Genetik Die frühen Menschen waren sehr mobil

Von Roland Knauer 

Der Gentiker Svante Pääbo aus Leipzig hat mit seinen Kollegen das Erbgut aus einem Knochen untersucht, der einem vor 45.000 Jahren gestorbenen Menschen aus Sibirien gehört. Die Analyse verrät viel über das Leben und die Wanderungen der Menschen damals.

Svante Pääbo mit dem Oberschenkelknochen eines 45.000 Jahre alten Homo sapiens, der in der Nähe der sibirischen Stadt Omsk gefunden worden ist. Foto: MPI-EVA
Svante Pääbo mit dem Oberschenkelknochen eines 45.000 Jahre alten Homo sapiens, der in der Nähe der sibirischen Stadt Omsk gefunden worden ist. Foto: MPI-EVA

Stuttgart - Nikolai Peristov vom Kulturzentrum der Millionenstadt Omsk im Westen Sibiriens staunte nicht schlecht, als er in der Nähe des Ortes Ust-Ischim am Steilufer des Irtysch-Flusses einen Oberschenkelknochen fand. Der Knochen sah nicht nur sehr alt aus, er war es auch tatsächlich: Er stammte von einem modernen Menschen, der vor 45 000 Jahren gestorben war. Abgesehen von wenigen Funden in Afrika und im Nahen Osten gibt es kaum ältere Überreste unserer Art.

Dieses Alter rief Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen auf den Plan. Sie hatten mit den Neandertalern und den Denisovanern bereits das Erbgut von zwei Menschengruppen analysiert, die ebenfalls zu dieser Zeit in Sibirien lebten. Das Erbgut eines modernen Menschen aus dieser Zeit aber fehlte noch. Und es brachte erneut einige Überraschungen, berichten die Forscher nun im Journal „Nature“.

„Unser Bild vom Auswandern des modernen Menschen aus Afrika ist wieder ­einmal komplizierter geworden“, sagt der Max-Planck-Forscher Jean-Jacques Hublin. Denn der „Mann von Ust-Ischim“, wie die Forscher ihn nennen, scheint zu einer Gruppe früher Auswanderer aus Afrika zu gehören, von denen heute keine Nachkommen mehr leben. „Vielleicht gehörte er zu einer Art Vorhut?“, fragt sich der Leipziger Forscher Matthias Meyer.

Der Mann von Ust-Ischim trägt Neandertaler-DNA in sich

Zu der Vorstellung, nach der sich moderne Menschen vor 200 000 Jahren in Afrika entwickelten und später von dort in die weite Welt aufbrachen, passt das kaum. Von den Menschen am Irtysch-Fluss führen weder im Erbgut noch in archäologischen Funden Spuren nach Europa oder Südostasien. Es muss also mehrere Auswanderergruppen gegeben haben.

Unterwegs scheinen sie ab und zu auf Alteingesessene gestoßen zu sein, die Neandertaler. Deren Vorfahren waren schon lange vorher aus der afrikanischen Wiege der Menschheit aufgebrochen. Beide Gruppen scheinen sich durchaus füreinander interessiert zu haben, gemischte Beziehungen müssen jedenfalls Nachkommen gehabt haben. Selbst die Ureinwohner Australiens tragen etwa zwei Prozent des Neandertaler-Erbguts in sich. Nur bei den heutigen Afrikanern findet es sich nicht.

Auch im Erbgut des Mannes von Ust-Ischim stecken Neandertaler-Gene. Weil es relativ große und zusammenhängende DNA-Fragmente sind, gehen die Forscher davon aus, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen modernen Menschen und Neandertalern damals noch nicht so lange her gewesen sein dürften: Mit statistischen Methoden lässt sich ausrechnen, dass die Kontakte nur 7000 bis 13 000 Jahre vor der Geburt des Mannes von Ust-Ischim gewesen sein können.