Gerhard Strauß aus Weissach Der Quer-Denker

Von Florian Mader 

Ob als Gemeinderat, Drehbuchautor oder Arzt – Gerhard Strauß ist immer engagiert. Wir haben ihn in Flacht besucht.

Eine 33-jährige kommunalpolitische Karriere hat Gerhard Strauß beendet. Foto: factum/Bach
Eine 33-jährige kommunalpolitische Karriere hat Gerhard Strauß beendet. Foto: factum/Bach

Weissach - Gemeinderatssitzung, Montag, 26. Februar, 19 Uhr. Natürlich ist auch dieser Termin noch im Kalender von Gerhard Strauß vermerkt. Genauso, wie schon seit Jahrzehnten auch, Routine eben. „Ich bin richtig erleichtert, dass ich nicht mehr dort hin muss“, sagt er und lächelt dabei ganz entspannt. Denn seine letzte Sitzung war im Juli 2017, eine 33-jährige kommunalpolitische Karriere ist damals zu Ende gegangen.

Ein Satz ist seitdem seltener im Weissacher Ratssaal zu hören. Sanft und vorsichtig beugte Gerhard Strauß dann den Kopf in Richtung Mikrofon, sagte mit ebenso ruhiger Stimme. „Herr Töpfer, ich muss leider noch eine Anmerkung machen.“ Abnicken und Absegnen war seine Sache nie. Akribisch hatte er jeden noch so detaillierten Haushalt eines Zweckverbands gelesen, war vorbereitet, hatte Argumente parat. Politik heißt, politisch zu argumentieren, diese Überzeugung könnte man als den roten Faden in Strauß’ Leben identifizieren.

Wie funktioniert die Gesellschaft?

Schon als Schüler in Stuttgart war Gerhard Strauß überall dort, wo politisch gestritten wurde. Ein Kreis von etwa zehn Leuten bildete sich damals, einmal haben sie es sogar geschafft, den späteren Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU) einzuladen. „Spannend und interessant fand ich es, zu erkunden, wie Gesellschaft funktioniert“, erinnert sich Strauß an diese Zeit zurück.

Kultur und Philosophie gehören auch zu einer solchen Gesellschaft, niemals aber Ideologie. „Als Beobachter“ war er auf Demonstrationen, das betont er dann und erklärt: „Die Übernahme von vorgefertigten Meinungen war mir immer schon zu- wider.“

Bis dahin war es aber ein kurviger Weg. Gerhard Strauß sitzt in seinem Haus in Flacht, der Blick reicht über idyllische Felder und den Flecken, die Bibliothek ist groß. Eine Biografie von Iris Murdoch liegt aufgeschlagen herum, eine „sehr interessante Philosophin und Politikerin“, sagt er. Und wieder: Erst nennt er die Philosophie, dann die Politik. Vorher kommt immer das Nachdenken, könnte das heißen – und: Vor der Politik gibt es Wichtigeres. Als Grund für den Rücktritt vom Gemeinderat gibt Strauß „private Gründe“ an. Wer ihn kennt, weiß, dieser Mann hat schlicht mehr Interessen und mehr zu tun, als nur im Ratssaal zu sitzen.

Drehbücher fürs Fernsehen

Zum Beispiel der Film. „Ja, ich hab Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben“, erzählt Gerhard Strauß zum Beispiel von einer Zeit, die er als „Zwischenetappe“ bezeichnet. Einen kompletten Spielfilm hat er zum Beispiel verfasst, auch wenn er dafür eine Absage bekommen hatte. Es wurde dann der „Ratgeber Gesundheit“ der ARD, für den Strauß viele Beiträge produziert hat, über Alzheimer, über Migräne. Als studierter Mediziner war er vom Fach, beendet aber diese Karriere schließlich.

„Ich hab mir gesagt: jetzt hast du schon das Studium, jetzt willst du auch als Arzt arbeiten“, erinnert er sich. Im Raum Stuttgart sucht er daher eine Praxis, wird schließlich in Leonberg fündig. Gerhard Strauß ist Neurologe und Psychiater, denn das sei eine sehr „vielfältige“ Disziplin, erklärt er. „In der Psychologie lernt man das komplexe Wesen des Menschen kennen, das hat mich fasziniert.“ Tagsüber kümmert er sich fortan um Schädel-Hirn-Traumata und Schlaganfälle, abends fährt er ins Leonberger Krankenhaus und behandelt Suizid-Patienten.