Damit ist ein Rechtsstreit von unbekanntem Ausmaß und unkalkulierbarer Länge wohl nicht mehr zu vermeiden. Wann die Entschädigungen für die Betroffenen fließen, ist somit unklar. Denn die Sachlage ist komplex: Gutachten stehen gegen Gutachten, fachliche Spezialisten sind gefordert, die Fronten verhärtet, und es geht um viel Geld.
Die Schäden sind teilweise verheerend
Letztendlich geht es um fünf Million Euro und die Frage, wie viel Geld den Hausbesitzern in einem der beiden betroffenen Schadensgebiete als Entschädigung zusteht. Ab dem Jahr 2011 hat sich dort die Erde gehoben, weil bei den Bohrungen Wasser in den Untergrund gedrungen ist, das die dort befindliche Gipsschicht zum Aufquellen brachte. Die Schäden an Häusern, Straßen und Leitungen sind teilweise verheerend – bis hin zum Gebäudetotalschaden.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Erster Betroffener reißt sein Haus ab
Die IGE, die knapp 200 Geschädigte in ganz Böblingen vertritt, fordert nun von der Allianz zehn Millionen Euro Schadenersatz. Ein Betrag, der gerade reichen würde, um alle Schäden der geschätzt 100 Privatbesitzer im betroffenen Hebungsgebiet zu regulieren. 10,968 Millionen, haben die Gutachter errechnet, sind hierfür fällig.
Ein Gutachten geht von zwei Versicherungsfällen aus
Die Interessenvertreter berufen sich mit ihrer Forderung auf ein Gutachten, das das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau erstellt hat. Die Expertise kommt zu dem Ergebnis, dass es sich in dem südlichen Areal um zwei verschiedene Hebungsgebiete handelt. Damit wären diese auch als zwei Versicherungsfälle zu werten. Folge: Statt fünf Millionen Euro müsste die Allianz zehn Millionen Schadenersatz an die Betroffenen überweisen. Eine Sicht, die offenbar auf wenig Gegenliebe bei der Versicherung stieß. Ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten kam zu dem Schluss, dass es sich um nur einen Versicherungsfall handelt.
Die Geschädigten werfen der Allianz Blockade vor
In einer Pressemitteilung kritisiert die IGE die Haltung der Allianz. Diverse Versuche, sich außergerichtlich zu einigen, seien an der Versicherung gescheitert. Auch ein Schiedsgerichtsverfahren, das Zeit und Kosten gespart hätte, habe der Konzern abgelehnt. „Wir waren immer kooperativ und verhandlungsbereit“, sagt Werner Schubert vom IGE-Vorstand. Am Gutachten der Versicherung lassen die IGE und ihr Anwalt ebenfalls kein gutes Haar: Das beinhalte zahlreiche methodische und inhaltliche Mängel.
Sabine Schaffrath, Pressesprecherin der Allianz, sieht keinen anderen Ausweg, als eine juristische Lösung: „Es gibt hier nur schwarz oder weiß“, sagt sie. Schaffrath betont, dass man Verständnis für die Situation der Betroffenen habe, sie weist aber auch darauf hin, dass ihr Unternehmen nicht Summen auszahlen könne, die vielleicht ungerechtfertigt seien. Dies könne zu Problemen mit der Aufsichtsbehörde führen.
Der Landrat sagt Unterstützung zu
Wenig Verständnis für die Haltung der Versicherung zeigt dagegen Landrat Roland Bernhard. Er sei enttäuscht von der Allianz, sagte er. Es könne nicht sein, dass der Konzern die Situation aussitze, nur weil er sich am längeren Hebel befinde. Der Landkreis Böblingen, dem Kritiker Versäumnisse bei der Aufsicht der Geothermiebohrungen vorwerfen, sei bereit, „Seite an Seite mit der IGE zu kämpfen, damit der Schaden endlich ersetzt wird“, heißt es in einer Pressemitteilung. Wann es zum Prozess vor dem Landgericht Stuttgart kommt, ist bisher nicht bekannt.