VfB Stuttgart Genki Haraguchi: Führungsspieler in Rekordzeit
Genki Haraguchi ist erst wenige Wochen beim VfB Stuttgart. Doch der Mittelfeldspieler ist jetzt schon immens wichtig für die Mannschaft. Das hat seine Gründe.
Genki Haraguchi ist erst wenige Wochen beim VfB Stuttgart. Doch der Mittelfeldspieler ist jetzt schon immens wichtig für die Mannschaft. Das hat seine Gründe.
Mit Wintertransfers ist das immer so eine Sache. Zumal wenn sie, wie im Falle von Genki Haraguchi (31), in den letzten 72 Stunden des Transferfensters über die Bühne gehen und der neue Spieler den Abgang eines Stammspielers kompensieren muss. Eher selten kommt es dann vor, dass ein solcher Transfer sofort sitzt. Dem VfB Stuttgart ist es gelungen. Haraguchi ist bereits immens wichtig und hat den Abgang von Naouirou Ahamada zu Crystal Palace komplett aufgefangen.
Dass es überhaupt so weit kommen konnte, stand anfangs auf der Kippe. Schließlich war Haraguchi in Köpenick beim 1. FC Union Berlin voll etabliert und bestritt zwei seiner letzten drei Einsätze für die Eisernen in diesem Jahr noch als gesetzter Startelfspieler. Die Entscheidung, doch noch zu wechseln, war für ihn „nicht ganz so einfach“. Schließlich überwog der Reiz einer „neuen Erfahrung“ und die „besondere Geschichte und Tradition des Vereins“, um eine neue Herausforderung zu suchen. Endgültig klar war die Sache nach zwei Telefonaten. Mit dem VfB-Kapitän Wataru Endo und dem ehemaligen VfB-Spieler Gotoku Sakai hat er sich ausgetauscht, ehe er zusagte. Während Endo ihn auf den Club heiß machte, gab Sakai augenzwinkernd Grüße an Bruno Labbadia in Auftrag.
„Es war in der Situation, in der wir stecken, extrem wichtig, dass es gleich gepasst hat“, bekräftigt der vor wenigen Wochen nach Stuttgart zurückgekehrte Trainer bezogen auf Haraguchi und gibt Einblick in das Auswahl-Prozedere. „Wintertransfers sind immer relativ schwierig. Für uns war klar, dass wir auf dem deutschen Markt schauen nach jemandem, der die Bundesliga bereits kennt.“ Dass es passen könnte, war „vom ersten Tag an zu spüren“, sagt Labbadia, der mit seiner Elf am Samstag (18.30 Uhr) beim FC Schalke 04 gefordert ist. „Auch kommunikativ. Genki ist jetzt kein Lautsprecher, aber er spricht Dinge an, nimmt sich auch mal einen Kollegen zur Seite. Er überträgt auch Inhalte, die vom Trainer kommen.“
Dass es bereits nach wenigen Spielen so gut funktioniert und der Japaner wie ein verlängerter Arm des Trainers auf dem Feld agiert, findet Steffen Görsdorf „sensationell“: „Offensichtlich passt es auch menschlich. Er kann sofort führen – das hilft und entlastet auch Kapitän Wataru Endo“, sagt der Sportwissenschaftler des Berliner Instituts für Spielanalyse. Zur Verdeutlichung: Seit seiner Einwechslung im DFB-Pokal in Paderborn hat Haraguchi keine Pflichtspielsekunde mehr verpasst. Er absolvierte dabei 57 Zweikämpfe, gewann davon 64,9 Prozent. Haraguchi spulte bisher mehr als elf Kilometer pro Spiel ab, davon 1,5 Kilometer Sprints und zwei Kilometer Tempoläufe. Absolute Topwerte im mannschaftsinternen Vergleich.
Seine bisherige Bestleistung lieferte er beim jüngsten 3:0-Heimsieg gegen den 1. FC Köln ab. Haraguchi legte das 1:0 für Gil Dias direkt auf, initiierte die Großchance von Silas Katompa (26. Minute) mit einer Grätsche gegen Ellyes Shkiri, traf auf Vorlage von Borna Sosa beinahe selbst (53. Minute) und war auch vor dem entscheidenden 2:0-Freistoßtreffer des Kroaten beteiligt. Er wolle „eine Mannschaft leiten und meine Erfahrung für das Team einbringen“, kommentiert der Mittelfeld-Allrounder seine bisherigen Auftritte mit fernöstlicher Zurückhaltung, attestiert sich, „Mentalität, Intensität und eine gewisse Härte“ mit einzubringen. Kurzum: Der Japaner führt durch vorbildliches Vorangehen.
Für Gert Engels kommt das alles nicht überraschend. Der Japan-Experte war viele Jahre als Scout, Berater und Trainer in Asien tätig, unter anderem als Co-Trainer von VfB-Ehrenspielführer Guido Buchwald während dessen Trainerzeit bei den Urawa Red Diamonds. Engels holte Haraguchi einst aus der Jugend zu den Profis. Laut dem Experten sei es vor allem die in Japan noch stärker als hierzulande ausgeprägte Disziplin, die Haraguchi nun vorlebe und die ihn zum geborenen Anführer macht.
Das alles hilft, sowohl mit, vor allem aber auch gegen den Ball voll abzuliefern. „Er ist das Komplettpaket. Das fehlte dem VfB bisher“, sagt Görsdorf. Das bestätigt Sportchef Fabian Wohlgemuth: „Genki hat unser Mittelfeld stabiler gemacht. Er gibt unserem Spiel Sicherheit, viele neue Alternativen und Flexibilität.“ So hat es der japanische Nationalspieler (bisher 74 Einsätze) schon jetzt geschafft, der drittbeste VfB-Spieler zu sein, wenn es darum geht, Torschüsse direkt oder indirekt vorzubereiten, also den wichtigen Pre-Assist zu liefern. Vor ihm in dieser Statistik liegen nur noch Wataru Endo und Chris Führich – die haben aber deutlich mehr Spiele absolviert.
Nachdem es für Haraguchi auf dem Platz mit der Eingewöhnung so gut geklappt hat, steht nun jene neben dem Rasenrechteck an. Ein Haus in Esslingen für sich, seine Frau und die beiden Hunde ist schon gefunden. Ein Deutschkurs ist in Planung. Nur von Stuttgart hat er noch wenig gesehen, will das aber nachholen. „Ich freue mich schon sehr auf die kommende Zeit“, sagt Genki Haraguchi.
Das beruht beim VfB ganz sicher auf Gegenseitigkeit.