Gerberviertel in Stuttgart Drogenszene weicht dem Center nicht

Trotz der Schließung der öffentlichen Toilette vor dem Eingang zum neuen Einkaufscenter Gerber in Stuttgart könnte der berüchtigte Treffpunkt der Drogenszene unter der Paulinenbrücke bestehen bleiben. Eine neue WC-Anlage als Ersatz gibt es schon.

Alle Zeichen stehen auf Umbau: Trotz der Neugestaltung des Gebiets im Gerberviertel gehen Kenner der Szene davon aus, dass der Treff der  Drogenabhängigen dort bleiben wird. Foto: Michael Steinert 7 Bilder
Alle Zeichen stehen auf Umbau: Trotz der Neugestaltung des Gebiets im Gerberviertel gehen Kenner der Szene davon aus, dass der Treff der Drogenabhängigen dort bleiben wird. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Am 23. September eröffnet das Einkaufszentrum Gerber. An der Ecke Tübinger Straße und Paulinenbrücke wird sich einer der Haupteingänge zu dem Komplex mit 86 Läden befinden. Nur wenige Meter davon entfernt wird gut eine Woche davor, am 15. September, eine öffentliche Toilettenanlage geschlossen, die seit Jahrzehnten als Treffpunkt der Drogenszene gilt. Dass die Schließung des unterirdischen WCs aber etwas mit der Eröffnung des Centers zu tun hat, wird von allen Beteiligten ausdrücklich verneint.

Dass das Tor zur schicken, neuen Einkaufswelt genau neben einem stadtbekannten Drogentreffpunkt liegt, scheint den Investor nicht zu stören. „Zwischen der Schließung der Toilette und der baldigen Eröffnung des Gerber besteht kein Zusammenhang“, betont Katja Bäcker-Wittke, die Pressereferentin der Wüstenrot & Württembergische AG. Das Unternehmen, auf dessen Grundstück die Shoppingmall entsteht, beteilige sich gemeinsam mit der Stadt an der Aufwertung des gesamten Quartiers, so die Referentin. „An dieser speziellen Stelle sind wir aber nicht mit im Boot“, so Bäcker-Wittke.Dass die Szene dem Center weicht, halten Streetworker mit Ortskenntnis für unwahrscheinlich. „Die Leute, die sich dort treffen, werden sich von der geschlossenen Toilette und den Besucherströmen kaum beeinflussen lassen“, glaubt die Sozialarbeiterin Ulrike Simon. Seit mehreren Jahren ist die Mitarbeiterin der Drogenberatung Release an der Pauline, wie der Treffpunkt genannt wird, unterwegs. „Das ist seit mehr als 20 Jahren ein Stammplatz der Szene. Daran konnte auch die große Baustelle nichts ändern“, sagt Simon, „ich denke, das wird auch künftig so bleiben.“

Tankstelle war Anwohnern ein Dorn im Auge

Das Umfeld des Rupert-Mayer-Platzes erklärt den gewachsenen Treffpunkt in weiten Teilen. In direkter Umgebung befinden sich das Furtbachkrankenhaus – eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – und eine Substitutionsambulanz an der Hauptstätter Straße. „Nach der Ausgabe von Ersatzdrogen wie Methadon treffen sich die Leute dort seit Jahren. Das ist für sie soziales Umfeld und ein Stück Heimat“, sagt die Sozialarbeiterin. Die Haltung ihrer Klienten am Rupert-Mayer-Platz beschreibt Ulrike Simon so: „Das lassen wir uns nicht nehmen – nicht durch das Gerber und nicht durch die geschlossene Toilette.“

In der Vergangenheit wurden bereits zahlreiche Versuche unternommen, die Gegend aufzuwerten. Die Tankstelle unter der Brücke war als Treffpunkt zum Vorglühen für Discobesucher und Nachtschwärmer den Anwohnern und der Stadt ein Dorn im Auge. Der Pachtvertrag wurde vor knapp sieben Jahren nicht mehr verlängert. „Auch damals ist die Szene an der Pauline geblieben“, sagt die Sozialarbeiterin Ulrike Simon über diesen Einschnitt.

Sonderthemen