils noch nicht lange in Deutschland seien und daher noch schlechte Deutschkenntnisse hätten. „Man hat die Altenpflege nur schwerer, aber nicht attraktiver gemacht“, ist Bommas überzeugt.

„Rund 20 Prozent haben die Ausbildung verlassen“, erklärt Marc Bischoff. Foto: Eigenbetrieb Leben und Wohnen

An einer Stelle gehen die Meinungen auseinander. Was viele Kritiker der neuen Ausbildung befürchtet hätten, ist aus der Sicht von Marc Bischoff nicht eingetreten: „Dass Leute aus der Altenhilfe in die Krankenpflege abwandern, hat sich nicht bewahrheitet“, sagt er. Die Erfahrungen von Uta Metzdorf bei der Caritas sind anders. „Wenn die Auszubildenden erfolgreich abgeschlossen haben, gehen danach sehr viele auch in die Kliniken“, sagt die Bereichsleiterin. „Dies war bei der alten Ausbildung nicht der Fall.“ Von den Krankenhäusern würden sie zum Teil auch abgeworben.

Für Bernhard Schneider, den Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, ist das Urteil über die neue Ausbildung in der Altenpflege ausgemacht. „Die Generalistik war ein Fehler und ist gescheitert.“ Man habe weniger Auszubildende und die Anforderungen seien zu hoch. Er habe den Eindruck, in Berlin werde „Pflegekräfteverhinderungspolitik“ gemacht, sagt der Geschäftsführer der Heimstiftung.

Als „Pflegekräfteverhinderungspolitik“ bezeichnet Bernhard Schneider die Ausbildungsreform. Foto: Evangelische Heimstiftung

Das Sozialministerium des Landes ist anderer Meinung. Laut einer Umfrage wurden im Land im vorigen Jahr 4501 Schülerinnen und Schüler zur staatlichen Prüfung zugelassen. „Im Erstversuch haben 980, also etwa 22 Prozent, die Prüfung nicht bestanden“, schreibt das Sozialministerium auf Anfrage. Allerdings hätten in der Wiederholungsprüfung nur noch 102 Azubis, also zwei Prozent, die Prüfung auch dann nicht bestanden. „Insgesamt lag die Bestehensquote bei knapp 98 Prozent“, so das Ministerium.

Auch zur Zahl der Ausbildungsabbrüche äußert sich das Land. Danach haben im Jahr 2022 insgesamt 688 Personen (rund 8,8 Prozent) die Ausbildung im ersten Jahr abgebrochen. Eine Befragung zum Zeitraum von September 2022 bis Ende August 2023 habe ergeben, dass im Land 13 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Ausbildung in dem genannten Zeitraum vorzeitig beendet haben. „Dies erscheint im Vergleich zu anderen Berufen keine besonders hohe Quote zu sein“, erklärt die Landesregierung. Ein wichtiges Detail aber fehlt in der Statistik: Die zuständigen Ministerien können nicht sagen, wie viele derer, die ihre Ausbildung abbrechen oder die Prüfung nicht schaffen, einen Altenhilfeträger oder ein Krankenhaus als Arbeitgeber haben.

„Man hat die Altenpflege nur schwerer, aber nicht attraktiver gemacht“, ist Florian Bommas überzeugt. Foto: Diak Altenhilfe

Seit die „Kinderkrankheiten“ der Reform geheilt seien, sieht sich das Land „auf einem sehr guten Weg“. Zumal die Bewerberzahlen wieder etwas anstiegen in der Pflege. Nun gehe es darum, das Erreichte weiterzuentwickeln.

Hierzu haben die Altenhilfeträger in Stuttgart klare Vorstellungen. Der ELW-Chef Marc Bischoff fordert, nicht nur die Pflegefachkraft, auch der Beruf des Pflegehelfers müsse vom Bund zum Mangelberuf erklärt werden. Dadurch erhalten Bewerber aus dem Ausland einen sicheren Aufenthaltsstatus. Derzeit würden Azubis, für welche die Ausbildung zum Pflegehelfer sehr viele passender wäre, „aus der Not“ in die deutlich schwierigerer und langwierigere Ausbildung zur Pflegefachkraft getrieben. Und Marc Bischoff findet, das Land und der Bund sollten sich an den Kosten des zusätzlichen Sprachunterrichts für Migranten in der Pflege finanziell beteiligen. Man habe kürzlich zwei neue Deutschlehrer eingestellt, sagt der ELW-Geschäftsführer. Das zahle man alles „als strategische Investition aus der Privatschatulle“.

Und wie der Paritätische Wohlfahrtsverband im Land verlangen auch die Träger, dass Azubis bei Bestehen der Zwischenprüfung zur Pflegefachkraft nach zwei von drei Jahren, so sie nicht mehr weitermachen wollen oder es nicht mehr schaffen, dann automatisch den Abschluss als Pflegehilfskraft bekommen. Das Problem sei aktuell, „dass die Personen nur einmal die Prüfung wiederholen dürfen“, sagt Uta Metzdorf von der Caritas. „Und sollten sie diese nicht schaffen, haben sie nach drei Jahren Ausbildung gar keinen Abschluss in der Tasche – auch nicht als Hilfskraft“, betont die Caritas-Bereichsleiterin.

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