Gentechnik auf dem Vormarsch Menschen aus der Genfabrik

Blaue Augenfarbe auf Wunsch? Noch kann dies die Gentechnik nicht liefern. Foto: Watman/Adobe Stock

Crispr und Co.: Die Gentechnik beschreitet neue Wege – was heftige Diskussionen auslöst.

Stuttgart - Das lange Warten auf die ersten gentechnisch veränderten Menschen endete im November 2018 mit der Geburt von zwei Mädchen in China. Eine Gruppe Wissenschaftler hat während der künstlichen Befruchtung gezielt ein Gen im Erbgut der beiden Embryos verändert. Das Experiment ignorierte alle wissenschaftlichen Standards. Es war schlecht vorbereitet, besaß keine ethische Rechtfertigung und wurde völlig unzureichend dokumentiert. Die Geburt der Zwillinge löste eine Welle der Empörung aus, schließlich distanzierte sich selbst die chinesische Regierung von ihren Landsleuten. Den Forschern soll nun der Prozess gemacht werden.

 

Doch damit ist die Geschichte nicht beendet. Im Gegenteil : Diese stümperhafte Episode steht wohl erst am Anfang eines weltweiten Wettrennens um wissenschaftliche Erfolge. Der Eingriff in die Keimbahn des Menschen, also die gentechnische Manipulation von Spermien, Eizellen oder Embryos in den ersten Tagen nach der Befruchtung, galt bisher als rote Linie der Biotechnologie. Doch die Stimmung verändert sich. Zwar fordern 18 international ausgewiesene Experten noch im März dieses Jahres ein Moratorium: Sie wollen, dass jeder genetische Eingriff in die Fortpflanzung des Menschen für einen befristeten Zeitraum weltweit geächtet wird. Doch der Appell fruchtet nicht. Der Aufruf wird allgemein begrüßt – aber nicht unterzeichnet.

Der Weg zum Designer-Baby

Die Tür zu weiteren Designer-Babys öffnet sich langsam. Der deutsche Ethikrat beobachtet eine „sich abzeichnende Verschiebung der ethischen Beurteilung von Keimbahneingriffen“. Bedeutende US-Wissenschaftsorganisationen sprachen sich vor einigen Jahren noch für befristete Verbote aus, solange die Risiken der Manipulation der Keimbahn nicht geklärt seien. So klar formulieren sie das heute nicht mehr.

Auch der Ethikrat lehnt eine Veränderung des menschlichen Erbguts mithilfe der Gentechnik nicht mehr vollständig ab. In seiner aktuellen Stellungnahme fordert er deshalb die Einrichtung einer internationalen Institution, die „global gültige wissenschaftliche und ethische Standards für die genetische Manipulation des Menschen erarbeitet“. Das Kalkül dahinter: Die politischen Entscheider könnten Vorgaben für den Eingriff in die Keimbahn machen, noch bevor die Forscher mit der Entwicklung der Methoden fertig sind.

Die Gentechnik umgekrempelt

Diese Eile scheint nötig, denn die Werkzeuge für einen präzisen Eingriff in das Erbgut machen rasante Fortschritte. Ein neues Verfahren namens Crispr-Cas hat die gesamte Biotechnologie in weniger als zehn Jahren umgekrempelt. Der Umgang mit der Genschere ist schnell zu erlernen, billig und einfach in der Handhabung. Bei Bakterien, Mäusen und vielen Pflanzenarten gehört die Methode im Labor längst zur Routine. Peter Dabrock, der Vorsitzende des Ethikrats, hat schon vor drei Jahren prophezeit, dass die Welt unserer Kinder von Crispr-Cas geprägt sein werde. „Ich sehe in allen Bereichen erhebliche Dynamiken, begründet durch wissenschaftliche Neugierde, Eitelkeiten, den Wettkampf zwischen Nationen und Weltanschauungssystemen wie im Fall China und USA und ja auch wirtschaftliche, leider manchmal auch kriminelle Energie“ erläutert der evangelische Theologe.

Bisher beherrscht die Wissenschaft beim Menschen die Veränderung des Erbguts noch nicht so erfolgreich wie bei Mäusen. Menschliche Zellen sind offenbar geschickter darin, sich mit eigenen Reparaturmechanismen gegen eine Gen-Attacke zu wehren. Die Bedingungen, die der Ethikrat an eine Zulassung stellt, erfüllen die Forscher noch lange nicht. Dazu müssten die gewünschten Genveränderungen sehr präzise erreicht und unerwünschte Nebeneffekte weitgehend ausgeschlossen werden können. Aber die Wissenschaft ist in schnellen Schritten auf dem Weg dahin. Die dafür nötige Grundlagenforschung befürwortet der Ethikrat, wenn bestimmte Auflagen eingehalten werden.

Kein Nischenthema

Den chinesischen Designer-Babys werden vermutlich weitere folgen. Doch die ersten Crispr-Kinder werden nichts mit den Fantasien aus Hollywood zu tun haben. Für den intelligenten Supersportler und den begabten Musiker als Traum aller Eltern sieht der Ethikrat keine Rechtfertigung.

Auch technisch dürfte das schwer möglich sein, denn an Begabungen sind häufig mehrere Dutzend Gene beteiligt. Stattdessen rückt das Gremium alltagstaugliche Beispiele in den Vordergrund. Die ausgewählten Anwendungen zeigen, dass die Vorstellung von einer Manipulation am Erbgut keineswegs ein Nischenthema ist. In Deutschland leiden zum Beispiel 8000 Menschen an Mukoviszidose, einer nicht heilbaren Krankheit, bei der sich in der Lunge zu viel Schleim bildet. Die Ursache liegt in einem lange bekannten Defekt des CFTR-Gens, der während einer künstlichen Befruchtung behoben werden könnte, bevor die Eizelle in die Gebärmutter eingesetzt wird.

Andere Länder reagieren

Ein anderes Beispiel ist das Schicksal von Menschen mit einem genetisch bedingten höheren Risiko für Brustkrebs oder Alzheimer. Die betroffenen Familien kennen die Auswirkungen der Krankheit sehr gut. Selbst wenn nicht jeder Träger eines Gendefekts tatsächlich erkrankt, lässt sich nur schwer kritisieren, dass Eltern schon vorgeburtlich versuchen, das Risiko ihres Kindes zu verringern. Müssen Paare die psychische Belastung aushalten, dass ihr Kind vielleicht Brustkrebs bekommen wird?

Viele Länder haben längst reagiert. Die Korrektur der Gene ist zwar nicht erlaubt, aber in den Niederlanden dürfen betroffene Eltern ihren Nachwuchs bei einer künstlichen Befruchtung auf Gendefekte untersuchen lassen. Wenn dabei Hinweise auf die Huntington-Krankheit, Brust- und Eierstockkrebs, Muskelschwund oder Mukoviszidose entdeckt werden, entscheiden sich die Paare in der Regel gegen einen solchen Embryo. Der Ethikrat hat der Gesellschaft die schwere Aufgabe mit auf den Weg gegeben, wie Deutschland mit dieser schleichenden Revolution umgehen will.

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