Geocaching Eine Schnitzeljagd mit Lerneffekt

Von Helmut Merschmann 

GPS-Handys führen zu versteckten Informationen über historische Ereignisse und Persönlichkeiten. Eine Schnitzeljagd mit Lerneffekt.

Am Ende einer Suche wartet der Eintrag in das Logbuch des versteckten Caches. Foto: dpa
Am Ende einer Suche wartet der Eintrag in das Logbuch des versteckten Caches. Foto: dpa
Berlin - Am Abend des 13. Septembers 1964 hält eine schwarze Limousine mit amerikanischem Kennzeichen am Grenzübergang Checkpoint Charlie in Berlin. Auf der Rückbank sitzt der Bürgerrechtler Martin Luther King und möchte nach Ostberlin einreisen. Der Grund für seinen Spontanbesuch sind die Mauerschüsse vom Vortag.

Leider hat King keinen Pass dabei, doch nachdem die Grenzbeamten sich bei ihren Vorgesetzten rückversichert haben und der Friedensnobelpreisträger seine American-Express-Karte zeigt, darf er einreisen. Wenig später hält King eine kurze Rede in der Marienkirche am Roten Rathaus und einen Gottesdienst in der Sophienkirche im Scheunenviertel.

Eine historische Schnitzeljagd


Die Strecke, die Martin Luther King in Ostberlin absolvierte, kann man nun in Form eines Geocaches selbst abschreiten. Angeleitet von Satellitendaten des Navigationssystems GPS muss man an drei Stätten kleine Kassiber mit Informationen aufstöbern, die von dem wenig bekannten historischen Ereignis handeln.

Diese besondere Form des Geocaching nennt sich Educache. "Educaches nutzen GPS-referenzierte Punkte und integrieren sie in Bildungsprozesse", sagt Guido Brombach, Referent am Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Brombach hat den Educache über Kings Besuch angelegt.

Die Bildungsschnitzeljagd startet in der Heinrich-Heine-Straße und führt am historischen Zentrum der Hauptstadt vorbei in die Große Hamburger Straße. Google Maps berechnet für den drei Kilometer langen Fußweg 37 Minuten und gibt präzise den Streckenverlauf an. Insgesamt 90 Minuten sollte man jedoch einplanen, um die drei versteckten Kassiber zu finden und sich die Zeitungsartikel und Fotografien, die sie enthalten, genau anzuschauen.

Geocaching bringt Spaß und Wissen


Wie beim normalen Geocaching benötigt man ein Navigationsgerät oder ein GPS-fähiges Handy. Es ist auch möglich, Referenzpunkte wie 52 Grad 31 Minuten 29,6 Sekunden Nord und 13 Grad 25 Minuten Ost bei Google Maps einzugeben (in der Notation: +52· 31' 29.6", +13· 25') und sich eine Route zusammenzustellen. In diesem Fall würde man in der Nähe des Alexanderplatzes landen. Dort ist der Beginn eines Edu-Caches zum Thema sozialistischer Realismus. Der Spaß kommt dadurch zustande, dass die GPS-Koordinaten nicht genau genug sind. Das gesuchte Objekt kann sich in einem Umkreis von bis zu acht Metern befinden. Also heißt es: suchen.

Für Guido Brombach sind Educaches idealerweise in einer kleinen Gruppe zu lösen. Während ein Teilnehmer sich mit den GPS-Daten beschäftigt, ein anderer sich Orientierung im Stadtplan verschafft, kann sich ein dritter auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren: die versteckten Behältnisse zu finden. "Bildung entsteht durch die Kommunikation beim Gehen", sagt Brombach, für den Educaches "ein pädagogisches Szenario sind, um Bildung anders zu erleben". Dass eine Schatzsuche durch die reale Welt mehr Spaß macht, als im Internet nach historischen Informationen zu googlen, ist leicht nachzuvollziehen.

Die meisten Educaches finden sich bei Geocaching.com, der zentralen Anlaufstelle im Web für geografische Koordinaten aller Art. Dort kann jeder einen Cache veröffentlichen, nachdem er wasserdichte Behälter, Logbücher und Tauschgegenstände versteckt hat. Dementsprechend vielfältig sind die Themen. Allein in Deutschland gibt es 122.000 aktive Geocaches, weltweit sollen es mehr als eine Million sein. Die Palette reicht von Reise- und Tausch- über Rätsel- bis zu Eventcaches, zeitlich festgelegten Treffen der Geocaching-Szene. Jägermeister haben sich bereits über die Freizeitschatzsucher beschwert, die auch nachts durch Wälder streifen und dabei Wildtiere aufschrecken.

Educaches dürfen nicht zu politisch sein


Im Falle von Educaches gibt es eine Besonderheit: Sie dürfen nicht zu politisch sein, sonst werden sie von der Website Geoaching.com nicht akzeptiert. Die amerikanische Plattform hat sich zur Neutralität verpflichtet und vermeidet sowohl politische als auch werbliche Themen. Brombach berichtet über Probleme mit einem Cache zur Geschichte des nordrhein-westfälischen Landtags. Den hatte er im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung erstellt und darin die Anfänge der westdeutschen Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. Alternativ können Edu-caches aber auch bei Opencaching.de veröffentlicht werden.

Ganz neu ist die Idee anspruchsvoller Caches allerdings nicht. Vor eineinhalb Jahren rief der Deutschlandfunk (http://geocaching.dradio.de ») zu einem Geocaching-Spiel auf. Bei der "Tour der großen Namen" ging es quer durch die Hauptstadt. Es galt, anhand geografischer Eckdaten, verrätselter Hinweise und Buchstabenspiele berühmte Personen wie Hermann von Helmholtz oder Heinrich Zille zu identifizieren. Dabei stand freilich eher der Spaß am Rätseln im Vordergrund als vertiefende Informationen zu den Persönlichkeiten, wie sie echte Educaches bieten würden.

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