Genozid-Überlebende aus Freiburg Eine Jesidin kämpft um ihren Mann

Die Jesidin Zainap Murat überlebte den Genozid. Sie lebt mit ihren Kindern in Freiburg, ihr Mann blieb im Irak zurück. Foto: Jana Gäng

Vor acht Jahren überlebte Zainap Murat den Völkermord des Islamischen Staats an den Jesiden. Baden-Württemberg nahm sie auf, ihr Ehemann blieb zurück. Seitdem ringt sie um eine Antwort: In Freiburg bleiben oder zurück in das Camp im Irak?

Im Saal der Villa Reitzenstein wendet sich der baden-württembergische Staatssekretär Florian Hassler zum Gehen. Hassler hat Zeit mitgebracht, das wird Zainap Murat später anerkennend sagen. Die letzte Petitionsübergabe habe ja keine fünf Minuten gedauert. Hassler aber hat zugehört. Unter dem strengen Blick des Porträts von Kurt Georg Kiesinger hat er den Ordner mit den 5000 Unterschriften entgegengenommen. Er hat sich erkundigt, hat erklärt und versprochen. Mit der Außenministerin will er sprechen. Dann hat er sich bedankt.

 

Nun scheint alles gesagt, aber Zainap Murat hat noch eine Frage. Eine kleine Frage, wie sie sagt. Dabei ist es doch eben diese Frage, die sie in den Nächten zuvor mal wieder nicht schlafen ließ. Während jetzt aus dem Kurdischen übersetzt wird, blickt Zainap Murat dem Staatssekretär unverwandt ins Gesicht. Den Rücken hat sie durchgestreckt, das Kinn erhoben und wirkt doch klein unter der hohen Decke des herrschaftlichen Saals: „Bitte, ich will heute eine Antwort. Soll ich hierbleiben oder zurückkehren? Habe ich noch Hoffnung?“

Übergaben die Petition an Staatssekretär Florian Hassler (rechts): Khalil Al-Rasho von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Meike Olszak vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, Elias Darwish vom Ezidischen Kulturverein Freiburg und Zainap Murat (von links) Foto: privat

2014 erstürmten die Terroristen des Daesh (sogenannter Islamischer Staat) die Region um das Sindschar-Gebirge im Nordirak, wo die Minderheit der Jesiden lebte. Die Terroristen verschleppten und ermordeten Tausende Menschen. Sie machten aus Jungen Soldaten und versklavten Frauen und Mädchen, vergewaltigten sie. 1000 jener traumatisierten jesidischen Frauen und Kinder, die den Genozid überlebten, holte die Landesregierung 2015 in einem Sonderkontingent nach Baden-Württemberg. Was Kretschmann damals entschied, war ein Novum. Nie hatte es ein solches Kontingent gegeben.

Zainap Murat ist eine der Frauen. Bevor sie zur Überlebenden wurde, war sie Bäuerin. Hühner und Schafe hatte die Familie gehalten. Von den Bäumen ernteten sie Pflaumen und Granatäpfel. Am 3. August 2014 kam Daesh in ihr Dorf. „Das Dorf gibt es nicht mehr“, sagt Murat, „nur Knochen.“ Die Terroristen verschleppten sie und ihre Familie, neun Monate lang hielt Daesh sie gefangen. Als sie über die Felder flohen, trug Zainap Murat eines ihrer vier Kinder auf dem Rücken. Sie gab ihnen Tabletten, damit sie still blieben. Drei Tage lang liefen sie, liefen bis zur Grenze zu einem von den kurdischen Peschmerga kontrollierten Gebiet. Von dort wurde die Familie in ein Flüchtlingscamp gebracht.

Am „Haus der Koexistenz“ im Dorf Snuny, Irak, hängt eine Plakette zu Ehren Winfried Kretschmanns. Mit seiner Entscheidung für ein Sonderkontingent betrat er 2015 Neuland. Foto: imago

Zainap Murat hat den Genozid überlebt, aber laut dem Papier der Landesaufnahmeanordnung hätte sie nie mit dem Sonderkontingent nach Deutschland kommen dürfen. „Wir wollten gerade diejenigen erreichen, die am wenigsten Chancen hatten“, erklärte Ministerpräsident Winfried Kretschmann vergangene Woche. Gedacht war das Programm für alleinstehende Frauen und Kinder. Zainap Murats Ehemann aber saß neben ihr, als die Beauftragten des Landes sie 2015 für das Kontingent befragten, sagt sie. So war es doch immer gewesen, seit sie am 5. Oktober 2002 geheiratet hatten. Er war bei ihr im Gefängnis des Daesh, mit ihr auf der Flucht.

Im November 2015 kamen Zainap Murat und ihre vier Kinder in deutscher Sicherheit an, zogen in ein Heim in Freiburg. Ihr Ehemann blieb im Irak.

Die Männer baten, ihren Frauen zu helfen – auch wenn sie selbst zurückblieben

Murat ist nicht die Einzige im Kontingent, deren Ehemann lebte und zurückblieb. Etwa vierzig Familien ging es so, sagt Anja Bartel vom Flüchtlingsrat Baden-Württemberg. Einige der Männer galten als verschwunden, konnten später fliehen oder wurden freigekauft. Und dann gab es Männer in den Camps, die um die Aufnahme ihrer Frauen gebeten haben, sagt Professor Jan Ilhan Kizilhan. Als Traumatologe stellte er damals im Irak für das Land die psychiatrischen Diagnosen der Frauen. „Diese Männer haben uns gesagt: Meine Frau ist krank, sie hat Albträume, sie hat Angst, sie fällt in Ohnmacht, sie schreit. Nehmt sie mit, helft ihr, und ich akzeptiere, dass ich hierbleibe.“ Und so untersuchte Kizilhan die Frauen. Waren die Kriterien in den Augen der Auswahlkommission erfüllt, kamen sie in das Kontingent.

Das war vor sieben Jahren. Heute lebt Zainap Murats Ehemann noch im gleichen Camp, in der gleichen Hütte, sagt sie. Einst waren die Lager provisorische Rettung, für etwa 300 000 Jesiden sind sie ewige Sackgasse. Ihre Dörfer um das Sindschar-Gebirge liegen in Trümmern. Schiitische, kurdische und andere Milizen bekämpfen sich, besetzen das strategisch wichtige Gebiet, sagt Kizilhan. Im Boden ruhen Minen und Massengräber. Viele jesidische Familien hätten es versucht, kehrten heim. Sie kamen zurück in die Camps.

„Solch ein Versprechen haben wir nicht abgegeben“

Im Camp glaubte Zainap Murat jeden Tag, Daesh würde kommen. Und doch, ohne das Versprechen wäre sie im Lager geblieben, sagt sie. In zwei Jahren könne ihr Mann nachkommen, so hätten es Vertreter des Landes gesagt. Mehrere Frauen berichten laut Bartel von diesem Versprechen. „Solch ein Versprechen haben wir nicht abgegeben“, sagte Kretschmann auf einer Pressekonferenz. Und dass das rechtlich gar nicht möglich sei.

Eines der Flüchtlingscamps für Jesiden im Nordirak nahe der Stadt Dohuk. Die Provinz Dohuk ist Partnerregion Baden-Württembergs. Foto: imago

18 Frauen sind es, die noch wie Murat von ihren Männern getrennt sind. Anders als der Nachzug Minderjähriger sei der von Ehegatten leider in kaum einem Fall gelungen, sagt Winfried Kretschmann. Einige Männer kamen auf illegalen Routen, Familien gingen ins Ausland. In einer Petition an die Landesregierung Baden-Württemberg und die Bundesregierung fordern Organisationen wie der Flüchtlingsrat oder Fairburg e. V., die verbliebenen Männer nachzuholen.

Wollen die Frauen ihre Familie legal nachholen, müssen sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, in ausreichend großen Wohnungen leben. So schreibt es das Aufenthaltsgesetz des Bundes vor. Es sind hohe Hürden, sagt Bartel, zu hoch für viele traumatisierte Genozidüberlebende. Auch Zainap Murat erfüllt sie nicht. Absolut groß sei Kretschmanns Verständnis dafür, dass die Familien zusammenleben wollen. „Wir werden uns dafür einsetzen.“ Die Voraussetzungen aber habe der Bund festgelegt.

Es klingt, als dürfen die Männer auch mit dem neuen Kontingent nicht kommen

Dass das Land bei allem Verständnis nichts tun kann, glaubt der Flüchtlingsrat nicht. Das Sonderkontingent war keine einmalige Aktion. Seit 2016 hat die Landesregierung mit mehr als fünf Millionen Euro Projekte im Nordirak gefördert. Behindertengerechte Schulen werden unterstützt, ein Institut für Psychotherapie wurde aufgebaut, eine Stromversorgung mit Solarenergie in einem der Camps.

Und es soll ein neues Sonderkontingent geben, bis zu 200 besonders schutzbedürftige Opfer von Daesh wollen Grüne und CDU aufnehmen. Nur, wer ist besonders schutzbedürftig? Die 18 Ehemänner, sagt der Flüchtlingsrat. Noch sei nicht geklärt, wie genau das Kontingent aussehen soll, hält sich Kretschmann bedeckt. Aber: „Ich denke, es wird schon in eine ähnliche Richtung gehen.“ Es klingt sehr nach Frauen und Kindern.

Zainap Murat ist zu einer Frau geworden, über die andere flüstern, dass „die Arme ja schon seit Jahren kämpft“. Im Irak begleitete ihr Mann sie überall hin, kein Gespräch habe sie ohne ihn geführt. In Freiburg ist sie es, die Termine mit Ärzten und Lehrern händelt. Die Deutsch lernt, obwohl sie es seltsam findet, wenn eine 54-jährige Frau zur Schule geht wie ein kleines Mädchen. Sie hat eine Behinderung, eines ihrer Kinder eine Schwerbehinderung. Die vier erzieht sie allein.

Jeden Tag telefoniert sie mit ihrem Mann. Soll sie etwas über ihn erzählen, sagt sie, dass er alles für die Familie tut, dass sie ihn sehr liebt, und lacht über so viel Gefühl. Einmal hat Murat einen Rechtsanwalt beauftragt, „keine Chance“, sagte er ihr. Andere Frauen scheiterten vor Gericht. Ja, Zainap Murat kämpft, aber sie ist müde. Festgefroren fühlt sie sich, auch wenn es manchmal vorangeht. Im Januar 2023 erkannte der Bundestag den Genozid an den Jesiden an. Vergangene Woche reiste die Außenministerin in den Irak. Aber Zainap Murat ist in Freiburg, und ihr Mann ist es nicht, und an manchen Tagen ist das alles, woran sie denken kann.

Ihre Kinder vermissen den Vater, aber im Irak wollen sie nicht leben

Die Familien zusammenzubringen, sagt Kizilhan, helfe den Frauen, die Traumata zu verarbeiten – solange der Mann deren neue Emanzipation anerkennt. Das habe er auch der Landesregierung gesagt.

Zwei Mal besuchte die Familie den Vater im Camp. Sie sahen den Verschlag aus Holz, in dem er haust. Ein Platz für eine Person. Sie sahen, dass es kein fließendes Wasser gibt und Regen in den Verschlag läuft. Immer wieder gebe es Suizidfälle in den Camps, sagt Kizilhan, der sie regelmäßig besucht: „Wer seit acht Jahren in einem Zelt lebt, hat keine Perspektive.“

Außenministerin Annalena Baerbock besuchte im März 2023 das zerstörte Zentrum der irakischen Stadt Sindschar. Den Jesiden versprach sie Unterstützung. Foto: dpa

Vor zwei Jahren hatte sich Zainap Murat zu einer Antwort durchgerungen, wollte zurück in den Irak. Die Kinder fragten nach ihrem Vater, die Kleinste malte Bilder. „Wir wollen unsere Väter“, geschrieben über vereinten Familien aus Strichen. Aber als Zainap Murat ihrer ältesten Tochter von ihrem Plan erzählte, weinte die. Sie wolle hier zur Universität, was solle sie im Camp? „Die Kinder sind Freiburger“, sagt eine Freundin von Murat. „War es richtig, was ich getan habe?“, fragt Zainap Murat. Wie Feuer fühle sich die Frage an. „Ist es okay zurückzugehen, oder soll ich weitermachen? Wer kann mir die Antwort geben?“

Ein Bild von glücklichen Vätern, vereint mit ihren Kindern. Die jüngste Tochter von Zainap Murat hat es gemalt. Foto: Jana Gäng

Mit dem Petitionsordner steigt Zainap Murat die Treppe zur Villa des Staatsministeriums hinauf, dabei glaubt sie nicht, dass sich etwas ändern wird. „Jedes Jahr sagen sie, nächstes Jahr. Sieben Jahre.“ Bleiben oder gehen? „Ich kann das nicht beantworten“, sagt Staatssekretär Florian Hassler. Zainap Murats linke Hand klammert sich an die rechte, ihre Augen sind feucht, aber ihr Blick bleibt fest auf Hassler. Sie sagt etwas auf Kurmandschi. „Sie möchte gerne Ihren persönlichen Rat“, wird übersetzt. Florian Hassler zögert. „Das ist eine sehr persönliche Frage“, sagt er. Dann sagt er, dass die rechtlichen Fragen beim Bund liegen. Dass das Land keinen Spielraum habe, aber er sich einsetzen werde und die Anerkennung des Genozids etwas bewegen könnte, das neue Sonderkontingent: „Sie soll noch ein paar Monate durchhalten und dann entscheiden.“

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