Genfer Autosalon vor dem Start Dunkle Dieselwolken über der Autoschau

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Die ungewisse Zukunft des Dieselmotors trübt die Stimmung auf dem Genfer Autosalon. Obwohl die Autobauer dringend Elektroautos auf den Markt bringen müssten, spielen Stromer bei den Neuheiten keine große Rolle.

In Amsterdam hat die neue A-Klasse von Mercedes-Benz vor kurzem Weltpremiere gefeiert. Nun steht sie in Genf erstmals auf einer Messe  im Rampenlicht. Foto: Daimler
In Amsterdam hat die neue A-Klasse von Mercedes-Benz vor kurzem Weltpremiere gefeiert. Nun steht sie in Genf erstmals auf einer Messe im Rampenlicht. Foto: Daimler

Stuttgart - In der kommenden Woche wird der Genfer Autosalon wieder zur großen Bühne der PS-Branche: Audi enthüllt in der mondänen Schweizer Konferenzstadt den neuen A6, BMW präsentiert die zweite Generation des Geländewagen-Coupés X4, Mercedes-Benz zeigt kurz nach der Weltpremiere in Amsterdam die neue kompakte A-Klasse erstmals auf einer Messe, Porsche stellt den Straßen-Rennwagen 911 GT3 RS ins Rampenlicht.

Genf ist traditionell Glitzer und Glamour. Auch in diesem Jahr wird wieder gefeiert werden. Die Stimmung dürfte indes etwas gemischt sein“, meint Willi Diez, der Chef des Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa) an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen her werde das Klima zwar nicht schlecht sein. „Aber unterschwellig wirkt der Abgasskandal, die Ungewissheit, wie es mit dem Diesel weitergeht und welche Antriebstechnik sich durchsetzen wird, als Dämpfer“, erläutert der Professor und fügt hinzu: „Keiner kann unbeschwert von einem tollen Jahr und einer tollen Messe sprechen“.

Der weltweite Absatz hat 2017 neue Rekorde erreicht

Blickt man nur auf die konjunkturelle Entwicklung, so kann die Branche gewiss nicht klagen. Der weltweite Absatz hat 2017 neue Rekorde erreicht und im laufenden Jahr erwarten alle Experten einen weiteren Zuwachs. Ferdinand Dudenhöffer, der Chef des Forschungsinstituts CAR an der Universität Duisburg-Essen, rechnet rund um den Globus mit einem Absatzplus von 3,3 Prozent auf 88,3 Millionen Autos. Alle wichtigen Regionen sollen dabei zulegen: Asien um fast fünf Prozent, Nordamerika nur um 1,5 Prozent, Europa um zwei Prozent.

In Europa war der Start ins neue Jahr stürmisch. Im Januar legten die Pkw-Neuzulassungen in der EU um gut sieben Prozent zu und erreichten den höchsten Stand seit zehn Jahren. Dudenhöffer weist in einer Studie etwas beruhigend darauf hin, dass die „dunkle Dieselwolke“, die in diesem Jahr über dem Genfer Autosalon hängt, ein rein europäisches Problem sei. In den anderen Weltregionen, die weitaus wichtiger für den Erfolg der Fahrzeugbauer seien, spiele der Selbstzünder keine große Rolle. Deshalb würden die Dieselprobleme auf dem Heimatkontinent die heimischen Autobauer nicht aus der Bahn werfen, so Dudenhöffer.

Dennoch bereitet es den Autobauern Sorgen, dass der Diesel europaweit immer weniger gefragt ist. Im Januar brachen die Diesel-Neuzulassungen in den fünf größten Märkten der EU im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent ein. Für das Gesamtjahr rechnen die Marktforscher von IHS Markit mit einem Rückgang der Diesel-Neuzulassungen in der EU um gut neun Prozent. „Der Diesel steht massiv unter Druck“, sagt Peter Fuß, Autoexperte beim Beratungsunternehmen Ernst & Young (EY). Viele potenzielle Käufer seien angesichts der öffentlichen Diskussion über zu hohe Schadstoffemissionen verunsichert, befürchteten Fahrverbote und sinkende Wiederverkaufswerte.

Mancher Autoexperte sieht den Diesel als Auslaufmodell

In Deutschland, dem größten EU-Markt, hat der Druck noch zugenommen, nachdem das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig den Städten gerade Fahrverbote erlaubt hat. „Nach dem Leipziger Urteil muss wieder dringend die Werbetrommel für den Diesel gerührt werden“, fordert Fuß. Ein wichtige Technologie drohe in Misskredit zu geraten, die zumindest als Übergangstechnologie eine große Bedeutung habe und viele Arbeitsplätze sichere. Aktuelle Dieselmodelle der Schadstoffnorm Euro 6d seien sauber und sparsam und zumindest nach heutigem Stand zukunftssicher.

Ferdinand Dudenhöffer sieht dagegen keine Rettung mehr für den Selbstzünder. „Hohe Kosten der Abgasreinigung, ein erwartbarer Abbau von Subventionen beim Kraftstoff und ein katastrophales Image setzen dem Diesel zu“, erläutert der Chef des CAR-Instituts und prophezeit düster: „Der Diesel ist zum Auslaufmodell beim Pkw geworden“

Weil nun viel mehr Benziner gekauft werden, die mehr Kraftstoff verbrauchen und mehr Kohlendioxid (CO2) ausstoßen als Diesel, zeichnet sich nach Einschätzung von Fuß ab, „dass viele Hersteller massive Probleme haben werden, die ab dem Jahr 2021 geltenden CO2-Grenzwerte einzuhalten“. Die Neuwagenflotte eines Herstellers darf dann im Schnitt nur noch höchstens 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. „Die Krise beim Dieselabsatz macht Strafzahlungen immer wahrscheinlicher“, so Fuß.

Die Wahrscheinlichkeit von EU-Strafzahlungen wächst

Nach Einschätzung von Ifa-Chef Diez haben viele Autohersteller die Gefahr von Strafzahlungen unterschätzt und erwartet, dass sie die Emissionen schneller senken können. „Sie müssen nun büßen, dass Geländewagen so stark gefragt sind“, weist der Wissenschaftler darauf hin, dass die wuchtigen Geländewagen beim Kraftstoffverbrauch alles andere als Sparmobile sind.

Um die Emissionen dennoch zu senken, müssten die Autobauer nun eigentlich mit Hochdruck Elektroautos auf den Markt bringen. Doch in Genf sind neue Stromer Mangelware. „Ich bin schon ein bisschen enttäuscht, dass das Thema Elektromobilität in diesem Jahr fast gar keine Rolle auf der Messe spielt“, sagt Diez. Die Autohersteller hätten über Jahre hinweg auf den Messen immer neue Elektroauto-Studien gezeigt. „Jetzt hätte es gut gepasst, Elektroautos zu zeigen, die man auch kaufen kann,“ urteilt der Ifa-Chef. Die Autohersteller seien jedoch noch damit beschäftigt, Technik-Plattformen für eine ganze Familie von Elektroautos zu entwickeln, die dann in den nächsten Jahren zu sehen sein werden. „Das zeigt, wie sehr die Industrie bei diesem Thema hinterherhinkt. Der Schalter ist zu spät in Richtung Elektromobilität umgelegt worden“, so Diez.

Damit mehr Elektroautos verkauft werden, müssen sie nach Einschätzung des Wissenschaftlers deutlich billiger werden. Bei den heutigen Preisen schafften es die Autohersteller nicht, ins Massengeschäft zu kommen. Dies sei aber notwendig, um die CO2-Ziele zu erreichen. „Deshalb wird mancher Hersteller abwägen“, so Diez, „ob er Strafzahlungen in Kauf nimmt oder Elektroautos subventioniert und damit den Preis senkt.“