Gerhard Berger hält die Rennserie am Leben Warum Hockenheim ein trauriges DTM-Finale wird

In Hockenheim gehen die altbekannten DTM-Boliden zum letzten Mal an den Start – 2021 gilt ein neues technisches Reglement. Foto: imago/Nordphoto
In Hockenheim gehen die altbekannten DTM-Boliden zum letzten Mal an den Start – 2021 gilt ein neues technisches Reglement. Foto: imago/Nordphoto

Gerhard Berger fährt mit gemischten Gefühlen zum DTM-Finale nach Hockenheim – der ehemalige Formel-1-Pilot hat die Tourenwagen-Serie in einer schwierigen Phase trotz Widerständen erhalten.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Gerhard Berger ist ein Vollblut-Racer, ein Rennfahrer durch und durch. Das war er mit 19 Jahren, als er im Ford Escort über den Österreichring bretterte, das war er mit 29, als er in der Formel 1 im Ferrari über die Kurse flitzte, er war es mit 39, als er als BMW-Motorsportdirektor die Geschicke des Herstellers in der Formel 1 lenkte; und auch heute, mit 60 Jahren, ist der Mann aus Wörgl als Chef der großen Tourenwagen-Serie DTM noch immer einer, dessen Welt daraus besteht, stets ein bisserl schneller und gewitzter als der Rest zu sein. Und der das Geschehen mit Metaphern aus der Welt des Motorsports beschreibt. „Corona ist wie ein Motorschaden für uns“, sagt Berger vor dem DTM-Finale an diesem Wochenende in Hockenheim.

Irgendwie ist ein technischer Defekt auf der Zielgeraden vergleichbar mit dem Showdown der Saison an diesem Samstag und Sonntag (jeweils 13.30 Uhr/Sat 1), bei dem keine Zuschauer auf den Tribünen sitzen. Ein Geisterrennen, in dem sich die Audi-Piloten René Rast (Minden), Nico Müller (Schweiz) und Robin Frijns (Niederlande) um den Titel streiten. „Corona plagt uns schon das ganze Jahr“, klagt Berger, „die Strecken, das Produkt DTM, die Technik, alles ist planbar. Ein Virus nicht.“ Keine Fans, das heißt: keine Atmosphäre rund um den Kurs, weder Jubel noch Trauer auf den Tribünen. Außer Motorenlärm nur Stille. Trister hätte der Abschied der „alten“ DTM nicht sein können. Ein Totentanz. Denn in Hockenheim fahren letztmals die sogenannten Klasse-1-Fahrzeuge in der Serie, kommende Saison sitzen die Piloten in GT3-Autos, weil nur so ein ordentliches Teilnehmerfeld zustande kam.

Schwierige Phase für den Motorsport

Das technische Reglement, das seit 2000 gilt, war zu kostspielig geworden und schreckte Neueinsteiger ab. Doch Gerhard Berger wehrt sich vehement dagegen, er werde der DTM das letzte Geleit geben. „Es gibt keine alte und keine neue DTM“, erklärt der Österreicher, „es gibt die DTM, und dort gilt von nächstem Jahr an ein neues technisches Reglement. Die DNA der Rennserie bleibt erhalten. Wir machen business as usual.“ Er hätte auch sagen können: Wir machen einen Boxenstopp, ziehen frische Reifen auf, und dann geht die Raserei weiter wie vorher.

Doch der Weg zu den neuen Technikbestimmungen – zu den Autos, die anders aussehen werden –, der war nicht asphaltiert, der war bestenfalls geschottert. Da ging nichts mit Volllast. Da war Bergers sensibles Gasfüßchen gefragt. Er musste um den Fortbestand der DTM kämpfen wie ein Rennfahrer, der sich in einem unterlegenen Auto den besser ausgestatteten Hintermann vom Leibe halten muss. „Es gab Tage, an denen das sehr schwergefallen ist“, erzählt er, „und Tage, an deren Ende ich Kopfschmerzen hatte.“ In einer Zeit, in der sich der Motorsport neu orientiert, in der so mancher das Röhren eines Verbrennungsmotors mit einem Naserümpfen quittiert, musste der DTM-Chef zig Gespräche führen, um Hersteller und Sponsoren von den Zukunftschancen der DTM 2021 zu überzeugen. Die Verhandlungspartner litten ebenfalls unter Begleitumständen wie Corona und Mobilitätswende und den daraus resultierenden finanziellen Folgen. „Ich habe diesen sportlichen Ehrgeiz. Man kann nicht immer in der ersten Startreihe stehen“, sagt der zehnmalige Grand-Prix-Sieger, „manchmal muss man sich eben nach dem Start eine gute Position erkämpfen.“ So wie früher im Cockpit.

Heftige Kritik am Kurs von Berger

Den einen oder anderen Rempler musste Berger auch als DTM-Chef hinnehmen. Die Kritik kam hauptsächlich aus dem Lager der GT-Masters-Serie, in der ebenfalls GT3-Fahrzeuge starten. Beide Veranstaltungen würden zueinander in Konkurrenz stehen, mangelnde Zusammenarbeit wurde dem Österreicher angekreidet. Doch die Vorwürfe prallten an ihm ab, er hielt unbeirrt seinen Kurs. „Manche Leute gab es, die die DTM nicht mehr sehen wollten, weil sie Eigeninteressen verfolgten“, sagt Berger, der sich sicher ist, dass sich seine konsequente Fahrtrichtung auszahlen wird. Seine These: Die Fans entscheiden, welche Serie die attraktivere ist – und dabei sieht sich der einstige Ferrari-Pilot gut eine Runde im Vorsprung. Als Beleg nennt er die TV-Quoten, die für die DTM zwischen 600 000 und 700 000 Zuschauer pro Rennen ausweisen sowie einen Marktanteil von sechs bis acht Prozent, die GT-Masters kämen lediglich „auf 0,6 Prozent Marktanteil“. „In der DTM fahren Profis ein Sprintformat, das GT-Masters ist ein Langstreckenformat und aus meiner Sicht Breitensport“, sagt er, „das ist nicht vergleichbar.“ Gerhard Berger, der ewige Rennfahrer, freut sich auf die DTM 2021. Wenn nur Corona keinen Motorplatzer verursacht.

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