Trotz der Schließung der öffentlichen Toilette vor dem Eingang zum neuen Einkaufscenter Gerber in Stuttgart könnte der berüchtigte Treffpunkt der Drogenszene unter der Paulinenbrücke bestehen bleiben. Eine neue WC-Anlage als Ersatz gibt es schon.

Stuttgart - Am 23. September eröffnet das Einkaufszentrum Gerber. An der Ecke Tübinger Straße und Paulinenbrücke wird sich einer der Haupteingänge zu dem Komplex mit 86 Läden befinden. Nur wenige Meter davon entfernt wird gut eine Woche davor, am 15. September, eine öffentliche Toilettenanlage geschlossen, die seit Jahrzehnten als Treffpunkt der Drogenszene gilt. Dass die Schließung des unterirdischen WCs aber etwas mit der Eröffnung des Centers zu tun hat, wird von allen Beteiligten ausdrücklich verneint.

Dass das Tor zur schicken, neuen Einkaufswelt genau neben einem stadtbekannten Drogentreffpunkt liegt, scheint den Investor nicht zu stören. „Zwischen der Schließung der Toilette und der baldigen Eröffnung des Gerber besteht kein Zusammenhang“, betont Katja Bäcker-Wittke, die Pressereferentin der Wüstenrot & Württembergische AG. Das Unternehmen, auf dessen Grundstück die Shoppingmall entsteht, beteilige sich gemeinsam mit der Stadt an der Aufwertung des gesamten Quartiers, so die Referentin. „An dieser speziellen Stelle sind wir aber nicht mit im Boot“, so Bäcker-Wittke.Dass die Szene dem Center weicht, halten Streetworker mit Ortskenntnis für unwahrscheinlich. „Die Leute, die sich dort treffen, werden sich von der geschlossenen Toilette und den Besucherströmen kaum beeinflussen lassen“, glaubt die Sozialarbeiterin Ulrike Simon. Seit mehreren Jahren ist die Mitarbeiterin der Drogenberatung Release an der Pauline, wie der Treffpunkt genannt wird, unterwegs. „Das ist seit mehr als 20 Jahren ein Stammplatz der Szene. Daran konnte auch die große Baustelle nichts ändern“, sagt Simon, „ich denke, das wird auch künftig so bleiben.“

Tankstelle war Anwohnern ein Dorn im Auge

Das Umfeld des Rupert-Mayer-Platzes erklärt den gewachsenen Treffpunkt in weiten Teilen. In direkter Umgebung befinden sich das Furtbachkrankenhaus – eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – und eine Substitutionsambulanz an der Hauptstätter Straße. „Nach der Ausgabe von Ersatzdrogen wie Methadon treffen sich die Leute dort seit Jahren. Das ist für sie soziales Umfeld und ein Stück Heimat“, sagt die Sozialarbeiterin. Die Haltung ihrer Klienten am Rupert-Mayer-Platz beschreibt Ulrike Simon so: „Das lassen wir uns nicht nehmen – nicht durch das Gerber und nicht durch die geschlossene Toilette.“

In der Vergangenheit wurden bereits zahlreiche Versuche unternommen, die Gegend aufzuwerten. Die Tankstelle unter der Brücke war als Treffpunkt zum Vorglühen für Discobesucher und Nachtschwärmer den Anwohnern und der Stadt ein Dorn im Auge. Der Pachtvertrag wurde vor knapp sieben Jahren nicht mehr verlängert. „Auch damals ist die Szene an der Pauline geblieben“, sagt die Sozialarbeiterin Ulrike Simon über diesen Einschnitt.

Kein Sicherheitsproblem für Passanten

Auch aus ordnungspolitischer Sicht klingt die Beurteilung ähnlich: „Die Szene wird sich nicht verändern“, meint Gunter Schmidt, der Leiter der Stabsstelle Kommunale Kriminalprävention im Rathaus. Als Polizeibeamter sei er im Bezirk viel auf Streife gewesen und kenne die Szene daher gut, so Schmidt. Die Polizei und der städtische Vollzugsdienst hätten das Umfeld des Rupert-Mayer-Platzes auch regelmäßig im Blick. Es sei an der Paulinenbrücke jedoch wesentlich ruhiger als am Rotebühlplatz, wo sich ebenfalls eine Szene etabliert hat. Dort treffen sich ebenfalls Suchtkranke, allerdings seien es wohl eher Alkoholabhängige, die in naheliegenden Discountern günstige Getränke kaufen würden. Für das Milieu typische Straftaten kommen am Rupert-Mayer-Platz vor, jedoch gebe es keine punktgenaue Statistik dazu. „Dazu muss man auch das umliegende Gebiet betrachten“, sagt ein Polizeisprecher. Für das Milieu typisch sei der Handel mit Drogen, aber auch mit abgezweigten Substitutionsmedikamenten. Ein Sicherheitsproblem für Passanten gebe es nicht.

Vor 22 Jahren hatten Bürger eine kurze Zeit lang Angst, hier nachts vorbeizugehen. Im Oktober 1992 geschah ein brutaler Raubmord in der Tankstelle. Obwohl der Täter noch in derselben Nacht gefasst wurde, fürchtete man sich damals unter der Brücke. Für die Stadt sind die öffentlichen Toiletten neben der Frage der Drogenthematik auch ein Kostenproblem. „Für die Instandhaltung der öffentlichen Toiletten wurden im Jahr 2013 rund 1,75 Millionen Euro aufgewendet“, sagt Annette Hasselwander, die Pressesprecherin des städtischen Eigenbetriebs Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS), der für die Anlagen verantwortlich ist. Daher wird die bislang kostenlose unterirdische Toilette am Rupert-Mayer-Platz durch eine kostenpflichtige sogenannte Säulen-Automatik-WC-Anlage ersetzt.

Das Umfeld verändert sich weiter

Es hat schon einmal einen Anlauf gegeben, die Toilette zu schließen. Im Jahr 1994 stand eine Reihe von WC-Anlagen auf der Liste einer Beschlussvorlage für den Gemeinderat. Neben den Klos am Rupert-Mayer-Platz waren unter anderem unterirdische Bedürfnisanstalten in der Klettpassage, an der Bebel- und der Eichstraße sowie am Charlottenplatz betroffen. Gegen die Schließung der Toilette an der Paulinenbrücke kam damals Widerstand aus dem Bezirksbeirat, darum überstand sie jene Streichungswelle vor nunmehr 20 Jahren.

Zudem wird sich das Umfeld des Gerber weiter verändern. Die Tübinger Straße wurde von Mai bis September 2012 von der Eberhard- bis zur Sophienstraße zu einer sogenannten Mischverkehrsfläche umgewandelt und durch einen neuen Straßenbelag und Bänke aufgewertet. Nun sollen die Straßen rund um das neue Einkaufszentrum saniert werden, die unter den Bauarbeiten gelitten haben.

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