Im Leben von Georg Grozer gab es schon etliche besondere Momente, viele davon genoss er auf dem Volleyballfeld. Aber offenbar noch nicht genug, um nicht auf weitere unvergessliche Erfahrungen zu hoffen. Paris 2024 spielt dabei eine große Rolle.
In der Geschichte der Olympischen Spiele gab es laut US-Sporthistoriker Bill Malon seit 1896 erst zwölf Vater-Tochter-Duos, die an der selben Veranstaltung teilnahmen. Nun könnten die Grozers zu diesem exklusiven Kreis stoßen. „Natürlich träumen wir davon, gemeinsam in Paris zu starten, wir haben auch schon darüber gesprochen. Das wäre perfekt“, sagt Georg Grozer, dessen 16-jährige Tochter Leana in diesem Sommer vom Bundesstützpunkt in Stuttgart zum Bundesligisten SSC Schwerin gewechselt ist, „für uns ist das eine riesengroße Motivation“. Auch wenn die Chance eher klein ist.
Das liegt zum einen am Alter von Leana Grozer. Die Außenangreiferin gilt zwar als Supertalent, hat auch schon Einladungen von Bundestrainer Vital Heynen erhalten und die ersten Länderspiele absolviert. Ob sie sich allerdings bereits im nächsten Jahr im Nationalteam etablieren kann, ist völlig offen. „Eventuell“, sagt Georg Grozer (38), „schafft es die Kleine ja.“ Ein noch größeres Fragezeichen steht allerdings hinter der Qualifikation für die Sommerspiele in Paris. Bei beiden deutschen Mannschaften.
Die Ausgangslage könnte besser sein
Die Frauen sind gerade erst bei der EM im Achtelfinale gescheitert und fielen in der Weltrangliste auf Rang zwölf zurück. Über dieses Ranking werden am Ende Olympiatickets an die fünf besten Teams vergeben, die nicht zu den sechs Nationen gehören, welche sich bei den Kontinental- und Qualifikationsturnieren durchgesetzt haben. Dazu kommt Frankreich als Gastgeber. Bei den Männern gilt derselbe Modus. Deutschland liegt nach einer verkorksten Saison in der Nations League (zwölf Spiele, drei Siege) in der Weltrangliste nur auf Rang 15. Umso wichtiger ist, dass Georg Grozer sich seinen letzten großen sportlichen Traum unbedingt erfüllen will – und zurückkehrt. Wieder mal.
Nach der verpassten Olympiaqualifaktion im Januar 2020 hatte sich der Diagonalangreifer mit dem Spitznamen „Hammer-Schorsch“ frustriert verabschiedet, kehrte aber für die EM 2021 zurück ins Nationalteam. Danach pausierte er erneut, jetzt will der einzige deutsche Superstar im Volleyball bei der EM 2023, die in Italien, Bulgarien, Israel und Nordmazedonien stattfindet, wieder zuschlagen. Worüber sich seine Kollegen ziemlich freuen. „Er ist“, sagt Zuspieler und Freund Lukas Kampa, „unser Fixstern.“
Beeindruckende Titelsammlung
Dank seiner Schlag- und Sprungkraft wurde Georg Grozer in seinem Sport zur Ikone. Er war von 2010 bis 2014 Deutschlands Volleyballer des Jahres, holte WM-Bronze und EM-Silber, gewann die Champions League, die Club-WM und den CEV-Pokal, holte Titel in Russland, Polen, Italien, Ungarn, China und Deutschland. Zuletzt spielte er bei Vero Volley Monza – und erlitt kurz vor Ende der Saison eine Knöchelverletzung, weshalb es bis zum neuerlichen Comeback im Nationalteam länger dauerte als geplant. Nun aber ist Georg Grozer da. Mit all seiner Klasse, Erfahrung, Mentalität. Und seinem großen Selbstbewusstsein. „Ich bin noch sehr fit, kann mit allen mithalten und die Punkte machen, wenn ich auf dem Feld stehe“, sagt der 38-Jährige vor dem EM-Auftaktspiel an diesem Mittwoch (19 Uhr) im italienischen Perugia gegen Estland, „meine Idee ist, die Jungs anzutreiben, ihre Chance zu sehen.“
Aussichtslos ist das Ziel, bei der EM weit zu kommen und sich in der Weltrangliste zu verbessen, tatsächlich nicht. „Wenn die ersten Spiele gut laufen“, meint Bundestrainer Michal Winiarski, „sind wir das Team, das alle anderen schlagen kann.“ Erst recht, wenn Grozer hilft, die in der Nations League aufgetretene Schwäche zu beheben, ausgerechnet dann nicht mehr das beste Volleyball zu spielen, wenn es drauf ankommt – am Ende der Sätze. „Im Bereich über 20 Punkte haben wir unser Potenzial nicht abrufen können“, sagt Kapitän Kampa, „Georg ist der überragende Crunchtime-Spieler des letzten Jahrzehnts im deutschen, wenn nicht sogar im Welt-Volleyball. Er hat uns in wichtigen Turnieren schon öfter den Hintern gerettet.“
Grozer will immer das Maximum
Ob der Routinier dazu erneut in der Lage ist? Wird sich zeigen. An Motivation fehlt es ihm jedenfalls nicht, und der erhoffte Auftritt an der Seite seiner Tochter Leana in elf Monaten in Paris stachelt seinen Ehrgeiz noch zusätzlich an. „Volleyball ist die große Leidenschaft unserer Familie, es ist schön, wenn man dieses Gefühl mit seinem eigenen Kind teilen kann. Wir ticken ziemlich ähnlich, wollen immer das Maximum erreichen“, sagt Grozer, „jetzt arbeiten wir beide daran, uns den gemeinsamen Olympiatraum zu erfüllen.“ Es wäre, ganz sicher, einer der unvergesslichen Momente der Spiele von Paris.