Generationentreff: Lehrerinnen im Gespräch Ist das Gymnasium noch erträglich?

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Ruth Ringwald, 62, und Olivia Damm, 29, sind Lehrerinnen am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium. In der StZ-Reihe Generationentreff tauschen sie sich aus.

Olivia Damm, 29, unterrichtet Französisch und Musik. Foto: Achim Zweygarth
Olivia Damm, 29, unterrichtet Französisch und Musik. Foto: Achim Zweygarth
Sindelfingen – - Die Oberstudienrätin Ruth Ringwald hat auf ihrer sonnigen Terrasse den Kaffeetisch gedeckt, fehlt nur noch ihre Kollegin. Mit zehn Minuten Verspätung taucht Olivia Damm auf. Die Junglehrerin ist vom Sindelfinger Goldberg-Gymnasium ins Böblinger Wohngebiet Diezenhalde geradelt. Sie hat Joghurttörtchen und einen Hefezopf mitgebracht.
Frau Ringwald, Frau Damm, Sie sind verbeamtet. Warum wird der Lehrerberuf mit diesem Privileg bedacht?
Olivia Damm Ich sehe darin einen Ausgleich dafür, dass wir mehr arbeiten, als von uns offiziell verlangt wird. Ich habe zurzeit nur ein 80-Prozent-Deputat mit 20 Unterrichtsstunden und dennoch kaum Freizeit. Die Wochenenden gehen für die Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen von Klassenarbeiten drauf, und wochentags bin ich fast nur an der Schule. Manchmal schreibt mir mein Mann eine SMS: „Hallo, du hast auch noch ein Zuhause!“ Aber ich muss halt immer noch ein Arbeitsblatt anfertigen oder eine Mail beantworten.
Der frühere Kanzler Schröder bezeichnete Lehrer als „faule Säcke“, womit er wohl die bis heute vorherrschende öffentliche Meinung pointiert wiedergegeben hat.
Damm Die meisten haben keine Ahnung, wie viel zeitraubenden Kram wir erledigen müssen. Zu diesem Gespräch bin ich zu spät gekommen, weil ich kurzfristig eine schriftliche Aufstellung der Schüler liefern sollte, die in der Schulband spielen, die ich leite. Dann musste ich als Fachvorsitzende für Französisch den Abschied von zwei Kolleginnen vorbereiten. Morgen ist eigentlich mein freier Tag, aber ich bin trotzdem in der Schule, weil ich die Prüfung für ein Französischdiplom organisiere, das die Schüler freiwillig erwerben können. Anschließend geht es mit meiner fünften Klasse ins Schullandheim. Das bedeutet, dass ich tagelang rund um die Uhr für die Kinder da sein werde.
Stinkt Ihnen das?
Damm Im Gegenteil: mir macht das Spaß.
Ruth Ringwald Ich mag Schullandheime auch. Man kommt dort anders in Kontakt mit den Kindern und darf selbst wieder Kind sein. Seehunde bestaunen oder Tischtennis spielen tut man ja eigentlich nicht mehr, sobald die eigenen Kinder erwachsen sind. Leider kommen Schullandheime für mich nicht mehr in Frage, weil ich ein kaputtes Knie habe.
Spüren Sie Burn-out-Symptome?
Riuth Ringwald, 62 Foto: Achim Zweygarth
Ringwald Nein, aber ich bemerke eine gewisse Lustlosigkeit. Vor zwei Jahren wollte ich noch bis zum 65. Lebensjahr arbeiten. Nun bin ich 62 und habe mich entschieden, dass nach dem kommenden Schuljahr Schluss sein wird. Ich will die vom Kultusministerium geplanten Neuerungen nicht mitmachen. In der Politik-Abiturklausur bekamen die Schüler bisher beispielsweise zwei bis drei Quellentexte vorgelegt, die sie analysieren sollten. Das fand ich durchaus sinnvoll. Künftig erhalten sie einen ganzen Packen Material mit Texten, Karikaturen, Statistiken et cetera. Der Effekt wird sein, dass noch mehr Abiturienten gnadenlos überfordert sein werden.
Stimmt es, dass der Schulstress für manche Jugendliche durch das achtjährige Gymnasium unerträglich ist?
Ringwald Ich bin Klassenlehrerin einer Klasse mit Kunstzug und Latein als Anfangsfremdsprache. Diese Fünftklässler haben neben dem normalen Unterricht zwei zusätzliche Kunststunden und drei zusätzliche Englischstunden, damit sie die Fremdsprache, die sie in der Grundschule gelernt haben, nicht verlernen. Die Zehnjährigen haben an drei Tagen Nachmittagsunterricht, anschließend müssen sie noch Hausaufgaben machen. Die Kinder tun mir leid.




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