Genua: ein Jahr nach dem Brücken-Einsturz Zwischen Trauer und Neuanfang

Von Almut Siefert 

Am Mittwoch jährt sich der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua, bei dem 43 Menschen ihr Leben verloren. Der Bau der neuen Brücke hat bereits begonnen – auch wenn noch viele Fragen offen sind. Für die Evakuierten fängt mit dem Jahrestag ein neuer Abschnitt an.

Am 28.  Juni wurden die letzten verbliebenen Brückenpfeiler der Morandi-Brücke gesprengt. Foto: dpa
Am 28. Juni wurden die letzten verbliebenen Brückenpfeiler der Morandi-Brücke gesprengt. Foto: dpa

Genua - Dieser Mittwoch hat für Anna Rita Certo vor allem einen symbolischen Wert. „Von diesem Tag an werden wir offiziell keine ‚Evakuierten‘ mehr sein.“ Die 63-Jährige hat bis vor einem Jahr zusammen mit ihrer älteren Schwester Mimma in der einstigen Wohnung ihrer Eltern in Genua gelebt – bis die Morandi-Brücke plötzlich zusammenbrach. Am 14. August vergangenen Jahres um 11.36 Uhr stürzte die Brücke, die Hauptverkehrsader der norditalienischen Hafenstadt Genua, ein. 43 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. 619 Menschen, die direkt unter der Brücke wohnten, mussten wie die Schwestern Certo ihre Wohnungen für immer verlassen.

Anna Rita Certo sieht – wie so viele in Genua – dem Jahrestag der Tragödie mit gemischten Gefühlen entgegen. „Dieser Tag ist eine wichtige Etappe, die wir nehmen müssen. Es wird ein Tag der Trauer, aber wir sagen an diesem Tag auch auf Wiedersehen dazu, die „Sfollati“ (Evakuierten) zu sein.“ Sie und ihre Schwester hätten zwar schon einen neuen Weg eingeschlagen, „nun wird unser Leben aber auch offiziell neu beginnen.“

Die finanzielle Hilfe endet

Mit dem Jahrestag enden auch die Zuwendungen des Staates. Viele der einstigen Bewohner der jetzigen Sperrzone leben heute in Mietwohnungen – bisher kostenfrei, die Stadt hatte die Miete für ein Jahr übernommen. Anna Rita Certo und ihre Schwester hatten Glück im Unglück, sie hatten noch eine Zweitwohnung in der Altstadt von Genua. „Die wollten wir eigentlich gerade verkaufen, da brach die Brücke ein“, erinnert sich Certo.

Wenn an diesem Mittwoch die rund 450 Angehörigen der 43 Opfer mit Staatspräsident Sergio Mattarella, den Vizepremiers Luigi Di Maio (Fünf-Sterne-Bewegung) und Matteo Salvini (Lega) und weiteren Offiziellen der Tragödie vor einem Jahr gedenken, soll von der alten Morandi-Brücke nichts mehr übrig sein. Bis zu diesem Tag sollen auch die letzten Reste des Schutts weggeräumt sein. Anfang Februar hatten die Abrissarbeiten begonnen, Ende Juni wurden die letzten verbliebenen Brückenpfeiler gesprengt, die bis dato wie ein Mahnmal in dieser offenen Wunde der Stadt staken.

Nahezu zeitgleich mit der Sprengung der letzten Pfeiler startete der Bau der neuen Brücke. Rund 200 Millionen Euro sind für das neue Viadukt über den Polcevera-Fluss veranschlagt. 43 Lichtsäulen darauf sollen an die Toten erinnern. Der Entwurf stammt aus der Feder des Genueser Star-Architekten Renzo Piano. Die Gedenk-Zeremonie am Mittwochmorgen wird vor dem Pfeiler Neun der neuen Brücke stattfinden, der sich gerade im Bau befindet. An dessen Ende wird die Flagge Genuas wehen. Die neue Brücke soll laut Verkehrsminister Danilo Toninelli im April 2020 für den Verkehr geöffnet werden.

Die Mafia hat ihre Finger im Spiel

Ein straffer Zeitplan, von dem manch einer bezweifelt, ob er eingehalten werden kann. Länger als der Bau der Brücke wird allerdings die juristische Aufarbeitung des Falls dauern. Mangelnde Wartung gilt als sicherer Grund für den Einsturz. Derzeit wird gegen 20 Personen, sowie gegen den Autobahnbetreiber Autostrada per l’Italia ermittelt, der für den Straßenabschnitt verantwortlich war. Ein Prozess ist noch nicht eröffnet: Die bestellten Gutachter müssen nun bis zum 19. Dezember ihren Bericht abgeben, damit dieser als Basis für die nächste Sitzung des Beweisverfahrens Mitte Januar herangezogen werden kann. Auch werden derzeit tausende Dokumente durchgesehen, die die Wartung und Instandhaltung der Brücke während der letzten Jahrzehnte dokumentieren.

Ein weiteres Problem wird mit Nachdruck versucht, in Schach zu halten: die Infiltrierung der Arbeiten durch das organisierte Verbrechen. Bei den Abrissarbeiten und dem Neubau wirken zahlreiche Firmen mit. Im Mai wurde eine Baufirma von den Abriss- und Aufräumarbeiten ausgeschlossen, weil der Verdacht aufkam, sie könnte Verbindung zur Mafia haben: Die Firma Tecnodem wird von der Schwiegermutter eines verurteilten Camorra-Mafioso geführt, wie die Anti-Mafia-Ermittler mitteilten. Der Ausschluss der Firma von den Arbeiten sei eine Vorsichtsmaßnahme.

In der Ferienzeit ist das Problem mit dem Verkehr besonders spürbar

„Ich glaube, dass sie es schaffen, die vorgegebene Zeit einzuhalten und wir im kommenden Frühjahr die neue Brücke einweihen können“, sagt Anna Rita Certo optimistisch. Es wäre eine riesige Erleichterung für den Verkehr der Stadt: Über die Morandi-Brücke floss vorher der Transitverkehr von Frankreich nach Italien, auch innerstädtisch war sie die wichtigste Verbindungsstraße. Der Verkehr habe sich nach dem Einsturz zwar wieder recht gut eingependelt, so Certo, „aber gerade in den letzten Tagen, als so viele Menschen an den Hafen wollten, um die Fähren für ihren Urlaub zu nehmen, ist es wieder schlimmer geworden.“

Abseits der offiziellen Feierlichkeiten, werden sich auch die ehemaligen Sfollati am Mittwoch zu einer gemeinsamen Gedenkfeier zusammenfinden. In der Via Walter Fillak, wo sie sich seit dem Unglück jeden Monat trafen. Mit dem Jahrestag endet nun auch die Arbeit des Komitees, in dem sich die Evakuierten vor einem Jahr zusammengeschlossen hatten. „Aber wir gründen einen neuen Verein, in dem wir uns weiter um die Belange des Viertels kümmern wollen“, so Anna Rita Certo, „auch wenn wir dort nicht mehr leben.“




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