Genusstour (5) Der Frühling kommt mit Rhabarberkuchen

Wohl dem, der gegen derlei Versuchungen immun ist – doch die Kuchen und Torten, die Martina Schafheutle (rechts) in ihrem Café anbietet, haben noch jeden Süßschnabel schwach gemacht. Foto: Rothe
Wohl dem, der gegen derlei Versuchungen immun ist – doch die Kuchen und Torten, die Martina Schafheutle (rechts) in ihrem Café anbietet, haben noch jeden Süßschnabel schwach gemacht. Foto: Rothe

Das „Schafheutle“ in Heidelberg zählt zu den besten Cafés in ganz Deutschland. Auch Prominente wissen den Familienbetrieb zu schätzen.  

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Heidelberg - Wenn man (oder frau) in Heidelberg wieder einmal das Gefühl hat, man sollte sich etwas Gutes tun, gehört es zu den ersten Adressen in der Stadt. "Lass uns mal wieder ins ,Schafheutle' gehen", heißt es dann. Seit mehr als 75 Jahren ist das Café an der Hauptstraße 94 mit seinem lauschig-luftigen Garten wie eine Oase im Trubel der Zeit. Ob bei Kaffee und Kuchen, heißer Schokolade und Sahnetorte, bei einem Glas Zitrone, einem Gläschen Wein oder Champagner - hier kann man den Alltag hinter sich lassen.

Neben dem Schloss und dem Philosophenweg gehört "das Schafheutle" für viele Heidelberger zum Pflichtprogramm, wenn sie Gäste haben. Es hat den Zweiten Weltkrieg überstanden, das Ende der Straßenbahn, den Umbau der Hauptstraße zur Fußgängerzone und zuletzt auch den Ansturm von Starbucks und Kompanie.

Während in den vergangenen Jahren rundherum ein alteingesessenes Lokal und ein Fachgeschäft nach dem andern internationalen Fastfood- und Kettenläden Platz machte, ist es geblieben, was es war: ein gutbürgerliches Café mit einer vorzüglichen Konditorei.

Ein klassischer Familienbetrieb

Vom Käsekuchen bis zur Schokoladensahnetorte macht man dort alles so wie vor Jahren - aus besten Zutaten und jeden Tag frisch. Die klassischen Obstkuchen gibt es, wenn die Zeit dafür da ist. Der Frühling beginnt mit dem "weltweit berühmten Rhabarberkuchen" - so nennt ihn die Chefverkäuferin sicher nicht zu Unrecht. Kirschenkuchen gibt es im Sommer und Zwetschgenkuchen im Herbst.

Nur der berüchtigte "Kännchenzwang" im Garten wird nicht mehr ganz so strikt gehandhabt wie noch anno dazumal. Wer möchte, kann dort heute auch einen Cappuccino bestellen.

"Wir sind ja inzwischen fast eine Institution", sagt Martina Schafheutle und macht dabei den Eindruck, als staune sie darüber selbst ein wenig. Die Konditormeisterin, Hotelbetriebswirtin und Enkelin des Firmengründers hat den Betrieb 2002 von ihren Eltern übernommen und führt ihn nun in der dritten Generation. Ihr Vater Rudolf, der mit 76 Jahren noch immer im Hintergrund wirkt, wollte es zunächst nicht recht glauben, dass eine seiner Töchter das Geschäft weiterführt; doch nicht nur die Stammgäste danken es der zweifachen Mutter bis heute, dass sie sich dazu entschlossen hat und das Café dank ihr "ein klassischer Familienbetrieb" geblieben ist.

Helmut Kohl war Stammgast

Immer wieder versichern ihr ehemalige Gäste, wenn sie nach Jahren in die Stadt zurückkehren, ein Besuch im Schafheutle sei "wie wenn man nach Hause kommt". Und einige gehen noch weiter. "Sie haben geradezu eine soziale Verpflichtung, ihr Caféhaus zu erhalten" hat ihr vor kurzem ein - völlig unbekannter - Gast erklärt.

Dabei braucht Martina Schafheutle derartige Aufforderungen eigentlich nicht. "Mir ist es eine Herzensangelegenheit, diese Tradition über die Zeit zu retten", sagt sie, "und ich glaube auch, es ist inzwischen bei vielen Leuten angekommen, dass wir heute, wo alles so schnelllebig geworden ist, auch Plätze brauchen , wo es etwas langsamer zugeht oder die Zeit ein wenig stehengeblieben ist".

Die Heidelberger Dichterin Hilde Domin wusste das ebenso zu schätzen, wie Roman Herzog oder Bernhard Vogel und andere prominente und weniger prominente Gäste früher und heute. Zu den bekanntester und vermutlich fleißigsten unter ihnen gehört der frühere Kanzler Helmut Kohl, der einst in Heidelberg studiert hat und den es später immer wieder hierher gezogen hat. Wann immer es ging, hat er dabei das Schafheutle angesteuert, das hat er sich - jahrzehntelang - auch während seiner Kanzlerschaft nicht nehmen lassen.

Eine enorme Auswahl an Torten

"Da saß er dann ganz dezent in einer Ecke mit dem Rücken zum Publikum", verrät Martina Schafheutle. Zu seinen Lieblingstorten zählte die Spezialtorte des Hauses, vielschichtig, mit Marzipan, Nüssen und Krokant. "Schwer und sehr mächtig" wie die Konditorin erläutert - mithin also wirklich passend zu dem Schwergewicht aus der Pfalz.

Die enorme Auswahl an Torten und Kuchen gehört zu den Pfunden, mit denen im Schafheutle gewuchert wird. Morgens um halb zehn, wenn das Cafe öffnet, ist alles da, jeden Tag frisch, von der kleinen Brioche über die Schwarzwälder Kirsch- bis zur Schokoladen-Whiskeytorte. Gut 50 Sorten sind es insgesamt. Dazu kommen ebenso viele verschiedene Sorten hausgemachte Pralinen, eigene Schokoladen und im Sommer 16 Sorten selbst gefertigtes Eis - mit frischen Früchten.

Insgesamt 32 Mitarbeiter sind in der Bäckerei, in der Küche, im Service und an der Kuchentheke im Einsatz. Der Leiter der Backstube ist seit 28 Jahren im Betrieb, die erste Verkäuferin seit 31 Jahren. Von der gerade beginnenden Fastenzeit, verrät die Chefin, merke man im Schafheutle eher wenig. Im Gegenteil: der weithin einmalig gute Kuchen locke auch junge Leute herbei, die für gewöhnlich eher andere Orte bevorzugten.

Den Grundstein für all das hat Otto Schafheutle gelegt, als er 1938 das in Konkurs gegangene gut hundert Jahre alte Café Krall in der Hauptstraße übernahm. Zusammen mit seiner Frau Else, an die sich viele Gäste noch gut erinnern, machte er das Haus zu einem beliebten Treffpunkt für Künstler und Theaterfreunde. Doch die Tradition des Anwesens geht noch viel weiter zurück. Der Garten hinter dem Haus, in dem heute die Gäste sitzen, gehörte einst zum Herrengarten der Heidelberger Kurfürsten. Im Nachbarhaus befand sich im 18. Jahrhundert eine Seidenmanufaktur. Heute ist dort die Backstube untergebracht - einer der letzten produzierenden Betriebe in der von Tourismus und Handel bestimmten Altstadt.

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