Genuss-Überraschung Ein Wein siegt gegen die Vorurteile
Wer immer noch glaubt, in Württemberg gäb’s keinen gescheiten Wein, sollte nach Untertürkheim gehen. Dort wird sogar mancher Kenner überrascht.
Wer immer noch glaubt, in Württemberg gäb’s keinen gescheiten Wein, sollte nach Untertürkheim gehen. Dort wird sogar mancher Kenner überrascht.
Die Sache mit den Vorurteilen ist eine schwierige Angelegenheit. Oft entstehen sie in wenigen Augenblicken, um sich dann – berechtigt oder nicht – über Generationen hinweg zu halten. In dieser Kolumne schreiben wir seit 18 Jahren gegen das Vorurteil an, dass in Württemberg nur kleine Weine entstünden, die keineswegs mit den großen Franzosen oder Italienern mithalten könnten. Dass diese Ansicht zwar immer noch verbreitet, aber totaler Quatsch ist, haben wir in mehr als 900 Kolumnen unter der Rubrik Lesestoff nachgewiesen.
Trotzdem muss ich gestehen, dass auch der lokalpatriotisch angehauchte Kolumnist nicht frei von Vorurteilen ist. Am Rande der Württemberger Weinmeisterschaft im Herbst vorigen Jahres habe ich beispielsweise während der Nachsitzung mit den Wengertern kundgetan, dass ich noch nie einen gescheiten Regent getrunken hätte. Der ebenfalls anwesende Klaus D. Warth hat daraufhin die Augenbrauen hochgezogen und keck erwidert: „Dann hast Du noch nie meinen probiert.“
Stimmt! Um das zu ändern, hat der Piwi-Pionier aus Untertürkheim – etwa ein Viertel seiner neun Hektar Fläche hat er inzwischen mit den neuen pilzwiderständigen Sorten bestockt – mir umgehend seinen Regent zum Probieren geschickt. Und was soll ich sagen? Der Wein ist hervorragend. Die Säure (6,9 Gramm) ist zwar, wie immer beim Regent, relativ hoch, aber wunderbar eingebunden. Mehr noch: Sie verhilft dem sechs (!) Jahre lang im Eichenfass gereiften Wein aus dem Jahrgang 2018 zu einer beeindruckenden Frische. Dazu gesellen sich Aromen von Tabak, Schokolade und dunklen Kirschen, die aus diesem trocken ausgebauten Gesellen (2,9 Gramm Restsüße) mit 13 Volumenprozent Alkohol einen gehaltvollen Roten machen, dem Warth ein Lagerungspotenzial bis 2040 ins Stammbuch schreibt.
Ob sein Regent so lange ungeöffnet in meinem Keller bleiben wird, weiß ich nicht. Was ich aber tue, ist, in aller Öffentlichkeit Abbitte leisten: Wenn ein Regent so schmeckt wie der von K-D Warth, dann hätte ich gerne mehr davon.