Gerd Nefzers Wurzeln Oscar-Gewinner zeigt seine schwäbische Heimat
Gerd Nefzer, zweifacher Oscar-Gewinner für Special Effects, ist nahe Schwäbisch Hall in einem kleinen Bauerndorf am Kocher aufgewachsen.
Gerd Nefzer, zweifacher Oscar-Gewinner für Special Effects, ist nahe Schwäbisch Hall in einem kleinen Bauerndorf am Kocher aufgewachsen.
In normalen Zeiten würde Gerd Nefzer jetzt irgendwo auf der Welt Sandstürme auslösen und Monsterwellen erzeugen, Nebelschwaden wabern und Eiskristalle schneien lassen. Nicht am Computer, sondern in Wirklichkeit. Das ist seine Spezialität. Aber es sind keine normalen Zeiten für den Oscar-Preisträger in der Kategorie Special Effects (2018 für „Blade Runner 2049“, 2022 für „Dune“).
Seit dem Frühjahr verbringt der Spezialeffektkünstler, der für Starregisseure wie Denis Villeneuve, Ridley Scott oder Wes Andersen arbeitet, viel Zeit zu Hause in Schwäbisch Hall. Der Hollywood-Streik hat das Unternehmen Nefzer Special Effects ausgebremst. Der Filmstart von „Dune Part Two“, für den sich Gerd Nefzer zumindest eine Oscar-Nominierung erhoffte, ist auf 15. März nächsten Jahres verschoben. Das geht sich nicht aus bis zur Oscar-Verleihung am 10. März 2024. Nominiert kann ein Film nur werden, wenn er zuvor mindestens eine Woche international im Kino gelaufen ist.
Ein 300-Seelen-Dorf am Kocher, von Schwäbisch Hall aus rund zwei Kilometer flussaufwärts gelegen: Tullau. Eine Wirtschaft, eine Kirche, ein Schloss. In diesem Dorf hat Gerd Nefzer als Gerd Feuchter seine Kindheit und Jugend erlebt. Wir treffen uns am Parkplatz an der heute frequentierten Durchgangsstraße. Hier stehen überquellende Container der ortsansässigen Pappenfabrik, der Wind weht Papiermüll über die Straße. Gegenüber zeigt das verblichene Schild das „Gasthaus z. Grünen Baum“ an. Es ist längst keines mehr. „Rechts vom Eingang war der kleine Kaufladen von Frau Federolf, da gab es das Nötigste“, erinnert sich der 58-jährige Nefzer – und auch daran, wie es im Innern der Wirtschaft aussah: An einfachen Holztischen saßen die Männer allabendlich bei einem oder mehreren Bieren beisammen. Manchmal durfte der kleine Gerd den Vater begleiten: „Wenn ich brav war, habe ich einen Bierstängel bekommen.“
Ein Bus brachte die Jungen und Mädchen von Tullau die ersten Jahre zum Kindergarten, danach zur Grundschule nach Schwäbisch Hall-Steinbach. Doch lernen, das war nicht so sein Ding. „Ich war ein fauler Schüler. Wenn ich heimgekommen bin, habe ich den Ranzen ins Eck geschmissen und bin raus.“ Lieber hat er Zeit beim Bauern Kraus und seinen Rindern verbracht. Auch frühmorgens, noch vor der Schule, schlich er sich oft heimlich davon und packte im Stall mit an. „Mutter hat das natürlich gerochen und geschimpft.“ An der Wolfgangskirche vorbei marschieren wir die Kirchgasse hinauf zum Kraus‘schen Hof. Durch das geöffnete Stalltor sind die Rinder zu sehen, die hier gemästet werden. Etwas maulfaul, aber sichtlich geehrt begrüßt der Bauer den prominenten Gast und Helfer aus Kindertagen. Kurzer Wortwechsel auf Hohenlohisch: „Wie goht‘s?“, „Ko ned klage.“
Daheim war Nefzers Familie ein paar Schritte weiter in der Waaggasse. In einem Haus lebten Gerd und seine Schwester Bettina mit den Eltern Elke und Hans, gegenüber Onkel Alfred, dessen Bruder Ebbe und Tante Lore, unten die Großmutter: „An Oma Wilmas Essen denke ich noch heute.“ In Schwaigern hatte die Großmutter ein paar Weinstöcke geerbt, die Enkel halfen bei der Lese und waren beim Sauschlachten dabei.
Die Schreinerei samt Parkettwerkstatt („Parkett legen kann ich noch heute“) und Sargbau („Ich durfte immer die Kopfkissen mit Sägespänen füllen“) sorgten für das Auskommen der Familie. Ein unauffälliges Leben. Bis der Onkel im Jahr 1977 mit einer spektakulären Aktion zum Tagesgespräch wurde. Innerhalb von 30 Stunden legte Alfred mit einem Schubkarren voll Kies die Strecke vom Hafen in Heilbronn bis ins nahe Tullau gelegene Schützenhaus in Westheim zurück. Die gewonnene Wette brachte dem Onkel den Titel Weltmeister im Schubkarrenfahren, den Eintrag ins „Buch der schwäbischen Rekorde“ und die Bewunderung des damals 13-jährigen Gerd ein.
Eine wichtige Rolle im Leben der Dorfbewohner spielte der Kocher, Badeplatz, Schlittschuhbahn und Gefahrenquelle zugleich. Tullauer Kinder müssen früh schwimmen lernen. Den Sommer verbrachte Gerd Feuchter mit den anderen am Wehr. Sie brutzelten auf dem Beton in der Sonne und kühlten sich mit einer Arschbombe vom Sprungbrett aus im dunklen Wasser. Heimlich fischten sie flussaufwärts und grillten den Fang und Kartoffeln überm Lagerfeuer. Es werden solche Treffen gewesen sein, bei denen sie sich die Mutprobe ausgedacht haben: Wer wagt es, 41 Meter hoch über dem Flusstal unter den Gleisen das alte Tullauer Viadukt zu überqueren? „Wir haben uns fast in die Hosen gemacht!“
Das Viadukt. Von hier sprang der Vater im Jahr 1985 in den Tod. D. Ein halbes Jahr später trat Gerd Nefzer aus der Kirche aus. „Unser Vater hatte schwere Depressionen“, sagt er offen, „wir hatten eine anstrengende Kindheit.“ Es ist nicht leicht, wenn alle wissen, dass der Vater in der „Irrenanstalt“ in Weinsberg behandelt wurde. „Erst nach dem Tod von Robert Enke haben die Leute registriert, dass Depression eine Krankheit ist.“ Der Ex-Nationaltorhüter beging 2009 Suizid. Seine Mutter habe harte Zeiten durchlebt. Er habe mit dem Schritt des Vaters seinen Frieden gemacht: „Den Weg hat er selbst gewählt.“
Gerd Nefzers Weg folgte seiner Passion, der Landwirtschaft. Zuerst reichte es nur zum Hauptschulabschluss; an der Landwirtschaftlichen Fachschule ins Ilshofen machte der Praktiker die Mittlere Reife nach. Dann war Schluss mit Hotel Mama. Das erste Lehrjahr bei einer Bauersfamilie in Obermaßholderbach nahe Heilbronn: „Ackerbau, Schweinemast, Obstbau, Schnapsbrennerei, Bienen“, zählt er auf, „ich hab‘ in der Familie gelebt und bin nur am Wochenende heimgefahren.“ Das zweite Lehrjahr auf dem Gliemenhof, einem Milchviehbetrieb bei Hall. Von dort kommt er am Tag unseres Treffens, er hat auf dem Feld mitgearbeitet: „Bin seit heute Morgen auf dem Schlepper gesessen, wir haben Gras siliert.“ Einem wie Nefzer liegt das Nichtstun einfach nicht. Nach dem dritten Lehrjahr auf einem Saatzuchtbetrieb und vier Jahren bei den Landwirtschaftlichen Lehrstätten Triesdorf war Gerd Nefzer Agrartechniker. Wenn er heute fürs Set einen Schlepperfahrer sucht, zapft er die Kontakte zu den Bauersfreunden in der Heimat an.
Inzwischen hatte Onkel Alfred, der Weltmeister im Schubkarrenfahren, das Familienunternehmen in den Ruin getrieben. Mit der Zwangsversteigerung begann 2005 die Entfremdung von Tullau. Gerd Feuchter lernte bei Reitstunden Regina Nefzer kennen. Die Tochter des Haller Requisitenverleihers Karl Nefzer und er verliebten sich.
Zunächst sollte sich der handwerklich geschickte junge Mann für drei Monate am Filmset auf dem Bavaria-Gelände um die Oldtimer der Firma kümmern. Es wurde sein Leben. Als sparsamer Tüftler, der technisch schwierige Aufgaben lösen kann, machte er sich schnell einen Namen. In den 1980er Jahren stieg er nunmehr als Gerd Nefzer ganz ins Filmgeschäft ein. Seine Mutter Elke und Karl Nefzer wurden ein Paar. 1997 gründeten Karl Nefzer, dessen Sohn Uli und Gerd Nefzer die Nefzer Special Effects GmbH in Schwäbisch Hall. „Das ist schon eine verrückte Konstellation.“ Ist Karl Nefzer nun sein Stiefvater oder sein Schwiegervater? Gerd Nefzer lacht lauthals.