Georges Simenon, der Erfinder von Kommissar Maigret Lieber Chauffeur und Jacht als Poetenarmut

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Anfangs war er Groschenschreiber: Der Belgier Georges Simenon hat im Akkord Herz-Schmerz-Schmonzetten getippt. Dann erfand er Kommissar Maigret und wurde weltberühmt. Gleich zwei deutsche Verlage bringen jetzt sein Riesenwerk neu heraus – erstmals vollständig.

Georges Simenon (1903-1989) steht hier vor Belegexemplaren seiner Bücher – aber das Regal fasst nur einen winzigen Ausschnitt seines enormen Schaffens. Foto: Getty
Georges Simenon (1903-1989) steht hier vor Belegexemplaren seiner Bücher – aber das Regal fasst nur einen winzigen Ausschnitt seines enormen Schaffens. Foto: Getty

Paris - Da macht man sich die Finger schmutzig, da wird man wie ein Verbrecher behandelt, da muss man also dabei sein! Am Abend des 20. Februar 1931 drängt die Pariser Kulturschickeria in die Nachtbar Boule Blanche am Montparnasse, wo der „Bal anthropométrique“ steigt. Wer keine der mit blutigen Tapsern signierten 400 Einladungen ergattert hat, drängt sich so hinein, und wer das nicht schafft, wird später trotzdem behaupten, dabei gewesen zu sein. Es ist die Party der Saison, vor allem aber, und das ahnen die wenigsten, ein markanter Moment der Literaturgeschichte.

Auto, Chauffeur, Yacht

Der Gastgeber der Fete, deren Gäste am Eingang die Fingerabdrücke abgenommen bekommen, als würden sie verhaftet, ist kein Kulturstar, aber ein bunter Hund, den man aus den Künstlerkneipen kennt: der Belgier Georges Simenon, ein Groschenheftautor, der mit Picasso säuft, alle Bordelle der Stadt frequentiert und Schmonzetten schreibt wie andere Leute Postkarten. Mit 16 Jahren hat er als Lokalreporter mit dem professionellen Schreiben begonnen, Journalist ist er immer noch nebenbei, er war auch mal Privatsekretär eines Adligen, vor allem aber hackt er Schund im Akkord in die Tasten. Das Ideal des armen Poeten ist für ihn keines, er hat sich eine Liste gemacht, was ihm die Schufterei an der Schreibmaschine einbringen soll: Auto, Chauffeur, Yacht.

Vorerst hat er ein altes Flußschiff zum schwimmenden Wohnbüro umbauen lassen, ist mit dem gerade zwei Jahre umhergeschippert und hat von unterwegs Reportagen, Mordgeschichten und Herz-Schmerz-Märchen geliefert. Der „Bal anthropométrique“ soll aber nicht bloß ankündigen, dass er zurück in Paris ist. Nach 187 Groschenromanen hat Simenon etwas anderes versucht, hat einen ernsteren Krimi um einen Pariser Polizisten geschrieben. Das Manuskript brachte den Verleger dazu, vom Fleck weg weitere Romane mit Kommissar Maigret zu bestellen.

Der große Durchbruch

Nun feiert Simenon den „Bal anthropométrique“ als Werbegag für den Verkaufstart des Krimis, und wer glaubt, nun sei der Vielschreiber und manische Frauenheld größenwahnsinnig geworden, der irrt. Dies ist der große Durchbuch. Simenon wird in den kommenden Jahrzehnten 75 Romane um die schließlich weltweit populäre Figur Maigret liefern, die auch Kino und Fernsehen früh und immer wieder aufgreifen werden.

Damit ist der Mann, der seine kurzen Bücher in zehn, manchmal auch nur in sieben Tagen abschließt, weil er die erschöpfende Anspannung, die völlige Versenkung in den ausgedachten Charakteren nicht länger aushalten kann, nicht zufrieden. Er schreibt über 100 weitere Romane ohne Maigret, die nicht nur er nachvollziehbarerweise für die interessanteren hält.

Erste deutsche Gesamtausgabe

Und so hätte es eigentlich einen weiteren „Bal anthropométrique“ gebraucht, als zwei deutsche Verlage, Kampa und Hoffmann & Campe, nun ein Mammutprojekt gestartet haben: die erste deutschsprachige Gesamtausgabe des erzählerischen Werks. Zwar war Simenon, nachdem sein Werk einige Verlage durchlaufen hatte, bei Diogenes jahrzehntelang in guten Händen – zumindest was die Maigret Romane angeht.

Aber was der ehemalige Diogenes-Angestellte Daniel Kampa und Hoffmann & Campe nun wagen, das sind eben nicht nur Neuübersetzungen bekannter Krimis. Endlich werden Werke wie die Ehebruchsgeschichte „Das blaue Zimmer“ und das Resozialisierungsdrama „Die Witwe Couderc“ in Neuübersetzungen wieder zugänglich, obendrein sollen Simenons Erzählungen, Essays und Reportagen erscheinen.

Kleines Werkzeug, große Literatur

Von den Memoirenbänden, die Simenon in den zwei Jahrzehnten vor seinem Tod 1989 auf Tonband sprach, sollten Einsteiger zwar die Finger lassen. Alles andere aber bleibt revolutionär. Simenon schrieb programmatisch einfach, denn elegante Phrasen schienen ihm eine Ablenkung, wenn nicht gar ein Hindernis bei seinem großen Projekt, Menschen und alltägliche Dramen zu begreifen.

Beim Blick auf Simenons sprachlichen Werkzeugkasten würden viele noch heute wetten, daraus ließe sich überhaupt nichts bauen. Aber wenn man die Romane liest, muss man sich auf die Seite der Schriftsteller André Gide oder Alfred Andersch schlagen, die in den kleinen Romanen Simenons ganz große und immer zugänglich bleibende Weltliteratur erkannten.