Im StZ-Interview spricht der Kabarettist Georg Kreisler über Wien und New York, Mozart und Chaplin, die Nazis und die Kommunisten.

Stuttgart - Der 88-jährige Autor, Komponist und Kabarettist Georg Kreisler geht endgültig auf Abschiedstournee. Dabei kommt er am Freitagabend auch noch einmal nach Stuttgart. Er hat viel erlebt und kann sich immer noch empören.

Herr Kreisler, wären Sie erstaunt, wenn Sie mal nicht auf Ihr Lied "Taubenvergiften im Park" angesprochen würden?

Nein, es kommt jetzt häufiger vor, dass Journalisten sich das abgewöhnen. Das Lied ist fünfzig Jahre alt, es war eine Parodie auf die so genannte Wiener Gemütlichkeit. Ich habe es in einer halben Stunde geschrieben, es war auch aktuell, die Tauben waren wirklich eine Plage. Das Lied war dann einige Jahre lang verboten in Funk und Fernsehen.

"Wie schön wäre Wien ohne Wiener", heißt es in einem anderen Lied. Wie ist denn heute Ihr Verhältnis zu Wien?

Wien hat mich natürlich sehr geprägt, die Musik, die Mentalität. Dass ich dort schon seit Jahren wenig zu tun habe, ist eine andere Sache, aber man kann seine Geburtsstadt nicht verleugnen.

Alles, was Sie schreiben, habe mit Protest zu tun, haben Sie gesagt. Sind das gerade gute Zeiten für Sie?

Es sind in meinem Beruf immer gute Zeiten, weil es ja immer Gesellschaftsfeindliches gibt, besonders in unserer kapitalistischen Gesellschaft, in der es um Profit geht. Ich habe noch nie erlebt, dass man hätte sagen können, jetzt ist wirklich alles gut und die Menschen nehmen Rücksicht aufeinander.

Der französische Autor Stéphane Hessel, auch ein zorniger alter Mann, hat Furore gemacht mit seiner Schrift "Empört Euch!" Fühlen Sie sich geistesverwandt?

Ja, natürlich, der Kapitalismus ist ja auf dem Höhepunkt, es ist Zeit, sich zu empören. In Spanien hat es jetzt angefangen. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Rücksichtslosigkeit nimmt zu, die Spanne zwischen Reich und Arm wird immer größer.

Wie stehen Sie zur Comedy? Ist das heruntergekommenes, entpolitisiertes, verharmlosendes Kabarett oder ein anderes Genre?

Nein, das ist kein anderes Genre, das ist heruntergekommenes Kabarett. So wie die heruntergekommene Musik, der kommerzielle Pop in all seinen Auswüchsen, auch wenn es Ausnahmen gibt. Immer weniger jüngere Leute kommen mit Musik, Literatur oder bildender Kunst in Berührung, was fatale Folgen hat. Die Gewalt nimmt zu! Und Sie werden unter jungen Gewalttätern keinen finden, der eine Verbindung zur Kunst hat.

Kunst als Kritik der Gesellschaft

Man spürt bei Ihnen großen Zorn, Sie können ihn in Kunst packen oder auf der Bühne ventilieren. Sind Sie danach ein glücklicher Mensch oder rumort das weiter?

Ich bin kein unglücklicher Mensch. Aber Kunst war immer dagegen, immer Kritik der Gesellschaft. Schauen Sie Mozart an, der "Figaro" war eine Oper gegen den Adel. Mozart verurteilt den Grafen, der auf das Recht der ersten Nacht besteht.

Ihre Liedern haben oft gassenhauerhafte Refrains. Ist das heimtückische Verkleidung für bösen Inhalt?

Ja, genau. Das schon erwähnte "Taubenvergiften" etwa wird als Wienerlied getarnt, mit einer schönen Walzermelodie, aber es geht auf etwas ganz anderes hinaus.

"Lieder gegen fast alles", heißt eine ihrer LPs. Haben Sie auch ein Lied für etwas?

Hm, da muss ich nachdenken. (zögert) Wie gesagt, Kunst ist von Natur aus kritisch. Da fällt mir momentan nichts ein.

Sie haben so viel gesehen und erlebt, sind Sie trotzdem noch überrascht von der Welt?

Immer wieder. Zum Beispiel jetzt, wie mit Atomkraftwerken umgegangen wird, wie manche immer noch zögern, abzuschalten. Die würden erst umdenken, wenn der Gau in Europa eintritt und viele Gegenden schon unbewohnbar sind.

In Stuttgart macht seit einiger Zeit eine große Bürgerbewegung gegen S 21 mobil...

...ich find's wunderbar, ich bin ganz auf der Seite der Demonstranten! Es wird so oft unnötig Geld rausgeschmissen, und das bei so viel Armut auf der Welt. Stuttgart hat im Allgemeinen ein ruhiges und zufriedenes Bürgertum, es ist gut, dass sich gerade dort die Leute empören.

Auf der Seite der S-21-Demonstranten

Sie haben für die US-Army nach dem Krieg den "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher verhört. Was haben Sie da empfunden?

Ich war noch sehr jung, ich habe nur eine Art Vorverhör gemacht. (Pause) Ja, wie empfindet man das, wenn da ein alter Mann vor einem steht, der nicht mehr ganz bei Sinnen ist? Der auf die Frage nach dem Beruf lange nachdenkt und dann sagt: Volksschullehrer. Was soll man da machen? Es ändert ja nichts, wenn ich dem eine runterhau', und das hab' ich dann auch nicht getan.

War da eine Mischung aus Mitleid, Genugtuung?

Es war Ekel.

Sie haben 1947 in den USA zum Gattenmord aufgerufen, ihr Song ,Please shoot your Husband' wurde aber als "unamerikanisch" abgelehnt. Hatten sie damals Angst, vor den McCarthy-Ausschuss zu kommen?

Ja. Ich hatte Angst, keinen Pass mehr zu bekommen. Allerdings nicht wegen der Lieder, sondern weil ich auch kommunistische Freunde hatte. Ich selber war nicht in der Partei, ich war schon damals gegen den Kommunismus. Ich bin bis heute zwar links, war aber nie für so einen Sozialismus, wie er in der DDR praktiziert wurde.

Wie war das, als Sie dann nach Wien sind und dort mit Qualtinger, Bronner und anderen Kabarett gemacht haben?

Alle haben mich a bissel enttäuscht, ich hatte gehofft, sie wären angriffslustiger.

Von außen betrachtet wirkt Ihr Leben mit seinen vielen Stationen unstet und gehetzt.

Ja, Sie haben recht, ich bin ruhelos, ich sage immer: Ich bin ein Fortgeher! Wenn ich irgendwo Schwierigkeiten habe, dann gehe ich woandershin. Allerdings bin jetzt seit vielen Jahren in Salzburg zufrieden und glücklich. Aber ich bin ja auch bald 89.

Ein ruheloser Fortgeher

Sie haben viele Berühmtheiten getroffen und unter anderem mit Charlie Chaplin zusammengearbeitet.

Ja, das war für "Monsieur Verdoux" (1947), er hat mir die Filmmusik vorgepfiffen, ich habe sie in Noten aufgezeichnet und zu Hanns Eisler gebracht, der hat dann alles instrumentiert. In den Szenen, in denen Chaplin Klavier gespielt hat, habe in Wirklichkeit ich gespielt. Übrigens hatte der Film wenig Erfolg, Verdoux bringt ja seine Frau um und weigert sich in der Todeszelle, mit einem Priester zu sprechen. Deshalb wurde der Film in den USA zensiert.

Ist die antiklerikale Haltung auch Ihre?

Ich bin ein sehr gottesgläubiger Mensch, aber ich halte nichts von Religion. Religion ist von Menschen erfunden, und Gott ist etwas, was wir nicht durchschauen können, was über unserem Horizont liegt.

Wenn Sie geografisch nirgends wirklich zu Hause sind, sind Sie dann in einer Kultur zu Hause?

Das ist mit Sicherheit die deutsche Sprache. Ich habe mit dem Englischen nicht Schritt gehalten, ich lebe sehr in der deutschen Sprache.

Sie sind jetzt auf Abschiedstournee. Blicken sie mehr zurück oder mehr voraus?

Voraus! Zurückblicken? Wenig.

Sie ziehen also noch keine Bilanz?

Nein, eine Bilanz sollen andere ziehen, wenn ich nicht mehr da bin.

Zur Person

Biografie: Der Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts wurde 1922 in Wien geboren, nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Nazireich emigrierte die Familie in die USA. Über seinen Vetter Walter Reisch, einen erfolgreichen Drehbuchautor, erhielt der musikalisch begabte Georg Kreisler Kontakte in Hollywood, dort heiratete er als 19-Jähriger die Tochter des Komponisten und Kabarettisten Friedrich Hollaender. Kreisler wurde 1943 in die US-Army eingezogen, er war dort Unterhaltungskünstler und Dolmetscher. Nach dem Krieg spielte er in New Yorker Nachtclubs Klavier, Mitte der fünfziger Jahre ging er zurück nach Wien, weitere Stationen in seinem bewegten Leben sind München, Berlin, Israel, Basel und Salzburg, wo er mit seiner dritten Frau Barbara Peters lebt.

Karriere: Auch wenn Kreisler am bekanntesten als Kabarettist ist, versteht er sich vor allem als Musiker und Schriftsteller. Neben seinen Liedern hat er Romane, Kurzgeschichten und Essays geschrieben, Musicals und Opern.

Termin: Freitag, 20 Uhr, Renitenztheater Stuttgart. Der Abend ist ausverkauft.