Geplante Waldschwimmrinne bei Langenburg Schwimmrinne über dem Jagsttal
Der Langenburger Unternehmer Wolfgang Maier plant eine spektakuläre Erweiterung seiner Wellnessanlage Mawell über dem Jagsttal.
Der Langenburger Unternehmer Wolfgang Maier plant eine spektakuläre Erweiterung seiner Wellnessanlage Mawell über dem Jagsttal.
Langenburg - Eine verrückte Idee nimmt Gestalt an“, meldet die Lokalpresse. „Ein absolutes touristisches Novum“, lobt der Bürgermeister. „Sehr kreativ“, urteilt der Fürst. Der Bauherr selbst ist ohnehin überzeugt von seiner Idee: Wolfgang Maier will eine sogenannte Waldwipfelschwimmrinne über dem Jagsttal bei Langenburg (Kreis Schwäbisch Hall) bauen.
Die Vorgeschichte: Im Jahr 2013 hat der umtriebige Hohenloher Unternehmer Wolfgang Maier nach fünf Jahren Planungs- und Bauzeit an der Hangkante zum Jagsttal in Langenburg das Mawell-Resort – eine Wortschöpfung aus seinem Namen und dem Begriff Wellness – eröffnet. Fast 30 Millionen Euro hat sich Maier die Anlage bisher kosten lassen.
Der Hausherr empfängt nun in der neuen Eingangshalle: Dutzende Baumstämme ragen zur Decke, opulente Sofas und Sessel laden zum Loungen ein, historische Fahrzeuge dienen als Kaffee- und Gin-Bar, an einer Seite lehnen zwei Hochsitze. Dekor im Disneyland-Stil? Für Wolfgang Maier, im Imageflyer als „Bauunternehmer, Hoteleigentümer, Visionär“ geführt, ist das Mawell „ganz natürlich, ganz authentisch, ganz gemütlich“.
Die Anlage mit 76 Zimmern und Suiten sowie einer Wellnesslandschaft auf mittlerweile 5500 Quadratmetern kommt jedenfalls bei den Gästen gut an, sie sind vornehmlich aus der Gegend um Stuttgart, Heilbronn und dem Rhein-Main-Gebiet. Die Auslastung liegt laut dem Betreiber bei „80 bis 90 Prozent“, das Mawell arbeite kostendeckend. Der Jahresumsatz beträgt den Angaben zufolge 6,5 Millionen Euro. 140 Menschen, viele aus der Region stammend, arbeiten in der Anlage. Der Wellness-Führer „Relax Guide“ bewertet das Mawell als Spitzenbetrieb mit drei von maximal vier Lilien. Kritik an der Ästhetik zielt vor allem auf den 38 Meter hohen Turm der Anlage, der etwa die „Süddeutsche Zeitung“ an „den Ausguck einer DDR-Grenzanlage oder einen Flughafen-Tower“ erinnert. Ihn habe es selbst überrascht, dass dies seinerzeit genehmigt worden sei, gibt Maier mit entwaffnender Offenheit zu.
Nun plant der gebürtige Bauernsohn aus dem nahen Weiler Atzenrod, für rund 15 Millionen Euro den Hotel- und Wellnesskomplex zu erweitern. Die Pläne sehen ein Hallenbad vor und als zusätzliche Attraktion die besagte Waldwipfelschwimmrinne. Die hölzerne Rinne soll ausgehend vom neuen Hallenbad – „umarmt von unberührter Natur“, so der Imagetext – über 270 Meter Länge zwischen den Baumwipfeln verlaufen und wieder zum Hallenbad zurückführen. Metallstehlen, die im Wald verankert sind, tragen das fünf bis 30 Meter hohe Bauwerk. Vom Turm hinab deutet Maier den Verlauf an: „Sie sehen, wir bauen um die Bäume herum.“ Dass die Hälfte des Waldes dem Eschensterben zum Opfer fallen könnte, ficht ihn nicht an. „Das ist ein Südhang, da wächst alles saumäßig“, gibt er im breiten Hohenloher Dialekt zurück.
„Mit dem Bau wird in den Hang des Jagsttals eingegriffen“, konstatiert der Biologe Matthias Wolf aus Schwäbisch Hall, der im Auftrag des Unternehmers den Umweltbericht erstellt und nach eigenen Angaben die „Wirkungen auf die Landschaft und das Landschaftsbild einer kritischen Überprüfung“ unterzogen hat. Das Ergebnis der 48-seitigen Bewertung: Er empfiehlt, die Fassade des neuen Schwimmbads zu begrünen – mit echter Zaunwinde, Hopfen oder Weinrebe. Neben der gebotenen Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten von Fledermäusen, Brutvogelarten und Reptilien rät Wolf als Kompensation, vulgo Ablass, zu einer einmaligen Zahlung für die Landschaftspflege im Jagsttal in Höhe von 2,5 Prozent der Baukosten. Das entspräche stattlichen 375 000 Euro, zusätzlich zu knapp einer Million Euro Steuern und Gebühren, die aus dem Wellnesstempel ohnehin jährlich in das Langenburger Säckel fließen. Über den Zuspruch in der recht strukturarmen Region mag man sich da nicht wundern.
Jüngst hatten die Stadträte und der Bürgermeister über das Vorhaben zu entscheiden. Darunter sind die einflussreichsten Langenburger: der Unternehmer Maier, der mit dem Bau von Fertigställen ein Vermögen gemacht hat und mit seiner Lebensgefährtin im Mawell lebt, und der andere wichtige Mann im Städtchen, Philipp Fürst von Langenburg, der mit seiner Familie in Sichtweite rund 800 Meter entfernt im historischen Schloss Langenburg lebt. Der Adelige, der ein Automuseum und einen Kletterpark betreibt, bewertet die Wellnessanlage als „riesigen Gewinn“ für die Stadt und sieht „keine Beeinträchtigung durch das Mawell beim Blick auf das Schloss“. Zu diesem Urteil kommt – freilich auf Nachfrage – im Übrigen auch das Landesdenkmalamt. Der Langenburger Stadtrat ist ohnehin von der Sinnhaftigkeit des Vorhabens überzeugt: Mit einer Gegenstimme wurde jüngst der Aufstellungs- und Entwurfsbeschluss gefasst.
Der Ausscherer heißt Johann Pollanka und ist kein gebürtiger Langenburger. Als Vorstand des Heimatvogelschutzvereins widersetze er sich dem Plan aus „naturschutzfachlicher Sicht“. Pollanka sagt: „Wenn das verwirklicht wird, sehe ich eine Grenze überschritten.“ Die Rinne sei prägend für das Landschaftsbild, es sei eine „Anmaßung“, dafür rund 6000 Quadratmeter Wald zu entwidmen. Rechtlich spricht freilich wenig gegen das Vorhaben. „Der geplante Bau geht genau bis an die Grenze des Landschaftsschutzgebiets und eines geschützten Biotops“, stellt Martin Zorzi vom Umweltzentrum Kreis Schwäbisch Hall fest, zu dem sich nahezu alle Umwelt- und Naturschutzverbände des Landkreises zusammengetan haben. Der Baugrund – das Gelände beherbergte einst eine Ferienanlage und trägt die hübsche Flurbezeichnung Roseneck I und II – liegt zudem etwa 100 Meter von einem geschützten Flora-Fauna-Habitat (FFH) entfernt. „Beim Landschaftsschutzgebiet und geschützten Biotop haben wir keine Einwirkungsmöglichkeiten“, sagt Zorzi. Beim FFH-Gebiet und den betroffenen Arten will das Umweltzentrum jedoch genau prüfen, ob das Vorhaben nicht gegen die Vorschriften verstößt.
Hinter vorgehaltener Hand schimpft so mancher Langenburger über das „Monstrum“ über dem Jagsttal. Öffentlich will freilich niemand Stellung beziehen. Bis zum 4. Januar hatten die Bürger Gelegenheit, die Pläne im Rathaus einzusehen. Das Interesse war nicht groß: Lediglich drei Einwohner hätten die Möglichkeit genutzt, teilt Bürgermeister Wolfgang Class mit.