Von den Sparplänen des Landrats sind auch die zwölf Familientreffs im Kreis betroffen. Die Angebote würden komplett wegfallen. Die Verantwortlichen sind erschüttert.

Traurig, fassungslos, wütend: Mit dieser Mixtur aus Gefühlen haben die Verantwortlichen der Familientreffs im Kreis Göppingen auf die Sparpläne des Landrats Markus Möller reagiert. Wie berichtet, soll der verschuldete Landkreis entlastet werden: Eine Streichliste umfasst mehr als 80 Posten; darunter fallen auch die Familientreffs. Geht es nach den Sparplänen, soll dieses Angebot komplett gestrichen werden.

 

Zwölf Familientreffs gibt es bisher im Landkreis: in Geislingen im Mehrgenerationenhaus und in der Liebknechtstraße, im Degginger Bürgerzentrum sowie zweimal in Göppingen, in Bad Boll, Ebersbach, Eislingen, Salach, Rechberghausen, Süßen und Uhingen. Bei diesem Angebot handelt es sich um offene Orte, die Eltern oder auch Großeltern mit ihren Babys und Kleinkindern besuchen können. Es geht darum, Kontakte zu knüpfen, sich gegenseitig zu unterstützen und in einen Austausch zu kommen – aber auch darum, die Eltern-Kind-Beziehung sowie die Erziehungskompetenz und -verantwortung zu stärken. Die Teilnehmer erhalten Hilfe in Erziehungs-, Partnerschafts- und allgemeinen Lebensfragen. Regelmäßig besuchen Hebammen die Familientreffs und geben Tipps für den Alltag mit Babys. Außerdem gibt es Vorträge, zum Beispiel zu Gesundheitsthemen. Bei Bedarf werden Eltern auch zum Jugendamt begleitet und bei Behördengängen unterstützt.

Herausforderungen für Eltern haben zugenommen

„Familientreffs sind ein unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Infrastruktur im Landkreis“, betont Nathalie Schönfeld von der Caritas Region Fils-Neckar-Alb, dem Träger der beiden Familientreffs in Geislingen sowie in Süßen und Salach „Sie schaffen Begegnung, Gemeinschaft und Integration und ermöglichen Familien echte Teilhabe. Wenn diese Anlaufstellen wegfallen, entstehen Lücken, die kein Amt schließen kann“, ergänzt sie. Die Angebote der Familientreffs „wirken, bevor Probleme eskalieren, und entlasten dadurch langfristig Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Sozialverwaltung“.

Schönfeld betont: Die Kosten für Inobhutnahmen, stationäre Jugendhilfemaßnahmen oder therapeutische Interventionen „liegen um ein Vielfaches höher als präventive Angebote vor Ort“. Wer an Prävention spare, zahle am Ende doppelt – „finanziell und gesellschaftlich“.

Gundula Röhm, die den Familientreff im Geislinger Mehrgenerationenhaus leitet, betont, dass die Herausforderungen für Eltern zugenommen haben: Vor allem seit Corona seien die Beratungsbedarfe gestiegen.

Aber auch durch gesellschaftliche Entwicklungen wie Kriege, Arbeitslosigkeit und allgemeine Teuerungen nehme die Chancengleichheit ab. Durch die Familientreffs gelinge es, Isolation aufzubrechen und Teilhabe zu ermöglichen. „Wenn dieses niederschwellige Angebot abgeschafft wird, besteht die Gefahr, dass es zu Überforderung in Belastungssituationen kommt.“ Die Nachfrage nehme aktuell stark zu: Immer mehr Eltern besuchen die Familientreffs. Fallen diese weg, „haben die Eltern von Kleinkindern keine Ansprechstelle mehr“.

Studien: Unterstützung durch die Familientreffs wirksam

„Im Familientreff trifft sich die Welt“, sagt Nora Maier, Leiterin des Treffs in der Geislinger Liebknechtstraße. Menschen aller Nationalitäten, Religionen und Bildungsschichten seien willkommen. Maier weiß, dass die ersten drei Lebensjahre eines Kindes für viele herausfordernd sind: „Manche kommen im Alltag an ihre Grenzen. Hier können wir unterstützen, sodass die Eltern wissen: Sie sind nicht alleine. Und wir können Brücken bauen zwischen Müttern, die dieselben Probleme haben.“

Mehrere Evaluationen hätten in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Unterstützung durch die Familientreffs wirksam sei, ergänzt Röhm. „Es geht um Prävention: also um das Einschreiten, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Im Landkreis Göppingen gebe es kein vergleichbares Angebot für Eltern mit Kleinkindern. „Mütter, die hier aufgefangen werden, wären dann alleine. Dann entstünde noch mehr Überforderung, sodass es auch zu Kindeswohlgefährdungen kommen könne – körperlich und emotional“, gibt Röhm zu bedenken. Die Streichliste bringe derzeit zahlreiche Eltern aus der Fassung, ergänzt Nora Maier: „Es kommen momentan viele zu uns, die weinen, Angst haben und fragen, wo sie hingehen sollen, wenn es die Familientreffs nicht mehr gibt“, berichtet Maier. Sie betont: „Die Verunsicherung ist groß. Das bricht mir das Herz.“

„Darin liegt eine große Dramatik“

Demonstration
Am Freitag, 7. November, kommt der Kreistag zur zweiten Lesung des Haushaltsplanentwurfs zusammen. Eine Demonstration gegen die Sparpolitik des Landkreises ist für diesen Tag in Göppingen geplant: Daran wollen sich auch die Verantwortlichen der Familientreffs beteiligen.

Sorge
Nathalie Schönfeld von der Caritas Region Fils-Neckar-Alb bezeichnet die Streichliste und den kompletten Vorgang als beispiellos – auch deshalb, weil es sich nicht nur um Kürzungen von Zuschüssen handelt, sondern um restlose Streichung der Angebote. Darin liege eine große Dramatik: „So wurde noch nie vorgegangen. Die Befürchtung anderer Landkreise ist jetzt auch, dass das Schule macht.“