Göppingen - Während Ulrich Maier den Sonnenuntergang in Göttingen von seinem Arbeitszimmer aus beobachten kann, breitet sich vor ihm sein Weg über manch eine Station aus und er lässt die Gesprächspartnerin daran teilhaben. „Ich mache hauptsächlich Computermodelle, mit denen man Grundwasserströmung und Ausbreitung von Stoffen im Untergrund dreidimensional darstellen kann“, erklärt der promovierte Geologe, der aus dem Kreis Göppingen stammt. „Es gibt Verfahren, die zeigen, wie Mineralien und andere Stoffe sich lösen und ausbreiten, etwa bei Tankstellen verschüttete Treibstoffe, und wie sie abgebaut werden.“
Doch bevor er zu seiner anspruchsvollen Arbeit kam, hat er als Kind gerne Vögel und andere Tiere beobachtet: „Ich war viel mit meinem Onkel draußen unterwegs gewesen“, merkt er an und dass er so gerne die Sendung „Ein Platz für Tiere“ geschaut habe, mit Bernhard Grzimek. Der Frankfurter Zoodirektor habe mit seiner preisgekrönten Dokumentation „Die Serengeti darf nicht sterben“ den Naturschutz populär gemacht.
Im Göppinger Naturschutzbüro ist damals viel gelaufen
Mitte der 80er Jahre „haben wir uns im Clubraum der Feuerwehr Jebenhausen getroffen“. Danach ging es meist noch hinaus zur gemeinsamen Vogelbeobachtung in die Streuobstwiesen. Dort konnte man den inzwischen in Mitteleuropa nahezu ausgestorbenen Rotkopfwürger sehen, Grauammer und Wachtelkönig ebenfalls.
Später, erzählt Maier, waren die Naturschützer dann in Göppingen. Sie und andere junge Aktivisten hatten über einer Kneipe das Büro. Er erinnert sich an eine Begebenheit: Ein Stadtrat und Fraktionsvorsitzender der CDU, der für ein Baugebietsvorhaben gestimmt hatte und Mitglied des Nabu war, habe einen Gutschein für ein Naturschutzseminar überreicht bekommen: „Gefreut hat er sich nicht darüber, aber es war eine coole Aktion.“
Im Göppinger Büro seien es plötzlich 30 Leute gewesen: „Da ist ziemlich viel gelaufen.“ Maier nennt die Aktion vor der Texaco-Tankstelle, gegen die Regenwaldzerstörung von McDonald’s.
Er wirkt nachdenklich: „Manchmal denke ich, warst das wirklich du?“ Etwa als er von Tübingen aus, dort studierte er Geologie, die Sternfahrt nach Magdeburg zum Naturschutzbund-Treffen anführte. „Eigentlich sollte in Stuttgart jemand anders übernehmen, nur erschien der nicht. Dann hab’ ich das halt übernommen. Zum Glück hatte ein Polizist mehr Ahnung“, berichtet Maier. Der sei mit dem Motorrad vorausgefahren. „Sonst hätten wir uns bestimmt verfahren.“ Es sei faszinierend gewesen: „Viele Leute waren in Turnhallen untergebracht. Und dann hat Rio Reiser auf der Elbinsel ein Konzert gegeben.“ Ob das viel für den Umweltschutz gebracht hat, da ist sich Ulrich Maier nicht so sicher.
Die Ausbildung hat ihn nach Waterloo in Kanada geführt
Studieren wollte er lieber Geologie als Informatik: „Da ist eigentlich alles drin, mit Erdgeschichte, Klimageschehnisse. Hydrologie war für mich das Angewandteste, mit dem man direkt was machen konnte.“ Physik, Chemie und mathematische Methoden hätten ihn begeistert, „Programmieren war eine Leidenschaft, hat gepasst.“ Die Ausbildung hat ihn nach Waterloo in Kanada geführt, in ein großes Zentrum für Computermodellierungen. Dann wieder zurück nach Tübingen, ausrechnen, wie sich Kerosin und Benzingemische in der Gasphase und im Grundwasser ausbreiten. Später in Leipzig hat er Erfahrungen an den Leuna-Standorten sammeln können. Zwei Weltkriege und drei Regierungsformen haben dort neben den Chemikalien ihre Spuren hinterlassen. „Wie es im Detail aussieht, weiß man nicht. Man macht Sanierungen und Sicherungen, damit das Landwasser nicht kontaminiert wird.“ Bohrungen müssen gemacht werden, um Daten zu bekommen. Man erlebe dort immer wieder Überraschungen. „Die Energiespeicher sind die Achillesferse der Klimawende“, meint Maier zum Klimawandel. Für den Schwankungsausgleich müsse es bessere Speichermöglichkeiten geben. „Ich denke, das läuft alles ein bisschen langsam“, meint er. Die Lösung von Problemen bestehe in der Regel aus mühevoller Kleinarbeit. Von Maximalforderungen wegzukommen, Dialog und Kompromisse zu suchen hält er für einen realistischen Weg.
Doch nicht nur in den Grundwassermodellen steckt sein Herzblut. Er sei „ganz froh“, neben der Computerarbeit auch etwas anderes zu machen: Die Vogelbeobachtung begleitet ihn immer noch, sogar als zweites Standbein. „Mit Zug und Fahrrad“ ist er den ganzen Tag unterwegs und genießt die Reize der Natur.