Geraldine Schüle im Schwarzwald Influencer-Paar saniert 500 Jahre alten Bauernhof

Geraldine Schüle und Patrick Ortlieb haben den Schwarzwaldhof vor fünf Jahren gekauft. Foto: Franka Sophie Fotografie, privat, KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Geraldine Schüle und ihr Mann Patrick sanieren einen uralten Schwarzwaldhof und leben dort als Selbstversorger. Wie ihnen das gelingt, teilen sie mit einer breiten Öffentlichkeit.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Die Küchenhexe ist in dieser Jahreszeit das Herzstück. Würde die Mischung aus Ofen und Herd nicht den ganzen Tag vor sich hin knistern, könnte Geraldine Schüle nicht so gemütlich mit Kaffee hier im Bauernküchlein sitzen. Sie legt, wie automatisiert, regelmäßig Holz nach. Es ist ihr dritter Winter an diesem besonderen Ort: einem fast 500 Jahre alten Schwarzwaldhof. Die neue Zentralheizung unten im Keller ist noch nicht angeschlossen. Bauernküche und Stube sind aktuell die einzigen Räume, die die Familie heizen kann. Das ist nichts, wenn man bedenkt, dass Geraldine Schüle und ihr Mann Patrick Ortlieb 2020 insgesamt 450 Quadratmeter Wohnfläche gekauft haben.

 

Obschon Sanierungsfall im Großformat und zugemüllt bis unters Dach – beschlossen war es in vier Tagen, dass sie das Riesengehöft im Südschwarzwald übernehmen. Zwar haben sie inzwischen entrümpelt, aber der größte Teil ist unbewohnbar. Die unzähligen Zimmer im oberen Stock sind im Winter „innen wie außen“, sagt Geraldine Schüle. Eisig. Es werden ein paar Winter ins Land ziehen, bis sie ihre Sanierung vollendet haben. „Es geht zurzeit nicht um Wohnen, sondern um Arbeiten. Aber wir leben für den Prozess.“

Bei den Schafen ist Geraldine Schüle sehr gerne. Foto: Geraldine Schüle/privat

Ihren Traum, diesen uralten Hof zu ihrem Ort zu machen, und ihren Alltag, in dem sie mit ihren zwei kleinen Kindern Oskar und Jolanda arbeitsam, karg, abgeschieden und romantisch leben, teilen sie mit einer breiten Internetöffentlichkeit: Geraldine beim Kinderrutsche-Streichen, Geraldine und Patrick beim Heuen oder Kühe einfangen, Patrick, der studierte Architekt, beim Stallbau, Betonmischen oder Disteln-Wegbrennen, die ganze Familie bei der Apfelernte – der Mix aus idyllischem Bauernhof-Tagebuch und schier unglaublicher Sanierungs-Challenge, der Blick durchs Schlüsselloch, interessiert eine halbe Million Follower, Tendenz steigend. Mit den Videos gilt die 32-Jährige als erfolgreiche Influencerin. Inzwischen hat sie Werbepartner, Managerin und Cutter im Rücken.

Content Creator in Vollzeit

Auch wenn vor allem Geraldine Schüle im Vordergrund steht: Sie und ihr Mann sind beide hauptberuflich Content Creator; sie haben sich dazu verpflichtet, täglich schöne Bilder aus ihrem Leben zu liefern.

Der Job ist für Geraldine Schüle ein gutes Beispiel, dass sich Gegensätze nicht ausschließen, sondern befruchten. Einerseits das Analoge, die Arbeit mit den Händen, nah an der Natur, die Schafe, die Selbstversorgung, die Sanierung im Niemandsland. Andererseits das Digitale, die Shorts, das Schnelllebige, das World Wide Web. Während sie den Hof zeigt, tönt und surrt es dauernd aus ihrer Wolljackentasche. Für die Neu-Bauersfrau, die bis vor wenigen Jahren kein Smartphone wollte, die ideale Balance.

Tochter eines Clowns und einer Handleserin

Dieses Gefühl hatte sie nicht immer. Bis vor ein paar Jahren war Geraldine Schüle eine Suchenende. So beschreibt sie sich selbst. Beim Gespräch am Esstisch neben der Küchenhexe, aber auch in ihrem neuen Buch „Unser wilder Hof“, das im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienen ist. Es ist bereits ihr drittes. Im Laufe ihres noch recht jungen Lebens haben sich schon erstaunlich viele Geschichten angesammelt.

Geraldine Schüle ist die Tochter eines Clowns und einer Handleserin. In der schulfreien Zeit waren sie viel auf Tour, sie wuchs zwischen Doppelhaushälfte und Bühne auf. In Köln studierte sie unglücklich Ethnologie und Geografie, und sie machte eine Ausbildung zur Zirkuspädagogin. Dann wollte sie Kriegsreporterin werden, reiste auf eigene Faust in den Nahen Osten und lebte in Beirut unter Hisbollah-Kämpfern. Der Traum zerplatzte an der Realität. Heute sagt sie: „Mir fehlte der rote Faden.“

Dass sie ihn gefunden hat, ist auch eine Liebesgeschichte. Patrick war der Sohn vom Nachbarhof in der Nähe von Freiburg, auf dem sie in ihrer Kindheit und Jugend oft war. Später waren sie zehn Jahre beste Freunde, doch dass sie auch als Paar zusammengehören, daran erlaubten sich beide nicht zu denken. Zu groß erschienen die Unterschiede. Bis zu jenem Tag vor sieben Jahren in einer alten Mühle im Wald, als Geraldine den Mut fand, das Schicksalsthema zur Sprache zu bringen. Per Handschlag beschlossen sie, zusammen zu sein. An die neue Art der Vertraulichkeit mussten sie sich erst gewöhnen.

Die Scheune steht da wie eine Eins

Heute wirken die beiden wie füreinander gemacht, sowohl in den Videos als auch im „Real Life“. Auch hier sind es die Gegensätze, die sich ergänzen. Sie, die kommunikative Gestalterin. Er, der anpackende Umsetzer.

Der große Zuspruch bei Instagram oder Youtube freut Geraldine Schüle. Solange alle im Hinterkopf haben, dass eine Instagram-Story nur wenige Minuten lang ist, „unser Tag hat aber auch 24 Stunden“. Es seien letztlich nur Ausschnitte. Zu den weniger schönen Geschichten in ihrem Leben gehört, dass sie mit ihrem zu früh geborenen Sohn einen Monat auf der Intensivstation verbringen musste. Und ihr Mann hat eine chronische Krankheit. Eine ihrer Botschaften, die sie in die weite Welt versenden: Sie lassen sich davon nicht unterkriegen.

 Sie wollen Menschen mit Informationen und Geschichten ermutigen, ihre Träume zu leben, auch wenn es nicht immer leicht ist. Von dem Link in die Onlinewelt war Patrick Ortlieb übrigens nicht von Anfang an begeistert. Ihm war das zu selbstdarstellerisch. Inzwischen sieht er es anders, deshalb hackt er nicht nur Holz im Wald, sondern verarbeitet das Ganze parallel zu Content.

Es dürfte noch einiges an Videomaterial zusammenkommen. „Seit wir ein Paar sind, sind wir nur am Bauen und Sanieren“, sagt Geraldine Schüle und lacht. Bevor sie auf den Hof kamen, haben sie ein Haus, das Patrick Ortlieb gekauft hatte, runderneuert. „Bis der Hof fertig ist, haben wir bestimmt schon wieder drei, vier neue Projekte.“ Während sie das drinnen am Tisch sagt, gibt er dem Außenstall draußen den letzten Schliff.

Die Scheune, die das Haus von der Größe her überragt, haben sie ungesehen gekauft, weil baufällig. Mittlerweile steht sie da wie eine Eins, sie haben morsche Balken ersetzt, das Dach komplett erneuert und eine Solaranlage installiert. Die Scheune ist nun ein bestens ausgestattetes Lager für Brennholz, Werkzeug, Geräte und Material. Im Winter ziehen die Schafe ein. Nächsten Sommer soll der Kuhstall zum „Warmraum“ werden; damit sie dort Unterschlupf finden, wenn sie sich das Wohnhaus vornehmen. „Wir leben in Phasen“, sagt Geraldine Schüle.

Im Sommer sind Helfer auf dem Hof

In den Sommern sind etliche Freunde und Bekannte da, zelten auf der Wiese und packen mit an. Geraldine Schüle bewirtet sie, und sie bekommen einen Stundenlohn. Auf diese Weise haben sie die Scheune saniert, eine große überdachte Terrasse und den Außenstall hinter dem Haus gebaut und die Photovoltaik installiert. In den Sommern ist so viel Trubel, dass sie sich auch wieder auf den Winter freuen, wenn sie als Familie für sich sind auf ihrem großen, großen Hof.

Am Ende des Projekts wartet ungewohnt viel Platz auf sie. Nachdem sie als Paar zusammengefunden haben, zogen sie in einen Zirkuswagen, natürlich Marke Eigenbau. In der Anfangszeit auf dem Hof wohnten sie weiter im Wagen, in ihrer Seifenblase, um Küche, Stube und Schlafzimmer im Haus für eine Übergangszeit, also bis zur Kernsanierung, als Zuhause herzurichten.

Was für ein Zuhause! Foto: Geraldine Schüle/privat

Auf ihren 20-Quadratmeter-Zirkuswagen, den sie durchs Küchenfenster sieht, zeigt Geraldine Schüle bei der Frage, ob sie wohlhabende Eltern haben, um das alles zu bezahlen. Ihre Mutter wohnt jetzt im Wagen. Nein, sie seien wirklich nicht reich. Sie haben die Internet-Jobs, die Miete aus dem ersten sanierten Haus, Förderungen, und die ganze Eigenleistung. „Und wir brauchen im Alltag durch die Selbstversorgung nicht viel Geld.“ Im Keller stehen Einmachgläser mit roter Bete, Tomatensoße, Apfelmus und hausgemachtem Sauerkraut. „Wir sind aber keine Minimalisten“, können sie gar nicht. Für ihren schaffigen Alltag brauchen sie jede Menge Geräte und Material.

Neben der Sanierung haben sie mit der Landwirtschaft begonnen. Sie halten vier Dexter-Rinder, 20 Schafe, einen Hund und eine Katze. Sie haben 100 Obstbäume sowie Heuwiesen. Um das ehrgeizige Pensum zu schaffen, ist der Morgen heilig. „Andere Eltern sagen, sie brauchen die Abende, wenn die Kinder schlafen“, sagt Geraldine Schüle. „Wir brauchen den Morgen.“ Sie stehen im Morgengrauen auf, weit vor den Kindern, feuern die Küchenhexe an und besprechen sich zwei bis drei Stunden in der urigen Küche, ordnen die Prioritäten. So wächst es ihnen nicht über den Kopf.

Abgeschiedenheit hat ihre Grenzen

Das Heimatverbundene und das Häusliche, das habe sie sich früher selbst ausgeredet. Dabei passe es zu ihr. „Ich habe zum Beispiel gemerkt: Ich koche gern.“ Die Kinder gehen nicht in die Kita, auch weil das von ihrem Hof im Hinterland des Südschwarzwalds eine Riesenfahrerei wäre. Sie sei gerne Mama, aber eben nicht nur.

Die Abgeschiedenheit hat ihre Grenzen. Um die Bauernhofwelt inmitten der Hügel des Südschwarzwalds auskosten zu können, braucht Geraldine Schüle gleichzeitig den Austausch mit der Welt. „Als ich 10 000 Follower hatte, konnte ich noch jedem antworten.“ Das ist vorbei.

Auch auf dem Hof gibt es einen Ort für Auszeiten und Austausch: die mobile Sauna, die sie sich mit anderen teilen und die sie selbst gezimmert haben. Dort treffen sich die Bauersfrauen und die Bauersmänner jeweils separat. Mitten in der Hügellandschaft mit Wahnsinnsausblick – offline.

Buch Geraldine Schüle: „Unser wilder Hof – Von Kühen, Content und dem Mut, die eigenen Träume zu leben“. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 200 Seiten, 17 Euro.

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