Gerhard Proß aus Esslingen traf in Rom Papst Franziskus. Foto: Divisione Foto/Mario Tomassetti
In seinem Kalender waren zwei Termine mit dickem Rotstift markiert: Gerhard Proß aus Esslingen hat Papst Franziskus und den griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus getroffen. Die Audienzen mit den Kirchenmännern verliefen ganz unterschiedlich.
Vielleicht steht jetzt ja ein „echter Proß“ im päpstlichen Bücherregal. Denn Gerhard Proß, lange Jahre Leitender Referent des CVJM Esslingen, hat Papst Franziskus während einer Audienz in Rom ein selbst verfasstes Buch überreicht: „Ich kann aber nicht mit Sicherheit sagen, ob er es auch gelesen hat“, scherzt der Protestant mit einem Augenzwinkern. Eine Woche zuvor hatte er Bartholomäus I., den griechisch-orthodoxen Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, in Istanbul getroffen. Denn Gerhard Proß setzt sich als Mitglied des Netzwerks „Miteinander für Europa“ für einen gemeinsamen Termin und ein gemeinsames Feiern des Osterfestes der christlichen Kirchen in Ost und West trotz unterschiedlicher Kalender ein.
Ein bisschen Aufregung ist bei einem Papstbesuch erlaubt. Aufgrund dieser Nervosität erinnert sich Gerhard Proß auch nicht mehr ganz genau an seine exakten Formulierungen. Er ist sich aber fast sicher, Franziskus beim Händeschütteln mit „Grüß Gott“ begrüßt zu haben. Sicher keine unpassenden Worte für das Oberhaupt der katholischen Kirche, meint der Esslinger. Verstanden wurde er auf jeden Fall, denn der Papst verfügt dank eines Studiums in Deutschland über entsprechende Sprachkenntnisse. Er habe denn auch ein paar Sätze auf Deutsch mit ihm gewechselt, freut sich Gerhard Proß.
Deutsche Gespräche mit Patriarchen
Mit Bartholomäus, mit dem er eine Woche zuvor bei einer Audienz in Istanbul zusammengetroffen war, konnte er ebenfalls in seiner Muttersprache reden. Auch der Patriarch hat in Deutschland studiert – und er hatte zu seinem Besucher gleich zu Anfang gesagt: „Wenn Sie langsam reden, verstehe ich Sie.“ Sprachbarrieren gab es also keine. Doch die Begegnungen mit beiden Kirchenmännern verliefen ganz unterschiedlich.
Der Treffpunkt für den Papstbesuch stand schon lange fest: Donnerstag, 19. September, 8 Uhr, vor dem Vatikan. Zusammen mit einer 15-köpfigen Delegation traf Gerhard Proß pünktlich ein. Zu der Abordnung gehörten auch griechisch-orthodoxe Mitglieder des Europa-Parlaments, die über ihr Netzwerk und persönliche Kontakte die Treffen mit beiden Kirchenmännern organisiert und möglich gemacht hatten. Nach Sicherheitskontrollen und der Abgabe der Handys wurde die Delegation in einen prächtigen Wartesaal geführt und etwa eine Stunde später von Papst Franziskus in seiner Bibliothek in den vatikanischen Palästen direkt neben dem Petersdom empfangen, erzählt Gerhard Proß. Die Begrüßung habe das Kirchenoberhaupt in einem Sessel sitzend vorgenommen, zur Verabschiedung sei der 87-Jährige aufgestanden. Neben einigen deutschen Sätzen habe er italienisch geredet, ein Dolmetscher habe seine Worte ins Englische übersetzt. Auch ein gemeinsames Vaterunser sei gesprochen worden.
Straffes päpstliches Programm
Etwa 25 Minuten nahm sich der Papst Zeit für die Abordnung. „Es herrscht ein straffes Protokoll, und er hat den ganzen Morgen Audienzen gegeben“, sagt Gerhard Proß. Angesichts der Fülle an Terminen sowie der Strapazen einer Anfang September zurückgelegten Reise nach Südostasien und Ozeanien sei es erstaunlich, wie aufmerksam der Papst den Anliegen zugehört habe und wie geistig präsent er gewesen sei. Franziskus habe sein Anliegen wohlwollend aufgenommen. Ebenso Bartholomäus. Der 1940 in der Türkei Geborene ist, so Proß, seit 1991 griechisch-orthodoxer Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel mit Sitz in Phanar in Istanbul und Sprecher von ungefähr 300 Millionen orthodoxer Christen in aller Welt.
Vor der Audienz stand der Besuch eines dreistündigen orthodoxen Gottesdienstes in griechischer Sprache an. Dann folgte das Gespräch. Gerhard Proß hat auch dem Patriarchen sein autobiografisches Buch mit dem Titel „Hören – wagen – staunen“ überreicht. „Das ist Ihre Lebensgeschichte?“, habe der Patriarch gefragt und großes Interesse daran gezeigt. Bartholomäus habe sich sehr viel Zeit genommen und sich etwa 45 Minuten lang mit Gerhard Proß und der Delegation unterhalten. Eine längere Gesprächsdauer hätte sich der Esslinger auch bei Papst Franziskus gewünscht, dessen Zeit aber leider sehr knapp bemessen gewesen sei. Schließlich gehe es ja um wichtige Themen.
Treffen mit Patriarch Bartholomäus. Foto: Georges Parissis
Gerhard Proß ist Moderator der ökumenischen Initiative „Miteinander für Europa“, einem internationalen Netzwerk aus christlichen Bewegungen und Gemeinschaften in ganz Europa. Bei Toleranz und Akzeptanz der Unterschiede der Glaubensrichtungen werde eine „versöhnte Vielfalt“ der christlichen Bewegungen angestrebt, sagt der 74-Jährige. Das gemeinsame Feiern des Osterfestes mit orthodoxen Christen trotz unterschiedlicher Kalender liegt ihm am Herzen. Im kommenden Jahr schon würden beide Daten für die Feier der Auferstehung Jesu Christi zufällig zusammenfallen, doch für 2026 wäre ein gemeinsames Begehen ein Herzenswunsch.
Außerdem jährt sich laut Gerhard Proß im nächsten Jahr das christliche Glaubensbekenntnis von Nicäa zum 1700. Mal. Auch hier wäre es seiner Ansicht nach erstrebenswert, wenn dieses Jubiläum von vielen christlichen Gemeinschaften zusammen feierlich begangen werden könnte. Papst Franziskus und Patriarch Bartholomäus hätten ihre Bereitschaft dazu signalisiert. Der Boden sei bereitet. Doch ob die Saat auch aufgehe, müsse die Zukunft zeigen.
„Miteinander für Europa“
Organisation Die ökumenische Initiative „Miteinander für Europa“ versteht sich als eine Wertegemeinschaft, als ein Netzwerk und als ein Bündnis christlicher Bewegungen und Gemeinschaften verschiedener Kirchen in ganz Europa. In einer „Kultur der Gegenseitigkeit“ sollen laut Homepage Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen, sich versöhnen, sich schätzen und gegenseitig unterstützen.
Veranstaltungen Seit 2018 möchte „Miteinander für Europa“ am Europatag, also am 9. Juni, laut Homepage mit lokalen Aktivitäten in verschiedenen Städten aufzeigen, „wie ein vereintes und solidarisches Europa aussehen könnte“. Im Laufe der Jahre seien nationale Komitees entstanden, die heute in neun europäischen Ländern vertreten sind, sowie zahlreiche lokale Komitees. Ein Treffen des Trägerkreises fand in diesem Jahr im rumänischen Timisoara statt.