Geplante Einschränkungen im Handel Scharfe Kritik von Stuttgarter Händlern an der Politik

Kleine Händler wie Kallas in der Tübinger Straße trifft die Kundenbegrenzung hart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Kleine Händler wie Kallas in der Tübinger Straße trifft die Kundenbegrenzung hart. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Verschärfung der Kundenzahl im Einzelhandel bringt vor allem kleinere Läden in Bedrängnis. Die Folge aus Sicht der Händler: ein Tiefschlag fürs Weihnachtsgeschäft.

Lokales: Martin Haar (mh)

Stuttgart - Die Verschärfung für die Kundenzahl löst im Einzelhandel Alarmstimmung aus. Die Regelung nur noch einen Kunden je 20 Quadratmeter bei Läden über 800 Quadratmeter, zehn Quadratmeter je Person bei Läden unter 800 Quadratmeter statt wie bisher pro zehn Quadratmeter Verkaufsfläche zuzulassen, sei ein Ansinnen „ohne Sinn und Verstand“, wie Norbert Kallas vom gleichnamigen Modeladen in der Tübinger Straße 19 A sagt.

Sven Hahn, der Citymanager, nimmt die Kritik an der Politik auf und nennt die Pläne einen „großen Mist“. Auch Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg, schüttelt ob der Corona-Politik des Bundes und der Länder nur noch den Kopf: „Man fragt sich schon, was denen im Kopf rumschrabbt“, sagt Hagmann, „das wird die Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung weiter vermindern.“

Lesen Sie hier: Das sind die neuen Maßnahmen im Überblick

Im Einzelhandel besteht Einigkeit, was den Erfolg des bisherigen Infektionsschutzes anbelangt. Der Tenor lautet: Die Hygienekonzepte der Handelsunternehmen hätten sich bewährt, es gebe keine Corona-Hotspots beim Einkaufen. Deshalb gebe es auch keinen Grund, die Regeln zu verschärfen. Auch bei den Folgen so einer Verschärfung ist man sich einig: Die ohnehin schwach frequentierte Innenstadt werde noch mehr gemieden, der angeschlagene Handel kommt noch stärker in Bedrängnis. Denn das beginnende Weihnachtsgeschäft macht je nach Sortiment und Händler etwa ein Drittel des Jahresumsatzes aus.

350 000 Passanten weniger im November

Sven Hahn nennt Zahlen zu den Rückgängen im Teil-Lockdown. Von Anfang November bis zum 24. November seien 604 000 Menschen in der Königstraße Süd gezählt worden. Im Vergleichszeitraum vor einem Jahr waren es etwa 350 000 mehr. „Das sind alles potenzielle Kunden.“ Den Rückgang spürt Norbert Kallas wie alle Textil, Leder- oder Kosmetikhändler in der Stadt noch stärker. „Seit dem Lockdown ist unser Umsatz um 50 Prozent eingebrochen. Daher setzen wir alle Hoffnung auf das Weihnachtsgeschäft. Doch so wird das nichts.“

Die Gründe liegen auf der Hand. Eine Verschärfung der Flächenregelung bedeutet gemäß den Erfahrungen aus dem ersten Lockdown, dass sich vor den Läden lange Schlangen bilden. Kallas rechnet damit, dass dies an einem Samstag Wartezeiten von bis zu einer halben Stunde bedeuten könnte. Bisher durften sechs Kunden und zwei Verkäuferinnen auf seine 80-m²-Fläche. Nach früheren Plänen wären es zwei Kunden und zwei Verkäuferinnen gewesen. Der größte Schaden ist nun nicht eingetreten. Dennoch herrscht Unverständnis. „Im Frühjahr haben das manche noch gemacht“, sagt der Modehändler, „aber in dieser Jahreszeit macht das keiner. Die Politik wird zunehmend lebensfremder.“

Wohin das führt, weiß nicht nur Sven Hahn. „Die Umsätze werden jetzt noch stärker digital gemacht.“ Erst kürzlich bestätigte das Ebay-Deutschlandchef Oliver Klinck. Die Einschränkungen im stationären Einzelhandel lassen die Geschäfte des Online-Marktplatzes brummen. „Allein in der ersten Jahreshälfte kamen so viele neue Kunden zu uns wie im gesamten Jahr 2019. Ende 2019 zählten wir 18 Millionen aktive Kunden. Inzwischen sind viele weitere dazugekommen.“ In der Konsequenz bedeutet das, was Verbände, Kommunen und Händler schon lange anmahnen: Den Innenstädten droht eine Verödung. Nicht zuletzt deshalb hatte Sabine Hagmann zuletzt die Kommunen zu einem Schulterschluss aufgerufen. Auf der Jahrespressekonferenz des Handelsverbandes hatte sie im Hinblick auf eine drohende Insolvenzwelle und eine Verödung der Innenstadt eine Liste an Forderungen aufgestellt. „Wir brauchen eine weihnachtliche Dekoration in der Innenstadt und eine entsprechende Beleuchtung. Wir brauchen kostenloses Parken, kostenlosen ÖPNV, eine Erleichterung bei bürokratischen Prozessen und die Zulassung von verkaufsoffenen Sonntagen ohne Anlass.“

Kostenloses Parken gefordert

Auf eine Anfrage unserer Redaktion mit der Bitte um Stellungnahme bei der Stadt Stuttgart und den betroffenen Referaten zu diesen Forderungen am vergangenen Mittwoch hat die Stadt bis heute nicht reagiert. Sabine Hagmann kommentiert das Gebaren so: „Man lässt die Innenstadt am langen Arm verhungern. Andere Kommunen in der Region Stuttgart setzen kostenloses Parken oder kostenlosen ÖPNV am Samstag schon um.“ Und zu den Auswirkungen der Verschärfung der Kundenzahl meint sie: „Man müsste Händlern die Wahlfreiheit geben, ihre Läden unter diesen Bedingungen zu schließen, damit sie wie andere Branchen im November unter einen Rettungsschirm gehen können.“




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