Geothermie-Bohrungen Der schwere Abschied von der Erdwärme

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Seit August dürfen Geothermieunternehmen nicht mehr in die Tiefe bohren. Das bringt nicht nur sie in Schwierigkeiten, sondern auch ihre Kunden.

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Böblingen - Die Erdwärmebohrungen, die Ende Juli im Leonberger Stadtteil Eltingen (Kreis Böblingen) Risse an mehr als zwanzig Gebäuden verursacht haben sollen, haben nicht nur den dortigen Hausbesitzern geschadet. In der Folge hat das Land Baden-Württemberg Mitte August Bohrungen verboten, die tiefer als bis zur ersten grundwasserführenden Schicht reichen. Darunter leiden nun die Bohrfirmen im Südwesten - insgesamt handelt es sich um etwa 25 überwiegend mittelständische Unternehmen - und ihre Kunden.

Beispielsweise das Bauunternehmen Gottlob Stäbler aus Weil der Stadt: die Firma errichtet am Marktplatz von Weil der Stadt (Kreis Böblingen) ein mehrstöckiges Gebäude mit sechs Eigentumswohnungen, im Erdgeschoss ist außerdem Platz für ein Geschäft. Das Haus sollte ursprünglich mit Geothermie beheizt werden - die "effizienteste Technologie, um Energie zu sparen", findet Dorothe Stäbler, die bei dem Unternehmen den Vertrieb leitet.

An der Baugrube sieht man auch immer noch das große Schild, das mit Erdwärme wirbt. Doch Ende August erhielt das Bauunternehmen Stäbler einen Bescheid, dass das Böblinger Landratsamt die Bohrung untersagt habe. Der Grund dafür: vier Löcher sollten bis in eine Tiefe von 140 Metern hinabgetrieben werden, um Energie aus der Erde gewinnen zu können. Das ist jedoch wesentlich tiefer, als die neue Vorgabe des Landes gestattet.

Die Betroffenen sind verzweifelt

Insgesamt sind im Landkreis Böblingen elf Bauherren von dem Bohrverbot betroffen. Andere hatten vom Landratsamt bereits eine Genehmigung erhalten, die nicht zurückgezogen werden kann. Allerdings riet die Behörde diesen Bauherren in einem Schreiben, die Bohrungen zunächst einmal nicht fortzusetzen - viele hätten die Arbeiten daraufhin gestoppt, wie Bohrfirmen in der Region berichten.

"Manche unserer Kunden sind mehr als verzweifelt", sagt der Mitarbeiter eines Geothermieunternehmens aus dem Landkreis Reutlingen. "Sie wollten Weihnachten schon in ihrem fertigen Haus verbringen, das mit Erdwärme beheizt werden sollte. Viele hatten sich gar keinen Plan B überlegt", sagt er. Einige Bauherren planen aufwendig um, andere warten, dass tiefere Bohrungen wieder gestattet werden.

Immerhin findet sogar Wolfgang Röckel, dass Energiegewinnung durch Geothermie grundsätzlich eine "gute Technologie" sei. Der CDU-Stadtrat vertritt in Leonberg die Hausbesitzer, die auf eine Entschädigung warten. Wichtig sei, dass die Firmen die Technik beherrschen, sagt Röckle.

Schwierige Situation für Bauherren und Unternehmen

Es ist "schade, dass eine ganze Branche wegen des Fehlers eines Einzelnen leiden muss", meint Dorothe Stäbler. Sie findet, genauso wie die Vertreter der Bohrfirmen, dass das Desaster in Leonberg nicht der gesamten Geothermiebranche anzulasten sei, sondern auf den Versäumnissen Einzelner beruhe. Doch die Folgen müssen alle Unternehmen tragen. Dazu gehört die Firma Burkhardt aus Neuweiler im Kreis Calw. Sie hätte beim Stäbler-Neubau am Marktplatz in Weil der Stadt die Bohrungen ausgeführt, doch jetzt sitzt das Unternehmen mit seinen 25 Beschäftigten auf dem Trockenen. "Das ist eine sehr schwierige Situation", sagt eine Mitarbeiterin.

Wann im Land wieder in die Tiefe gebohrt werden darf, ist noch nicht absehbar. Der grüne Umweltminister Franz Untersteller verlangt von den Unternehmen bessere Sicherheitsstandards, höhere Versicherungssummen bei Schadensfällen und eine raschere Entschädigung, wenn in der Nachbarschaft Risse auftreten. Wie lange es dauert, bis er sich mit der Branche einigt, ist unklar.

Zwar hoffen die Firmen, dass das Verbot tiefer Bohrungen schon in wenigen Wochen vom Umweltministerium in Stuttgart aufgehoben wird. Doch so lange können viele private Bauherren nicht warten - und das Bauunternehmen Stäbler noch viel weniger. "Wir haben einige der Eigentumswohnungen am Marktplatz bereits verkauft, die Übergabe ist für den kommenden September vereinbart", sagt Dorothe Stäbler. Deshalb muss die Firma jetzt auf andere erneuerbare Energien zurückgreifen: Auf dem Dach werden Sonnenkollektoren installiert, eine sogenannte Luft-Wasser-Wärmepumpe soll die Heizung unterstützen. Das ist aber lediglich als Ergänzung zu verstehen. "Wenn die Erdwärme wegfällt, wird es ohne Öl und Gas nicht gehen", ist sich Dorothe Stäbler sicher.

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