Georg-Büchner-Preis Ein Ozean gut erfundener Lügen

Die Preisträgerin Felicitas Hoppe Foto: www.juergen-bauer.com
Die Preisträgerin Felicitas Hoppe Foto: www.juergen-bauer.com

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe ist die diesjährige Trägerin des Georg-Büchner-Preises. Ein Porträt.

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Stuttgart/Berlin - Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht“, so schreibt Georg Büchner 1835 an seine Familie. Und wenn es danach geht, haben die Juroren der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eine gute Wahl getroffen. Denn Felicitas Hoppe, die in diesem Jahr den mit 50 000 Euro dotierten bedeutendsten deutschen Literurpreis erhält, erfüllt auf ihre ganz eigene Weise die Maxime des Widmungsträgers.

Hoppe zählt vielleicht zu den erfindungsreichsten und fabulierfreudigsten Autoren der Gegenwart. Allerdings würde ein Studium der Geschichte nicht immer zu denselben Ergebnissen kommen wie ihre erzählerische Welterkundung. Denn ihre Muse ist nicht die Wahrhaftigkeit, sondern ein kleiner hölzerner Aufschneider mit einer langen Nase – Pinocchio. „Ich liebe dieses Buch, weil es nicht nur um einen großen Träumer geht, sondern auch um eine Schöpfungsgeschichte“, bekannte die in Berlin und dem Rest der Welt lebende Autorin einmal. Und so ersteht die Geschichte in ihren Büchern in sehr eigenwilliger Weise auf: die Porträts von „Verbrechern und Versagern“, der französische Nationalmythos in „Johanna“ und zuletzt ihr eigenes Leben in „HOPPE“.

Hoppe, Hoppe, Reiter

Was die 1960 in Hameln geborene Autorin im wirklichen Leben so treibt oder getrieben hat, klingt bisweilen gar nicht so anders als das pralle Lebensmärchen ihres jüngsten Romans – siehe nebenstehende Rezension. Eines aber ist sicher und aus der Nahwahrnehmung verbürgt, dass sich ihr das Motiv des Reisens während ihres Esslinger Bahnwärter-Stipendiums nachhaltig eingeprägt haben muss. Dorthin brachte sie der Erfolg ihres Debüts „Picknick der Friseure“, eine Sammlung grotesker Tagträume, die bisweilen an Prosaskizzen Kafkas erinnert.

Vielleicht animiert vom täglichen Blick auf die Schienen, vielleicht wegen des Kontakts zur ortsansässigen Marinekameradschaft Tsingtau – jedenfalls heuerte sie nach ihrem Aufenthalt in Esslingen auf einem Containerschiff an und reiste vier Monate lang durch die Welt, von Hamburg nach Hamburg. Nach ihrer Rückkehr stellte sie fest, außer putzenden Matrosen eigentlich nichts erlebt zu haben. Also gab sie sich in Gedanken noch einmal auf Reisen, ein kleiner Roman wurde daraus, „Pigafetta“, der den Lebensfaden eines historisch verbürgten genuesischen Weltumseglers geschickt zu Seemannsgarn verknüpft.

Der Grund übrigens, weshalb Matrosen so viel putzen, erzählte Hoppe einmal im Stuttgarter Literaturhaus, sei das aggressive Salzwasser, es drohe die Schiffe aufzuzehren. In ähnlicher Weise zehrt die Sprache der seekundigen Hoppe an der Wirklichkeit. Wer sich ihrem unbefangene, scheinbar schnörkellosen Erzählen überlässt, gleitet unversehens hinaus ins Ungewisse, der Realitätssinn wird in sanften Schwindel versetzt, und die Wirklichkeit verwandelt sich in einen Ozean gut erfundener Lügen.

Harmlosigkeiten sucht man vergebens

Doch man sollte sich nicht täuschen. Harmlos ist hier nichts. Der Hoppe’sche Kosmos folgt seinen eigenen Gesetzen, und wer sich ihm anvertraut, muss damit rechnen, in ausufernden Sprachspielen auf die Probe gestellt zu werden. Und wer sich in dem Dickicht aus Verfremdungen, Montagen und Zitaten verloren hat, findet nicht leicht wieder hinaus.

„Es gibt nie einen Weg zurück“, sagte die mit Reisen aller Art vertraute Hoppe kürzlich in einem Interview. Und dies gilt in beide Richtungen. Die prosaische Welt bleibt als Stimulus immer so präsent wie die fantastische Prosa, mit der sich Hoppe gegen sie erwehrt. „Im Traum sprechen wir gern wie ein Wasserfall und werden euch alles verraten“, heißt es am Ende der Irrfahrt von „Pigafetta“, „aber dass ihr uns nicht vor dem Morgen weckt, denn wenn wir einen Fremden erblicken, fahren wir aus dem Schlaf und fliehen kreischend.“

Das untergründige Modell ihrer Romane folgt dem Schema des Pikaresken. Danach verirrt sich ein bauernschlauer Schelm in der Welt und macht am Ende doch sein Glück. Hoppes pikareske Lebensleistung ist mit dem Georg-Büchner-Preis endgültig im Hafen der ganz Großen angekommen. Für sie eigentlich nichts Neues. Zuletzt residierte sie in den USA in der Villa Lion Feuchtwangers oberhalb von Los Angeles. Bleibt zu hoffen, dass sie niemand aus ihrem schöpferischen Traumwandeln weckt, sicher kann sie noch viel verraten.




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